Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

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Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon Blattspitze » 15.01.2019 18:26

Bezüglich eines Artikels zur Ethik in der Archäologie (Thema eines entsprechenden Workshops 2015) gibt es Widerspruch zur Bearbeitung des Artikels zur Publikation durch und in den Archäologischen Informationen:
"Archäologie braucht Ethik! Ein Werkstattbericht als Diskussionsaufruf"
wurde in den Archäologische Informationen 41, 2018 publiziert, hier zu lesen:

https://journals.ub.uni-heidelberg.de/i ... 6954/48318

Kritik:
http://www.kritischearchaeologie.de/aktuelles.php
"...
Der Artikel wurde in einer ethisch vertretbaren, weil nichtdiskriminierenden, gender-sensiblen Sprache mit Gender Wild Card (*) bei der Redaktion eingereicht. Die Redaktion der Archäologischen Informationen änderte diese Form in das generische Maskulinum. Ein Einigungsversuch durch die Verwendung des generischen Femininums wurde nicht akzeptiert.
...
Wir als Forum Kritische Archäologie und Initiator*innen des "Ethik und Archäologie"-Workshops distanzieren uns entschieden von dieser Praxis der Archäologischen Informationen.
Wir sprechen uns gegen die hier gezeigte Negierung emanzipatorischer Diskurse aus.
...
Die Kapitulation der DGUF vor der durch den Duden normierten und dadurch scheinbaren Objektivität von Sprache, die nicht geändert werden könne, verkennt diese Flexibilität und Wirkung, aber auch die Verantwortung in der Verwendung von Sprache.
..."
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon ulfr » 16.01.2019 11:27

Na dann will ich mal ne kurze Eibenlanze für die *innen brechen.

Dass Sprache wirkmächtig ist und Verhältnisse buchstäblich festschreibt, ist wohl unbestritten. Sprache ändert sich und muss verändert werden, um sich den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Würde sich heute noch (freiwillig) jemand des Kasernentons vom Anfang des letzten Jahrhunderts bedienen (wollen)? Oder Vorträge halten auf Mittelhochdeutsch?

Die Einforderung einer gendergerechten Sprache ist imho nichts weiter als eine berechtigte Initiative derer, die sonst nicht genannt werden, weil sie, als unsere Sprache entstand, im Machtgefüge der damaligen Gesellschaft(en) eine andere Rolle spielten als heute. Ich persönlich habe kein Problem mit der Lesbarkeit, wenn die angepasste Schreibweise nicht komplizierter ist als die alte. In jeder Politiker(!)rede werden mittlerweile die Bürgerinnen und Bürger angesprochen, Marie Juchacz löste noch allgemeine Heiterkeit im Reichstag aus, als sie vor fast genau 100 Jahren die erste Rede einer Frau im Hohen Hause mit "Meine Herren und Damen" begann.
Schwierig wird es dann, wenn über das Ziel hinausgeschossen wird, was imho der Fall ist, wenn man jedesmal "Archäologen und Archäologinnen" schreiben würde. Das hat mich ehrlich gesagt neulich ziemlich genervt bei der Lektüre eines Buches über die NS-Zeit in meiner alten Heimatstadt, weil es tatsächlich (für mich) die Lesbarkeit und den Textfluss störte. Aber ein knappes und gerechtes "Archäolog*innen" ist für mich ok.

"Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert"
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Un nu komms Du
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon Blattspitze » 16.01.2019 22:38

Der an Archäologie interessierte, also rückwärtsgewandte, alte, weiße Heteromann stöhnt:

Bei Sprache in Deutschland um 1900 denkt der eine an Pickelhauben, der andere an Rilke und der nächste an Plattdeutsch, jeder nach seiner Facon ...

