Neol. Sprossenhaue

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Neol. Sprossenhaue

Beitragvon ulfr » 07.02.2009 18:50

Bekanntlich hab ichs ja nicht so mit Kriegsspielzeug, aber diese Dinger haben mich schon lange zum Nachbau gereizt: Neolithische Sprossenhauen. Diese wenig bekannte Fundgruppe ist mit mehreren Exemplaren aus dem späten nordischen Mittelneolithikum und aus dem Jung- und Endneolithikum des circumalpinen Raumes belegt.
Über die Verwendung ist man sich bisher nicht abschließend einig, es dürfte sich jedoch um Hiebwaffen handeln, dafür spricht eine abgebrochene Sprosse, die noch in einem Schädel steckt, vom Fundplatz Tygelsjö in Schonen. Eine Nutzung als Ackergerät ist nicht wahrscheinlich.
Es gibt einige verschiedene Typen von Hauen, die hier folgt in der Form dem Schaft von Niederwil (CH), das Original ist aber in der Längskante etwa um ein Drittel dicker. Als Dorn dient ein Rothirschgeweih von einem jungen Bock, das im Fall der Haue von Lüscherz (CH) auch mal über 40 cm lang sein kann. Der Stiel ist aus einem dicken Apfelbaumaustrieb (hatte ich noch rumliegen), botanische Vorgabe war ein Rosenblütler. Es könnte sich also auch um Eberesche oder Elsbeere gehandelt haben, die ich von der Elastizität vorziehen würde. Nu ja, beim nächsten Mal...
Schaftlänge 72 cm. Der Dorn ist mit einem Geweihstift gesichert.

Literatur: Kaiser, Michael. J. 2002. Die funktionelle Deutung der spätneolithischen Sprossenhauen Europas, in: Experimentelle Archäologie in Deutschland, Bilanz 2002, 7-33, Oldenburg, Isensee

Sollte in keinem Werkzeugkasten fehlen, besonders geeignet für neolithische SpecOps :D

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Wem fallen alternative Deutungen ein? Ich hatte schon an ein Gaff (Schlaghaken) gedacht, mit dem man Fische hinter den Kiemen einhakt und an Land zieht, oder auch den Haken gleich in den Fisch schlägt ... Die modernen Gaffs (und auch der Fund von Pritzerbe) sind aber viel deutlicher gebogen...

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Beitragvon jsachers » 07.02.2009 19:24

Die Form erinnert mich spontan an den mittelalterlichen Rabenschnabel ? und der war tatsächlich nur dazu da, Leuten den Schädel (oder andere verfügbare Körper-/Rüstungsteile) einzuschlagen ?
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Beitragvon Trebron » 08.02.2009 11:45

:shock: ...und das wird wieder sofort nachgebastelt

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Beitragvon ulfr » 08.02.2009 12:32

jsachers hat geschrieben:Rabenschnabel


Genau die zitiert Kaiser in seinem Bericht auch. Er hat Versuche durchgeführt, bei denen er mit einer Sprossenhaue eine 12 mm dicke Schicht aus 3 Lagen Rindsleder mühelos durchschlägt.

Falls jemand zufällig eine Rothirsch-Spießerstange, also eine lange Geweihstange ohne Abzweige von einem jungen Hirschen, rumliegen hat und nicht weiß, was er damit anfangen soll - ich tausche gern :wink:

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Beitragvon Steve Lenz » 08.02.2009 12:44

Schicke Sache (mal wieder)!

Muss mal wegen dem Spießer nachsehen. Ich zögere noch, aber der Hirschschädel mit Geweih (nicht unkapital) ist so zerfallfreudig, dass ich?s wohl doch als Materialressource statt als Deko verwende.

Ich mach mal bei Gelegenheit Pics. Wenn?s zusagt nehme ich Deine Abnahmezusage als Entscheidungshilfe, Wulf. Mario braucht ja auch noch einen g?scheiten Geweihhammer zum Pöckern...
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Beitragvon Indy » 08.02.2009 13:32

Von der Form her mußte ich als erstes an eine Steighilfe (Pickel) denken. Weiß nicht, obs stabil genug ist.
Quasi ein kombinierter Gehstock und Meinungsverstärker...

Schickes Teil!
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Beitragvon Trebron » 08.02.2009 15:07

Hirnpicker :D

Habe zwar genügend Geweih, aber leider keine Spießer,
aber die Sprossen an dem einen Teil sind lange genug.

Die Ninjas haben doch in ihrem Waffenarsenal auch sowas ?


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Beitragvon Thomas Trauner » 08.02.2009 18:24

Mir geht das Ding auch schon dauernd durch den Kopf... :D
Ich finde M.Kaisers?Untersuchung schon recht einleuchtend. Als Grabungshacke ist es aufgrund des Winkels Stab/Sprosse eher ungeeignet. Da es sich ja um einen geschäfteten Fund handelt, steht der Winkel schon recht klar fest.
Als Bergsteigerwerkzeug - na ja, es gibt an den verschiedenen Fundorten nicht überall Berge....

Grundsätzlich ist vermutlich die Grenze Werkzeug/Waffe im Neolithikum wohl immer schwer zu ziehen.
Wobei ich mir auch nichts gescheides als Werkzeug einfällt.
Rein vom Gefühl her halte ich die Konstruktion für ein "Gaff" ein wenig überstabil...

Und dann da noch der Schädel.... und die Verbreitung bis nach Süddeutschland....Funde der Altheimer Gruppe werden in der Literatur als "Ackergeräte" angesprochen.
Ich zerbrech mir echt den Kopf...und denk trotzdem an den seltenen Fall einer neolithischen Waffe...

