Silexabbau

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Silexabbau

Beitragvon Manu » 11.08.2010 15:44

Hallo ihr,

ich würde gerne einmal wissen, wie Silex abgebaut wird. z.B. in Asch auf der Schwäbischen Alb. Wie ist so was denn vor sich gegangen. Rausbekommen habe ich, daß es Schächte gab. :?
Also klettert da jemand rein und dann? Feuerstein ist doch hart, konnten die damals ganze Knollen rausholen oder waren das Schichten aus Feuerstein? Wie hat man die dann zerschlagen ?
Irgendwie fehlt mir da jegliche Vorstellungskraft.

Wenn jemand ein einfaches Buch oder eine Website kennt, bin ich auch dankbar für die Adresse.

Ich hätte noch eine Zustatzfrage, könnt ihr euch vorstellen, daß es Händler gab die den Feuerstein dann in die Dörfer brachten? Oder ist es wahrscheinlicher, daß von den Dörfen Leute ausgesandt wurden, um Feuerstein zu holen?

Die dritte Frage :oops: Könnte es wirklich so gewesen sein, daß hauptsächlich Kinder für Abbauarbeiten genommen wurden? Das kann ich mir gar nicht so vorstellen, die sind doch nicht so stark :idea:
Manu
 

Beitragvon Hans T. » 11.08.2010 16:44

1) Schacht abteufen (=tiefes Loch buddeln) (falls notwendig.....)
2) Mann runterschicken, Steighilfen unbekannt, bislang jedenfalls. Steigbäume oder Seile denkbar
3) Silex steht immer in Knollen an, im Lehmbettung. Die Knollen werden freigelegt und nach oben verbracht.
4) Keine Kinderarbeit, weshalb denn.
5) Zuschlagen der Knollen in Halbfertigprodukte noch vor Ort. Nachweis: Abfallhalden vor Ort
6) Verhandelung durch Spezialisten (Nachweis: Der Fund von Silex-Werkzeug ist oft weit weg vom geologisch nachweisbaren Abbaugebiet. Silex kann nicht ewig frei gelagert werden, er sollte "bergfrisch" verarbeitet werden. Man kann von speziellen Händler, die Halbfertigprodukte vertickert haben, ausgehen.

H.

Bilf folgt.
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Beitragvon Fridolin » 11.08.2010 16:45

Zunächst mal einige Literaturtipps zum Silexabbaugebiet von Abensberg-Arnhofen im schönen Landkreis Kelheim:

http://de.wikipedia.org/wiki/Feuerstein ... g-Arnhofen

Michael M. Rind (Hrsg., 1987) Feuerstein, Rohstoff der Steinzeit – Bergbau und Bearbeitungstechnik. Archäologisches Museum der Stadt Kelheim. Museumsheft 3

Michael M.Rind (2004) Zum Stand der Ausgrabungen im Arnhofener Hornsteinbergwerk. Varia neolithica III, Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 37, 57-64

Engelhardt, Bernd 1984, Das neolithische Silexbergwerk von Arnhofen Das Archäologische Jahr in Bayern, 35-36

Klaus Eisele und Michael M. Rind 2000, Neues zum Hornsteinbergwerk von Arnhofen - Ein DFG Projekt im Landkreis Kelheim, Das Archäologische Jahr in Bayern 21-25

http://www.flintsource.net/nav/frm_namelist.html


Dort wurde Plattenhornstein abgebaut, der im Mittelneolithikum weit verhandelt wurde. Im Mittelmaingebiet macht das Arnhofener Material schätzungsweise 80-90% des im Mittelneolithikum verwendeten Hornsteins aus.

Die Schächte wurden in sandige Sedimente der Oberen Süßwassermolasse abgeteuft, sie sind bis zu 8 m tief und 2 m weit. Sie enden an der Basis einer etwa 1 m mächtigen, mit Plattenhornsteinen angereicherten tonigen Schicht, die unmittelbar den Plattenkalken des Oberen Jura aufliegt. Dabei handelt es sich um den Lösungsrückstand der hornsteinführenden Plattenkalke.

Eine Sortierung der Silexplatten fand vor Ort statt: Es wird geschätzt, dass nur etwa 10% der vorhandenen Silexplatten den Qualitätsansprüchen entsprachen und geborgen wurden. Der Ausschuss wurde gleich wieder in die Schächte geworfen, die anschließend mit dem Aushub verfüllt wurden.

Es spricht vieles dafür, dass der Silexabbau von erfahrenen Bergleuten betrieben wurde. Immerhin existieren ca. 20 000 Schächte. Ob Kinder in die Schächte steigen mussten? Wer weiß....


Viele Grüße

Fridolin
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Beitragvon Hans T. » 11.08.2010 16:54

Bild

Hier ein Querschnitt durch einen Teil des Feuersteinbergwerks von Abensberg-Arnhofen (bei Kelheim), hier als 1/15er-Modell im NHM Nürnberg. Zwei Mann am Schacht, einer schlägt die Knollen zu, ein Händler kauft auf.