Es geht um Sprache, im Fokus der obigen Auseinandersetzung steht jedoch das geschriebene Wort. Da besteht schon der erste Unterschied, es prüfe sich jeder, der gender-"gerecht" schreibt oder schreiben möchte, ob er denn tatsächlich auch so spricht. Nach meiner unmaßgeblichen Erfahrung bestehen viele diesen Test nicht.

So aus meiner laienhaften Sicht, habe grade keine Literaturwissenschaftlerin greifbar:
Selbstverständlich ändert sich die Sprache, und zwar vornehmlich durch und aus der Masse der Sprecher heraus, also aus dem "Volksmund". Das ergab früher Sinn und heute macht es Sinn. Unser heutiges tägliches Denglish ("gedownloaded", "stylish" etc.) ist ein Beispiel dafür. Wenn die Leute das Angebot annehmen und irgendwann aus sich heraus gendern, gut. Die Welt zu einem besseren Ort machen zu wollen, ist auch gut.
Angesichts der eigenen formulierten Ansprüche verstehe ich die Stellungnahme gegenüber den Archäologischen Informationen. Allerdings ist schon der Artikel in den Archäologischen Informationen für mich schwere Kost, da wird in Frageform nahezu alles in Frage und in einen Unterdrückungs- und Marginalisierungszusammenhang gestellt. Die kollektivistische Weltsicht, wonach es immer und zuerst um Macht geht und alles auf der Welt nur in Hierarchien von Unterdrückern und Unterdrückten aufzuteilen ist. Da ist es eben unendlich schwer, sich nicht gegenüber irgendwem oder irgendetwas schuldig zu machen/fühlen, wenn man archäologische Forschung betreiben (oder überhaupt leben) will. Es scheint immer eine Ungerechtigkeits-Zwickmühle zu geben.

Das progressiv-sprachpolizeiliche Forum Kritische Archäologie (FKA) behauptet da oben aber, dass der Duden, die ganz überwiegende Mehrzahl der Menschen in Deutschland und ich in einer diskrimminierenden, unsensiblen und nicht ethisch vertretbaren Sprache schreiben (und reden).
Man ist dort moralisch offensichtlich weiter als ich.
Ich bin aber reinen Herzens und kann allen versichern, ich meine es keinesfalls so.

Ansonsten: Gut gemeint ist die Schwester von schlecht gemacht.
Diese bemüht hypergerechte, aber unelegante Sprache stört mich im Lesefluss. Mir stösst da auch so eine seltsam wirkende Frömmigkeit auf, als wenn sich bessere Menschen äußern. Ich fürchte auch, dass das bloß der Anfang ist und immer mehr in Frage gestellt werden wird. Langfristig könnten Kabarettisten und Stand up - Comedians arbeitslos oder noch langweiliger werden.
Wahrscheinlich bin ich aber bloß zu alt.
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon ulfr » 18.01.2019 11:29