Thomas
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Beitragvon Blattspitze » 08.02.2009 21:56

Tolle Arbeit Ulfr! :shock:

Nach Michael Kaiser`s Schlußbemerkung im oben zitierten sehr guten Artikel ist die Deutung als Waffe die "einzige realistische".
Ich hadere mal wieder damit, dass eine Werkzeugfunktion für, ich nenne es mal, - profane Tätigkeiten, sofort vorausgesetzt wird, eine funktionale Deutung als Waffe für einen neol. Fund jedoch wieder ganz besonderer Beweise bedarf.
Alle Indizien weisen eindeutig auf eine Waffe, so what?

Ich möchte hier eindringlich auf die Diss von G. Lidtke verweisen, u.a. mit zahlreichen Belegen für Kopfverletzungen:

http://ub-ed.ub.uni-greifswald.de/opus/ ... undula.pdf

Aus der Zusammenfassung: "Krieg als geplante Zwischengruppenaggression ist spätestens ab der Linienbandkeramik anzunehmen; .... ."
Diese Sprossenhauen erinnern ein bisschen an die massiven bifazialen Flint- Dolkokse aus Dänemark und Schleswig-Holstein, die ja manchmal auch etwas gebogen sind.

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Beitragvon TZH » 09.02.2009 09:48

Sehr schön, Ulfr! Wirst du es zerhauen um zu sehen was der schaft erträgt? :wink:
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Beitragvon ulfr » 09.02.2009 12:25

Nein, werde ich nicht. Denn erstens hat Micha Kaiser schon mehrere Repliken beim Test auf Ackerbaueignung zerbrochen, zweitens ist der Schaft wie geschrieben aus Apfelholz, das nicht sehr langfaserig ist, drittens stimmen die Dimensionen nicht, und viertens hat der Geweihspieß mindestens 10 Jahre im Wald rumgelegen, ist also nicht mehr der elastischste. Ich fürchte, das Ding würde nicht mal einen kräftigen Schlag aushalten. Ein Test würde (wird) sich nur lohnen, wenn ich wirklich das Original so gut wie möglich repliziert hätte. Aber ich hab im Keller noch ein Geweihstück, das sich für eine weitere Replik, aber vom anderen Typ, eignen würde, und die werde ich dann auch mal testen.
Fortsetzung folgt, der Schaft ist nämlich schon in Arbeit...

@ Thomas: Stell Dir einen 2 m langen Wels vor, dann ist das Ding als Gaff eher underconstructed ...

@ Marquardt: In diesem Fall stimme ich Dir - und auch Thomas - vollkommen zu, eine Deutung als Waffe drängt sich regelrecht auf.

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Beitragvon Trebron » 11.02.2009 15:50

ulfr hat geschrieben:@ Marquardt: In diesem Fall stimme ich Dir - und auch Thomas - vollkommen zu, eine Deutung als Waffe drängt sich regelrecht auf.

ULFR


Das drängt sich auf, bei Deiner wundervollen Reko sowieso :D

Ich habe mal überlegt, ob das auch als "Furchenkratzer" zum legen von Saatgut geeignet wäre, oder ob da die anderen "Geweihhacken" besser sind, weil der "Schnabel" kürzer und dadurch das Teil führiger ist ?
Ich stelle das mal so in den Urzeitraum, oder hatte man schon spezielle Geräte dafür, Samen streuen meine ich :wink:

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Beitragvon Thomas Trauner » 11.02.2009 16:40

Trebron - im entsprechenden Artikel in Experimentelle Arch. wird eben angeführt, dass der Winkel zwischen dem Geweih und dem Schaft sehr ungünstig für die Verwendung als Ackergerät wäre. Das der Anlass für den Artikel, da die bisherigen Funde der Geweihenden, ohne Schäftung, eben als Ackergeräte angesprochen wurden.

Thomas
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Beitragvon ulfr » 11.02.2009 18:38

Zudem fehlt jede Art von Gebrauchsspuren, die in die Richtung "Erdarbeiten" führen.
Und die gefundenen neol. Furchenstöcke sind aus Holz, aus einer Astgabel. Bei den Sprossenhauen wäre zusätzlich noch das überstehende Schaftende im Weg

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Beitragvon Trebron » 11.02.2009 19:18

Ich will das alles ja nicht in Abrede stellen, aber ich habe mir ja auch so ein "Ding" gebaut. Der Winkel zw. Stiel und Geweihdorn entsprich dem von Ulfr. Lediglich die Krümmung im vorderen Bereich ist bei weitem nicht so stark und oben ist der "Überstand" etwa nur 2/3.
Ich war mit dem Ding gerade im Garten und habe eine Furche gezogen, da könnte ich locker Samen einlegen, der so 1-2 cm tief liegen sollte. Das hätte auch funktioniert, wenn das Teil oben länger gewesen wäre. Es kommt ja auch auf die Körperhaltung und die Größe dessen an, der diese Arbeit verrichtet.

Nicht sauer sein, aber manchmal habe ich den Eindruck, das viel von dem geschriebenen übernommen wird, ohne es SELBST probiert zu haben.

Ulfr`s "Gerät" schaut zweifelsfrei nach Waffe aus, meines ist noch stumpf uns nicht ganz so lang ( Geweihspross ). Da ist m. E. die Entwicklung von Ackergerät (meines) zur Waffe (Ulfr`s ) veranschaulicht.
Kann man das so akzepieren ? :D

Gruß

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