Bild

H.
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Beitragvon Blattspitze » 11.08.2010 18:27

Wow, was für ein schönes Diorama!

Zur Kinderarbeit beim Abbau: Soweit ich es recht erinnere, gibt es einen traurigen Befund aus einem Schacht in Belgien oder Holland, wo ein im Schacht verschütteter Bergmann mit einem Kind zusammen gefunden wurde. Ein Gezähe aus Hirschgeweih lag auch dabei...
Gruß Marquardt
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Beitragvon Kurt A. » 11.08.2010 18:53

Marquardt, ich glaube Du bringst da leider einige Dinge durcheinander. In der Literatur wird des Öftern der sogenannte "Bergmann" von Obourg als Beleg für einen Verschütteten genannt. Dabei handelt es sich um einen Skelettfund von 1891, der angeblich zusammen mit einem Hirschgeweihgezähe gefunden worden sein soll. Kürzlich durchgeführte 14C Datierungen haben ergeben, dass die menschlichen Skelettreste aus der älteren Eisenzeit stammen. Ebenso ist unklar, ob der damals gefundene Schädel zu den restlichen Skelett-Teilen gehört. Verschiedene Hirschgeweihfunde aus dem Areal der vermuteten Silexmine datieren aber ins Neolithikum, so dass die Bearbeiter auch für das Gezähe eine vergleichbare Datierung annehmen. Der verschüttete Bergmann aus Obourg ist also ein Mythos... Wer mehr dazu wissen will:

http://www.minesdespiennes.org/blog/200 ... -en-ligne/

(File NP 28, 93-96)

Es ist richtig, dass in ausgebeuteten neolithischen Abbauschächten immer wieder menschliche Skelette oder Skelett-Teile gefunden werden (auch von Frauen und Kindern). Wo genaue Beobachtungen vorliegen, scheint es sich aber nie um Verschüttete zu handeln. So gesehen lässt sich archäologisch nicht belegen, dass tatsächlich Kinder am Silexabbau beteiligt waren.
Zuletzt geändert von Kurt A. am 11.08.2010 19:01, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Hans T. » 11.08.2010 19:00

Weshalb auch. Das Modell ist exakt in 1/15, der Querschnitt entspricht dem Befund sehr genau. Da sieht man deutlich, dass da ohne Probleme ein erwachsener Mann Platz hat.

H.
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Beitragvon Kurt A. » 11.08.2010 19:30

Wenn wir schon bei Mythen sind: Es ist übrigens auch ein nicht ausrottbarer Mythos, das Silex "bergfrisch" sein muss. Der gute alte Don E. Crabtree, ein Pionier der Silexbearbeitung schreibt dazu:

" I have had a piece of Grand Pressigny flint which was collected in 1937 by Dr. H.C. Shetrone and given to me in 1940. I recently made this into blades and artifacts. I have had this material stored for these many years in an unheated building and yet, after 28 years of storage, it was still flawless. Recently Dr. Bordes and Dr. Tixier sent me some fresh material from this same locality. Comparison reveals no differencies in workability or character in the fresh samples and the Shetrone flint which was stored for some 28 years".

D.E. Crabtree, Notes on experiments in flintknapping: 3. The Flintknapper's raw materials. Tebiwa 10(1), 1967, 8-24. [S. 14].

Meine Erfahrungen decken sich mit diesen Aussagen: Solange das Material keine Frostrisse oder Hitzesprünge hat, ist es problemlos verarbeitbar. Ich hab schon viel gutes Rohmaterial zerlegt, das ich bloss an der Oberfläche gesammelt hatte und da sind viele gute Repliken dabei rausgekommen...
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Beitragvon Manu » 11.08.2010 20:39

Vielen Dank an euch, jetzt habe ich mal richtig was zu tun. Hoffentlich geht die Diskussion noch weiter.

@Hans T.
Die Bilder sind spitze, genau das Richtige für mich. Mit Bilder verstehe ich es gleich viel besser :D
Manu
 

Beitragvon Hans T. » 11.08.2010 20:59

Manu, genau deswegen machen wir ja solche Modelle... :D :wink:

Kurt: Danke wg Bergfrisch. Ich als Nichtschläger glaub halt fast alles was man mir zur Steinbearbeitung erzählt.... :oops: :wink:

H
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Beitragvon Blattspitze » 12.08.2010 10:07

Uff, danke für den aktuellen Stand Kurt!
Habe ich mich recht an falsche (alte) Quellen erinnert. Allerdings meinte ich nicht den Befund in Obourg sondern einen anderen eines Mannes mit einem Kind, der aber offensichtlich auch nur ein Mißinterpretation alter Quellen ist. Also sind keine prähistorischen Grubenunglücke nachweisbar.
Wenn die in den Schächten gefundenen Menschenreste generell Bestattete sind, ist auch unklar, wer dort abgebaut hat, Frauen, Männer oder Kinder ? "Kinderarbeit" ist so ein heutiger belasteter Angstbegriff, wobei prinzipiell unbekannt ist, in welchem Alter damals Kinder zu Erwachsenen "gemacht" wurden? Gibt es denn überhaupt Abbaureviere mit generell besonders engen und niedrigen Abbaubereichen?