Was die Komplexität und Kompliziertheit des Textes angeht, bin ich ganz bei Dir, Hasi, ich hatte mir von der Lektüre auch mehr Antworten bzw. Statem ... äh ... Stellungnahmen als Fragen erwartet, aber die Autor*innen sehen ihn ja auch als Anstoß zu einer Diskussion.
Ich würde aber nicht jeden Ansatz, unsere Welt besser und gerechter machen zu wollen, als polizeiliche Missionierungsmaßnahme diskreditieren wollen. Hätte vor hundert Jahren das "Volksempfinden" (von gesund will ich gar nicht reden) von sich aus zur Einführung des Frauenwahlrechts geführt? Ich glaube nicht, wenn ich betrachte, wie empfindlich und ablehnend die andere Hälfte des Volkes reagiert hat, gerade so als ginge dadurch die Welt unter, dass Damen von nun an auch an die Wahlurne schreiten durften. Sehr schön dazu die Ausstellung "Damenwahl", die gerade im Historischen Museum Frankfurt läuft, s.auch: https://www.deutschlandfunk.de/100-jahr ... _id=432984
Es bedurfte bekannterweise eines langen Atems und eines regelrechten Kampfes (mit zahlreichen Opfern), bis sich die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass die Geschlechter gleichberechtigt sind.
Aber in einer Welt, in der man sich neuerdings (wieder?) rechtfertigen muss, wenn man (politisch) korrekt ist, weil die politischen Gegner ihre dreisten Lügen so oft wiederholen, bis sie endlich geglaubt werden, in der das Wort "Gutmensch" zum Schimpfwort mutiert ist (genauer gesagt schon vor mehr als 70 Jahren mutiert und jetzt nur wieder aufgewärmt wurde), wird es schwer sein und immer schwerer werden, sich für Minderheitenrechte bzw. eine Änderung in der Sprachkultur hin zu mehr Gerechtigkeit einzusetzen.
Das solche Bemühungen mitunter etwas frömmelnd erscheinen, mag auch an unserer eigenen Dickfelligkeit liegen. Ich erinnere mich nur zu gut daran, wie lange es in den 1970ern dauerte, bis in meinem Umkreis (mich selbst eingeschlossen) die Formulierung: "... bis zur Verg.. ung!" verschwunden war - niemand dachte darüber nach, was er da (völlig reinen Herzens?) von sich gab. "Am Boden zerstört" - "...nische Wirtschaft" - "...ische Hast" - ich hatte in der Schule in Deutsch einen sehr progressiven Referendar, der sehr darauf geachtet und uns alle diese Unsäglichkeiten ziemlich schnell ausgetrieben hat. In meiner Familie hieß es dann: "Ja, Herr Professor, is ja guut ..." um dann schnell wieder in den alten Trott zu verfallen. Heute, 40 Jahre später, sind alle diese Formulierungen zumindest bei uns aus den Köpfen verschwunden.
Aber Schrift ist ja letztlich nur visualisierte Sprache, die wiederum artikuliertes Denken ist - ich denke nicht, dass man dies alles voneinander trennen kann. Welche Spuren (in umgekehrter Richtung) die allgemeine Entsolidarisierung und Verrohung der Gesellschaft heute in unserer Sprache hinterlässt, kann man daran erkennen, dass es Schimpfworte gibt wie "Opfer, Jude, Spasti" usw. Oben in der Nahrungskette sind sprachlich die "Gesunden", die "Reinrassigen", die Herr(!)schenden".
Ob es sich wirklich durchsetzen wird, "Archäologinnen" zu sagen, weiß ich nicht, aber ich verweise nochmals auf das Einstein-Zitat. Ich habe gerade eine Text von 67 Seiten verfasst, in dem es ca. 160 Mal die Möglichkeit gäbe, das Sternchen einzusetzen. Ich hab jetzt hier zwei Versionen, wir reden dann über ca. 500 zusätzliche Buchstaben (oder 0,5% des Textes), die m.E. den Textfluss nicht sonderlich stören - es klingt nur ... anders.
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon Blattspitze » 21.01.2019 12:01

