Sollen wir archäologische Funde wegschmeißen?

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Sollen wir archäologische Funde wegschmeißen?

Beitragvon ulfr » 21.09.2018 14:43

... fragen sich dänische Politiker und wollen einen großen Teil des "alten Gerümpels" entsorgen:

https://videnskab.dk/kultur-samfund/for ... adig-i-dem

Dänische Wissenschaftler sind entsetzt und wehren sich vehement.

Da sind wir mal gespannt, wann eine solche Diskussion hierzulande losbricht.
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Re: Sollen wir archäologische Funde wegschmeißen?

Beitragvon Blattspitze » 08.10.2018 11:47

Hmm ... ich bin des Dänischen nicht vollständig mächtig.
In Deutschland wurden meines Wissens nach schon häufig archäologische Funde "weggeschmissen", wenn ich richtig informiert bin. Abhängig davon, was man als "archäologischen Fund" definiert.
Vermeintlich unbearbeitete Steine aus archäologischen Befunden, jungsteinzeitliches und jüngeres erhaltenes Holz aus Feuchtboden - Baubefunden kann doch kaum komplett eingelagert werden, oder mittelalterliche Ziegelsteine?
Keramikscherben als eine der häufigsten Fundgattungen wurden schon geschreddert ...
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Re: Sollen wir archäologische Funde wegschmeißen?

Beitragvon LS » 09.10.2018 10:11

Keramikscherben als eine der häufigsten Fundgattungen wurden schon geschreddert ...


Blattspitze, kannst Du da mal Beispiele nennen?
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Re: Sollen wir archäologische Funde wegschmeißen?

Beitragvon ulfr » 09.10.2018 10:40

Blattspitze hat geschrieben:Hmm ... ich bin des Dänischen nicht vollständig mächtig.


Mir fehlt leider momentan die Zeit, den ganzen Artikel zu übersetzen. Die Argumentation der "Wegschmeißen"- Gegner ist aber imho nachvollziehbar. Frau Frei, die letztens in der ansonsten fragwürdigen TV-Schmonzette zum Mädchen von Egtved als sympathische seriöse Wissenschaftlerin auftrat, betont, dass archäologische Funde insgesamt wie ein Buch seien, in dem viele Seiten beschrieben seien, viele jedoch auch nicht. Unbearbeitete Funde in den Magazinen enthielten Informationen, die vielleicht noch mal wichtig sein können, wenn z.B. neue Untersuchungsmethoden entwickelt werden.
Wenn also Ole Winther vom Kulturministerium vorschlägt, im Rahmen eines "Frühjahrsputzes" bis zu 75% des "Gerümpels" in den Museen zu entsorgen (später ruderte er auf 50% zurück), dann hieße das, die Hälfte eines Puzzles wegzuwerfen, während man dabei ist, es zusammenzusetzen.
Mir ist auch klar, dass die Magazine in Gottorf schon aus den Kellerfenstern hinausquellen, eindeutig unbearbeitete Steine muss man nicht unbedingt aufheben, und das schmale Budget vor allem kleiner Museen schafft hier Tatsachen. Aber sollte man dann nicht weitere geeignete Räumlichkeiten anmieten bzw. Geld zur Archivierung bereitstellen? Was ist uns unser kulturelles Gedächtnis wert?
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Re: Sollen wir archäologische Funde wegschmeißen?

Beitragvon Blattspitze » 09.10.2018 13:09

LS hat geschrieben:
Keramikscherben als eine der häufigsten Fundgattungen wurden schon geschreddert ...


Blattspitze, kannst Du da mal Beispiele nennen?


Können täte ich schon, aber möchten will ich hier nicht ... ist auch schon einige Winter her (hüstel) ...

ulfr hat geschrieben:... Geld zur Archivierung bereitstellen? Was ist uns unser kulturelles Gedächtnis wert?


Ganz genau, wie bemisst man den materiellen Wert von Material, an das man seit 50 Jahren keine Fragen gestellt hat und nicht weiß, ob überhaupt noch einmal Fragen daran gestellt werden? Und das auch noch in Konkurrenz zu anderen, die auf die gleichen Geldmittel-Töpfe schielen ?
Dabei sollte klar sein, dass es hier nicht um seltenes, außergewöhnliches, sondern mengenmäßig und fundgattungsbezogen typisches und bekanntes wie z.B. Siedlungskeramik handelt.
Und es ist klar, das bereits auf der Grabung entschieden wird, das eine Menge Material nicht aufbewahrt wird, von dem man einschätzt, das es keine weiteren (aktuell erkennbaren) Informationen enthält. Graben heißt zerstören. Werden heute eigentlich Bodenproben aus z.B. den Pfostenlöchern gesichert und aufbewahrt?
Ist es ein total ketzerischer Gedanke, wenn bei akuter Raumnot beispielsweise alle ungeraden Fundnummerntüten mit z.B. kaiserzeitlicher Siedlungskeramik entsorgt werden, wenn man noch eine Stichprobe behält?
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Re: Sollen wir archäologische Funde wegschmeißen?

Beitragvon ulfr » 10.10.2018 00:10

Blattspitze hat geschrieben: wenn man noch eine Stichprobe behält?


Wenn in einer der anderen Proben unter Tausenden von Scherben aus dänischem Ton eine aus englischem ist - wie in dem Bericht zitiert - dann ist es ein Problem, oder?
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Re: Sollen wir archäologische Funde wegschmeißen?

Beitragvon S. Crumbach » 16.10.2018 13:44

Ganz ehrlich: nachdem ich gefühlt 100 kg Schlachtabfälle aus einer der Duisburger Innensttadtgrabungen inventarisiert hatte, konnte ich mich schon mit dem "Weg-Werf-Ding" anfreunden. Auch große Steinmengen sind immer mal wieder ein Problem.

Aber auf der anderen Seite gibt es auch für sperrige Massenfunde Lösungen. Ich habe hier eine registrierte Steinreibemühle mit Reibstein in der Werkstadt, die ich auch mit auf Verranstaltungen nehme.

So kann ich einen Gegenstand zeigen, zugleich ist es auch möglich den Lagerplatz für andere Dinge u nutzen.
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