Ebenso wäre die heute meist zu beobachtende geschlechtspezifische Zuordnung Steinbearbeitung=Männersache zu hinterfragen, die allerdings ethnographische Parallelen hat. Ich kann mir auch gut vorstellen, das Homo Erectus - Damen Faustkeile herstellten.

Der "Bergfrische"- Mythos scheint unausrottbar, bei jeder Demo wird man darauf angesprochen. Allerdings, was ist mit "Water- treatment", also einer verbesserten Bearbeitbarkeit durch vorheriges Wässern? Viele schwören darauf. Das wäre etwas fürs "Measurable Flintknapping" unter Laborbedingungen und auch relativ einfach durchführbar.

Gruß Marquardt
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Beitragvon Manu » 12.08.2010 10:41

So wie es aussieht, spielt nicht unbedingt die Grösse der Stollen eine Rolle, wobei ich das noch recherchieren möchte, sondern vor allem die Armut der Menschen. Ein kleiner Zeitungsausschnitt aus der heutigen Zeit:

http://www.ngo-online.de/2005/06/10/tag ... derarbeit/

Somit erübrigt sich wahrscheinlich die Frage, ob Kinder zum Silexabbau eingesetzt wurden. :(
Manu
 

Beitragvon Blattspitze » 12.08.2010 12:44

vor allem die Armut

Somit erübrigt sich wahrscheinlich die Frage, ob Kinder zum Silexabbau eingesetzt wurden

Weniger Armut (Was bedeutet das überhaupt im Neolithikum?) denn Machtverhältnisse und uns ganz unbekannte Voraussetzungen dürften hinsichtlich der speziell Ausführenden dieser Tätigkeiten entscheidend gewesen sein.
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Beitragvon Mark77 » 12.08.2010 12:51

Hallo Manu,

spannende Fragen stellst du da. :)
Da ich ein paar Tage lang weg war, kann es sein, dass sich ein paar meiner Antworten mit den bereits gegebenen überschneiden.

Für den Silex-Abbau kann man zwischen 4 verschiedenen Varianten für den Tageabbau und 2 für den Untertageabbau differenzieren.

    1. Klauben: Aufsammeln von Feuersteinknollen an der Oberfläche
    2. Gräberei: Abtragen einer dünnen Deckschicht zur Freilegung der direkt unter der Oberfläche liegenden Knollen (flache Vertiefungen)
    3. Kuhlenbau: runde bis quadratische, mannstiefe Löcher (trichterförmiges Aussehen)
    4. Pingenbau: Erweiterung einer Kuhle ab Sohle (z.B. in Asch, D)
    1. Duckelbau: unregelmäßige Ganganlegungen, die häufigsten Knollenakkumulationen folgen
    2. Weitungsbau: weitaus regelmäßigeres Gangsystem (z.B. Krzemionki, PL)


Was den Abbau angeht wurde m.E. schon reichlich zitiert und beigetragen (Geweihgezähe, Wasser mit Feuerlegung, etc.).

Die Knollen wurden beim Untertageabbau per Seil und Körbe hochgehieft (siehe die tollen Photos) und vor Ort größtenteils bereits zu Halbfabrikaten weiterverarbeitet. Die Arbeiter dazu kamen meist aus den angrenzenden Dörfern.
Was auch noch interessant ist: in Krzemionki konnte über den Schachteingängen einfache Hütten nachgewiesen werden, die vor Regen schützten.

Die Rohstücke und v.a. die Halbfabrikate wurden nicht nur in das angrenzede nächste Dorf gebracht sondern auch weit gehandelt. Aus der LBK Polens ist bekannt, dass Beile aus Krzemionki-Hornstein (das sind Jurahornsteine) bis zu 500km weit gehandelt wurden.

Zum Thema Kinderarbeit wurde, genke ich, schon genug beigetragen und ich selber wüsste dazu auch recht wenig.

Hoffe dir da auch etwas geholfen zu haben. :D

Schöne Grüße,
Markus

@Hans: Schönes Diorama!!!
Mark77
 

Beitragvon Manu » 12.08.2010 13:24

Hallo Mark,

vielen Dank. Du schreibst:

4. Pingenbau: Erweiterung einer Kuhle ab Sohle (z.B. in Asch, D)


Da ich mich besonders für den Abbau in Asch interessiere, noch eine Frage:
Bedeutet der obere Satz, daß die Leute eine Kuhle gegraben haben und ab der Sohle, also ab Begin der Schicht mit Feuerstein dann auch quasi Untertage abgebaut haben, so daß sie auch kleine Stollen in die Erde gruben, die abgestützt werden mußten? Oder bedeutet Erweiterung, daß alles über der Feuersteinschicht abgetragen wurde?
Manu
 

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