Du hast da sicher einen Punkt, Mutti.
Ich versuche einmal die Verteidigung des Status Quo:
Kollektivistische Ideologien sind den ganz Linken und ganz Rechten gemeinsam, das Individuum ist nichts, sondern zuallererst werden du und deine Motive über Gruppenzugehörigkeiten wie Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit etc. definiert. Aus dem Artikel: "... sollte etwa gefragt werden, welche Rolle gesellschaftliche Klasse, Gender oder Race bei der Verteilung von Stellen und dem Einkommensniveau aktuell spielen." "Politisch korrekt" ist (und war man zu allen Zeiten), wenn man sich opportun zur aktuellen Mehrheitsmeinung und Staatsräson verhalten hat. Auch da wird gelogen (zuletzt: Claas Relotius im Spiegel). Inofern ist politische Korrektheit kein positives Gut an sich, sondern relativ und zeitgebunden. Aus heutiger Sicht betrachtet, lagen die ja früher mit ihren Ansichten eigentlich immer falsch, oder? Mehr Gerechtigkeit und gleiche Voraussetzungen für alle ist selbstverständlich erstrebenswert, allerdings gibt es bei diesem Streben auch Haken, z.B. das aus der Soziologie bekannte „Tocqueville-Paradox“, wonach bei Abnahme sozialer Ungleichheit der Fokus zunehmend auf verbliebenen, zuvor als unwichtig betrachteten Unterschieden liegt. Vollständige Gerechtigkeit liegt ja für immer unerreichbar hinterm Horizont, wir können uns nur in die Richtung bewegen. Alles und immer mehr zu hinterfragen ist legetim, kann aber ein zweischneidiges Schwert werden. Wenn stetig neue Gruppenunterschiede und vermeintliche Marginalisierungszusammenhänge identifiziert, mit dem Vergrößerungsglas betrachtet, betont und so neue Vorwürfe und Opfer generiert werden, eint dies nicht, sondern spaltet m.E. inzwischen auch die Gesellschaft. Hierarchien in unserer westlichen Gesellschaft (in welcher jemals existenten anderen würde man lieber leben?) beruhen ja nicht generell auf dem Unterdrücken der machtlosen Opfer durch Finsterlinge, sondern überwiegend sind es Kompetenzhierarchien, in denen idealerweise diejenigen oben sein sollten, die etwas besser können oder ein besseres Produkt anbieten.

Das umfassende Infragestellen ethisch relevanter Aspekte wie im Artikel in den Arch. Informationen läßt sich ja auf die Spitze treiben und könnte sogar existenzielle Konsequenzen für die Archäologie haben:
Die Erkenntnisse, die die Archäologie der letzten Jahrhunderte geliefert hat, könnten irgendwann als ausreichend betrachtet werden. Es werden inzwischen nur noch Variationen und Details erforscht. Archäologie wurde als Wissenschaft eingeführt und könnte als Wissenschaft doch auch wieder eingestellt werden, denn wie kann es überhaupt noch ethisch vertretbar sein, finanzielle Mittel für die Archäologie zur Verfügung zu stellen, wenn es gleichzeitig arme, in ihrer Existenz bedrohte Menschen auf der Welt gibt, deren Leben mit einer Umverteilung dieser finanziellen Mittel verbessert oder sogar gerettet werden könnte?

Auch Einstein unterlag dem Problem der Unvorhersehbarkeit der Folgen von Änderungen und Erfindungen, so war seine weltberühmte Entdeckung der Äquivalenz von Masse und Energie, die berühmte Formel E=mc², eine entscheidende theoretische Voraussetzung für die Entwicklung der Atombombe. 
Zurück zur gendergerechten Sprache mit dem *, hier finde ich den Standpunkt von Herrn Professorin em. Eisenberg interessant:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/da ... _id=413000
http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/g ... nipulation
P.S.: Übrigens, als moderat Konservativer gehöre ich zur Gruppe der an geisteswissenschaftlichen Universitätsinstituten zunehmend marginalisierten Minderheit, als ich mich dort einmal unerkannt zur "teilnehmenden Beobachtung" aufhielt, habe ich es mitbekommen: Dort macht man hinter vorgehaltener Hand ständig Witze darüber, wie borniert und beschränkt Konservative sind. :shock: Dazu empfehle ich diesen übersetzten Vortrag von J. Haidt: https://www.ted.com/talks/jonathan_haid ... anguage=de
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon ulfr » 22.01.2019 13:09

One up to you, Hasi, deswegen hatte ich aber auch das "politisch" in Klammern gesetzt.
Mit der Anführung des Toqueville-Paradox hast Du sicher recht. Ich selbst habe eher linke WG´s daran zerbrechen sehen, dass trotz abendfüllender erbitterter Auseinandersetzungen nicht abschließend geklärt werden konnte, ob das Klopapier so in den Halter eingelegt wird, dass das Papier oben oder unten rauskommt.
Borniertheit ist keinesfalls auf den rechten Flügel beschränkt, und ganz unerträglich wird es, wenn etwas mit -ismus endet. Man kann auch als Linker aus einer Studentenkneipe in Marburg rausfliegen, weil man ein Hemd trägt, oder muss sich von Lallbacken, bei denen jeder zweite Satz die Worte "irgendwie, so, nä?" beinhaltet (und das "nä?" wird genäselt) als Fleischfaschist titulieren lassen, bloß weil man mal ne (Öko)bockwurst kauft.
Ich will hier auch keine "clash of philosophies" Diskussion vom Zaun brechen, dafür ist hier nicht der Rahmen. Aber wie P. Blom in seinem aktuellen und sehr lesenswerten Buch über die kleine Eiszeit "Die Welt aus den Angeln" schreibt, sind wir seit der Aufklärung in der großen Auseinandersetzung zwischen zwei Träumen gefangen: dem liberalen und dem autoritären.

"Der liberale Traum repräsentiert nicht den Fortschritt, die Wahrheit oder das Gesetz der Geschichte. Er ist ein Narrativ mit konkreten historischen Wurzeln, [...], das sich, so kann man argumentieren, als human und nützlich erwiesen hat. [...] Hinter der Idee, der liberale Traum sei human, verbirgt sich ein bestimmtes Menschenbild, ein Glaubenssatz, der versucht, den Menschen zugleich individuell und universel zu denken und der dem menschlichen Leben gerade wegen seiner Kontingenz und Verwundbarkeit einen unveräußerlichen Wert zuspricht - eine Hoffnung und ein Versprechen, das immer wieder eingelöst werden muss, um nicht zu verdorren" (Blom 2018: 260)

Dazu passt eine Sendung gestern im Ersten über "Das Märchen von der Inklusion". Aus allen konservativen Ecken heult es: "Schluss mit dem Unfug", die südlichen Bundesländer haben noch nicht einmal begonnen, die UN-Charta umzusetzen und denken auch gar nicht daran, im Gegenteil, die Zahl der Sonderschüler in Bayern und BaWü ist gestiegen, weil diese angeblich die Überflieger in gemeinsamen Klassen im Fortkommen behindern. Dass es anders geht, zeigen Beispiele aus Privatschulen, aber auch staatlichen Schulen, bei denen schlicht die Hälfte der Schüler auf einen Lehrer kommen. Der Frontalunterricht ist abgeschafft, Lernen findet individuell statt, jeder arbeitet mit der ihm eigenen Geschwindigkeit, ohne die anderen zu beeinträchtigen. Hier lernen beide Gruppen, dass die Gesellschaft eben nicht ausschließlich weiß und ohne Handicap ist, sondern vielfältig, eine Erkenntnis, die im späteren Leben mal ziemlich wichtig sein kann - spätestens dann, wenn ein der eigenen oder familiären Biographie eine Situation eintritt, die Menschen vor neue Herausfordungen stellt. Was ist schon "besser können als die anderen" oder "das bessere Produkt"? Für wen besser? Für die Elitenblase, denen der Rest der Menschheit egal ist? Der Schlüssel für diesen realitätsbezogenen Umgang mit der Andersartigkeit der anderen schon in der Schule ist ganz einfach Geld, das nicht da ist - warum wohl? Aber ich will jetzt nicht das Fass mit der vergoldeten Bratwurst aufmachen ...

Zurück zum Thema: Dass man die Archäologie für obsolet erklären könnte, weil alles gegraben ist, keine neuen Erkenntnisse mehr zu erwarten sind und man das Geld besser für soziale Projekte ausgeben sollte, werte ich mal als eine rein rhetorische Figur á la "Iss Deinen Teller auf, die Kinder in Biafra haben gar nix zu essen!"
"In Frage stellen" ist etwas anderes als "hinterfragen". Ich kann etwas von mehreren Seiten beleuchten und es anschließend da, wo es nötig ist, verändern, ohne es gleich in die Tonne zu treten. Das setzt aber setzt aber eine gewissen Offenheit für Veränderungen voraus, die der autoritäre Traum aber nicht kennt. Nochmal Blom:

"Den Zerrissenen bietet er eine nostalgische Version der eigenen Geschichte, den Entwurzelten eine Heimat in den Tiefen der kulturellen Identität, den Ängstlichen einfache Antworten und konkrete Feinde, und denen, die sich darum sorgen zu behalten, was sie haben, bietet er eine Vergoldung ihrer Interessen im Namen der eigenen Kultur" (Blom 2018: 254)

Genau deshalb ist es auch nötig, archäologische Forschung zu hinterfragen, damit sie nicht den falschen Leuten in die Hände fällt, Sprache zu verändern, damit sie nicht Verhältnisse festschreibt, die überholt sind, gesellschaftliche Gerechtigkeit einzufordern, bevor uns der ganze Laden um die Ohren fliegt. (https://faktenfinder.tagesschau.de/hint ... k-101.html - Klar - glaube nur einer Studie, die Du selbst gefälscht hast, aber die Zahl der Pfandflaschensammler in meiner Stadt nimmt nicht nur gefühlt zu)

Und zum Schluß: Tschuldigung, aber Eisenbergs Argumentation würde nicht mal einem gewieften Untersekundaner in einem philosophy-slam auf dem örtlichen Schulhof standhalten:

"Das sogenannte generische Maskulinum ist etwas, dass das Deutsche besitzt, was zu seiner Grammatik gehört. Das ist etwas, von dem wir auch immer wieder Gebrauch machen – aus guten Gründen Gebrauch machen. [...] Es gibt einen feinen Unterschied zwischen dem generischen Maskulinum und dem generischen Femininum. Der besteht darin, dass es das generische Maskulinum im Deutschen gibt und das generische Femininum gibt es nicht. Das ist eine Kampfmaßnahme, die den Männern vor Augen führen will, was den Frauen zustößt mit dem generischen Maskulinum."

(Quelle siehe oben.)

Das gibt es nicht, weil es das nicht gibt :roll: ?? "Dat mook wi as bi Howaldt - dat låt wi as dat is" Was sind denn die "guten Gründe"? Und: Kampfmaßnahme? Hinter jeder Hausecke lauern blutgierige Furien und Mänaden mit scharfem Messer, dem Professer was abzuschneiden?

Ich plädiere für einen versöhnlichen Ausklang: Schneiden wir die alten Zöpfe ab, lassen aber die darunter befindlichen Köpfe dran :3:
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon Blattspitze » 22.01.2019 23:12

ulfr hat geschrieben:rhetorische Figur

Selbstverständlich!
Zur linguistischen Eisenbergschen Unschärferelation möchte ich dann doch noch den aus meiner Sicht entscheidenen Teil zitiert wissen:
"... das große I ist harmlos, das steht für Bäcker und BäckerInnen, also für die beiden. Das Gendersternchen ist ganz was anderes. ... Der Verwender soll anerkennen, dass alle die 53 Geschlechter, die in Deutschland zur Zeit reklamiert werden, von ihm anerkannt werden. Das heißt, das Gendersternchen hat keine sprachliche Bedeutung, so wie das große I. ...
Und ich interpretiere die als Unterwerfungsgeste. ... Einfach so ein Zeichen zu erfinden und dann auch noch die Leute dazu zu zwingen, es zu verwenden, wie das in Teilen der Berliner Verwaltung geschieht. Das geht in einer demokratischen Gesellschaft gar nicht."

ulfr hat geschrieben:für einen versöhnlichen Ausklang: Schneiden wir die alten Zöpfe ab, lassen aber die darunter befindlichen Köpfe dran

Du meinst es ja nur gut Mutti, ich gebe auf und ins Bett. Zwar wollte ich Satisfaktion unter der alten Eiche um 12 fordern ... und vielleicht könnten wir auch den einen oder anderen neuen Zopf abschneiden, bekanntlich setzen sich ja viele neue Ideen und Innovationen nicht durch ... .
Hoffentlich vertragen sich das Forum Kritische Archäologie und die Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte auch wieder ...
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon Kurt A. » 23.01.2019 11:58

Zwar wollte ich Satisfaktion unter der alten Eiche um 12 fordern ...


Ich stelle mich sehr gerne als Sekundant zur Verfügung... Was darfs denn sein: Flintbeil oder Flintdolch? :-D :-D :-D :-D :lol: :lol:

:rhino:
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon ulfr » 23.01.2019 12:35

Kurt A. hat geschrieben:gerne als Sekundant


DAS glaub ich sofort - ein Eidgenosse sekundiert zwei Hamburger Jungs beim gegenseitigen Schädeleinschlagen :D

Müsstest Du nicht eigentlich für die Armbrust plädieren?

Nein, Kurt, uns reichen Worte " ... beim letzten Verse stech ich!"

Mich würde allerdings interessieren, wo Blattspitze diese alte Eiche lokalisiert ...
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon LS » 23.01.2019 23:12

N´Abend die Herren,
trotz des unterhaltsamen Rundumschlags zur Kulturgeschichte liegt mir hier doch eins am Herzen:
Ich unterstütze voll und ganz die Haltung der Redakteure der Arch. Info, die linguistische Hoheit über die von Ihnen herausgegebene Zeitschrift zu wahren. Wem das nicht passt, der muss ja nicht bei Ihnen publizieren. Das Nachtreten einiger der AutorInnen empfinde ich dagegen als mimosenhaft und vermute da einen gewissen Mangel an Humor... Niemand hat sich über den Inhalt ihres Textes her gemacht und sinnentstellende Veränderungen vorgenommen, denn auch das kommt in unserem Fach hin und wieder vor (will sagen: schon erlebt).

So "Hamburger Jungs", und damit Ihr nicht zu gut aus der Sache raus kommt:
Quidquid agis, prudenter agas et respice finem ;)
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon ulfr » 24.01.2019 10:48

LS hat geschrieben: et respice finem


Da fehlte jetzt nur noch der Alte aus Asterix, LS ... :) Im Hamburger Hafen hätte er folgendes gesagt:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Ich versteh Deinen Punkt, LS, aber wo ist der Unterschied im Eingriff? Vor allem vor dem Hintergrund, dass die A.I. schon mal gegenderte Texte abgeduckt hat, was nun aber als "kurzfristige Irritation" abgetan wird. Hör ich da die Wetterfahne quietschen?

So, und nun halt ich auch die Klappe, muss raus in den Schnee, Beile machen, der Wald ruft :2:
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon ulfr » 25.01.2019 11:23

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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon Blattspitze » 25.01.2019 13:02

ulfr hat geschrieben:Kam eben rein:

"Gender and Prehistory. Sexual Division of Labour in Spanish Audiovisual Productions."???
Ist für mich unter dem link nicht frei verfügbar. Ich nehme an, die wahrscheinlich überschaubare Zahl der spanischen Filmschaffenden, die sich mit Archäologie beschäftigten, haben sich bislang überwiegend ungerecht verhalten?
Kam auch eben rein - Aktuell schließt sich Hannover der anderen gerechten Verwaltung in Berlin an:
https://www.focus.de/familie/schule/gen ... 17922.html
Die Verwaltungen müssen voranmarschieren, schließlich kann Gerechtigkeit nur von Mutter Staat, bzw. der Bündin gewährleistet und dann auch überwacht werden. Mehr Gerechtigkeit bedeutet am Ende immer auch mehr Bürokratie (und die ist ja weiblich). Wenn Gutes mehr wird, wird`s bestimmt besser ...
Und: Was wird aus dem "Säugling"? Derdiedas "Gesäugte"?
:38:
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon ulfr » 25.01.2019 14:41

Hab den link geändert, bei mir funzt er zwar, kann aber daran liegen, dass ich ihn aus academia heraus aufgerufen habe, versuchs jetzt mal.

Ich hab den Beitrag noch nicht gelesen.

Edith sagt:

Der Autor hat 39 Filme zur Vorgeschichte aus den letzten 17 Jahren (!, also nicht aus den 1950ern) auf Festschreibungen von Geschlechterrollen hin untersucht. Es ist, wie Du sagst: Die urgeschichtliche Bevölkerung Spaniens bestand, glaubt man den Filmen, zu 55% aus Männern und 27% aus Frauen, 88% waren Erwachsene, 12% Kinder. Die Frauen standen zuhöhle an der Feuerstelle, die Männer jagten und machten Politik (die "typischen" Tätigkeiten sind viel differenzierter ausgewertet und beschrieben, ein Blick darauf lohnt sich). Aus der Ethnologie sind jedoch ganz andere Verteilungen beschrieben, die ein weitaus bunteres Bild auch für die Urgeschichte nahelegen, siehe dazu auch Auffermann, B. & Weniger, G.C. (Hrsg.) 1998: Frauen, Zeiten, Spuren. Mettmann: Neanderthal Museum

Leider kann man nicht direkt aus dem pdf zitieren, hier nur ganz kurz S. 95

"The fact that many of these productions are directed to an audience of children makes this even more worrying, as it contributes, conciously or unconsciously, to the development and reeinforcement of unequal and limiting roles for future men and women."

Neulich im Spielwarenladen: Ein kleiner Junge, ca. 4-5, steht andächtig vor einem Verkaufsregal mit rosa Einhörnern etc. und nimmt gerade eines aus der Auslage, als die Mutter - völlig außer sich - ihn anblökt: "Leg das sofort wieder hin, oder bist du´n Mädchen?"
Meine Kinder haben beide sowohl mit Treckern als auch mit Puppen gespielt, wir haben uns darum überhaupt nicht gekümmert, und beide sind heute erwachsen und deutlich erkennbar Mann und Frau.

So, und jetzt echt :11:
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Re: Ethik der Archäologie - Diskussion und Zoff

Beitragvon Blattspitze » 28.01.2019 11:26

ulfr hat geschrieben:siehe dazu auch Auffermann, B. & Weniger, G.C. (Hrsg.) 1998: Frauen, Zeiten, Spuren. Mettmann: Neanderthal Museum

In diesem Zusammenhang sei unbedingt Linda Owen`s Buch "Distortion of the Past" empfohlen, dass ich überwiegend mit großem Gewinn gelesen habe, hier eine Kurzbesprechung von Thomas Trauner:
viewtopic.php?f=18&t=2799&p=29470&hilit=Linda+Owen#p29470
Seit einigen Jahren sind mir mehrfach Lebensbild-Rekonstruktionen selbstbewußter und bewaffneter steinzeitl. Frauen aufgefallen, z.B. A.i.D.-Sonderheften "Welt im Wandel" oder in einigen Publikationen des Landesmuseums in Halle.
Zur geschlechtspezifischen Auswahl des Spielzeugs durch Kinder: Nach aktuellen Untersuchungen scheint es so zu sein, dass diese Auswahl nicht ausschließlich durch z.B. elterliche Prägung ("blauer vs. rosa Strampelanzug") erfolgt, sondern teilweise tatsächlich biologisch begründet sein könnte:
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs ... 2/icd.2064
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/ful ... 2/icd.1986

Vorschlag für genderneutrales Kriegsspielzeug: Rosa Panzer
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