BZ-Einbaumfund im Bodensee

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BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon ulfr » 12.04.2018 15:23

https://www.swr.de/swraktuell/baden-wue ... m-100.html

https://www.schwaebische.de/landkreis/l ... 51265.html

"Vor der Eschbachmündung in Wasserburg hat das Landesamt für Denkmalschutz am Donnerstag Bayerns ältestes Wasserfahrzeug entdeckt und gehoben. Es ist zugleich das älteste Schiff, das bisher im Bodensee gefunden wurde. Untersuchungen haben ergeben, dass der Einbaum aus der Bronzezeit stammt und rund 3150 Jahre alt ist."
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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon LS » 12.04.2018 19:15

Gibt´s sogar schon bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Einbaum_v ... m_Bodensee

Der Superlativhuberei in der Presse etwas entgegen zu wirken, habe ich im WP-Artikel gerade mal einen Hinweis auf den Einbaum von Seekirch hinzugefügt...

Gruß L
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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon Trebron » 13.04.2018 13:42

Das wirft natürlich wieder jede Menge Fragen auf, die ja auch schon in Ergersheim gestellt wurde.

Wurde bei dem Stamm von 120cm nur die Rinde entfernt, oder auch das Splintholz ?

Gibt es innen und am Bootsboden noch Bearbeitungsspuren ?

Die Infos zu dem Bot sind noch mehr als dürftig :19:

Gibt es bei Werkzeugfunden welche, die speziel für die Entrindung und gegebenenfalls Enfernung des Splintholzes sprechen ?

Ich habe mir nach meinen Beobachtungen in Ergersheim in meinen Nachbetrachtungen auch in dieser Richtung meine Gedanken gemacht und schon ein paar Dinge geplant :2:

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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon TZH » 13.04.2018 14:17

War der Stamm tatsächlich 1,2 m dick, oder wurden die Seiten mit hilfe von Hitze aufgeklafft? (diese wellenform an der Seite sieht danach aus)
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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon Trebron » 13.04.2018 15:55

TZH hat geschrieben:War der Stamm tatsächlich 1,2 m dick, oder wurden die Seiten mit hilfe von Hitze aufgeklafft? (diese wellenform an der Seite sieht danach aus)



Sehr gutes Argument !!! Ginge mit einer eingestellten Feuerschale sehr gut !


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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon LS » 13.04.2018 17:40

Schon das 3D-Modell gesehen?
https://www.bgfu.de/einbaum-galerie/
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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon Trebron » 13.04.2018 17:57

Danke Leif, hab die Seite mal zu meinem Beitrag auf FB zugefügt :-) sehr interessant !!!!

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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon AxtimWalde » 14.04.2018 01:38

Lieber Treborn, liebe Holzwürmer,
ich habe da einmal einige Anmerkungen.
Normalerweise sollte man das Splintholz auf alle Fälle bei Eiche entfernen, da dieses extrem anfällig für Fäule ist. Ein weiterer Nachteil liegt darin, das die Leiterbahnen durchgängig offen sind. Das heißt, dass Wasser schnell durch das gesamte Gewebe dringen kann. Hingegen vertüllt das Kernholz, so dass die ehemaligen Leiterbahnen sektionsartig verschlossen werden. entsprechend dringt Wasser nicht so schnell ein und es verbleiben Luft gefüllte Kammern. Als Letztes ist das Splintholz gegenüber dem Kernholz wesentlich weicher. Speziell bei langen und dünn ausgearbeiteten Bordwänden wirkt sich dieser Umstand auf die Stabilität des Bootes extrem negativ aus.
Unser erster Einbaum (Adamek, Lund und Martens: Der Bau eines Einbaums in: Experimentelle Archäologie in Deutschland; Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland Beiheft 4, Oldenburg 1990 S 201-207) hatten wir eher aus Unwissenheit heraus als "Splintholzboot" gebaut. Bereits nach recht kurzer Zeit waren die Bordwände so weich geworden, dass eine Mittelstrebe zur Stabilisierung eingezogen werden musste. Allerdings konnten wir das Boot ca. 12 Jahre nutzen. Ein später von mir gebauter Kernholzeinbaum war nach ca. 20 Jahren nicht mehr einsatzfähig. Die Lebensdauer kann also gesteigert werden, wenn der Splint entfernt wird.

Zu den Bearbeitungsspuren: Bei allen Repliken die ich gebaut habe waren die Bearbeitungsspuren bereits nach kurzer Zeit fast völlig verschwunden, speziell auf dem inneren Boden. Bei jedem Einsteigen hat man irgend ein "Dreck" an den Füßen. Durch das hin und her Laufen im Boot wirkt sich dieser regelrecht als Schmirgel aus, und ebnet die Fläche ein. Die Lagerung unter Wasser im Winter hat zur Folge, dass die Oberfläche ein wenig anfault. Nach einigen Jahren verschwinden die vorerst deutlichen Bearbeitungsspuren allmählich. Zum Ende der Gebrauchsfähigkeit waren diesen, wenn überhaupt, nur noch zu erahnen. Bei den Originalen, die ich genauer untersuchen durfte, konnte ich keine eindeutigen Bearbeitungsspuren erkennen. Die Zeit der Lagerung hat die Oberfläche derart verändert, dass solch Spuren gänzlich verschwunden waren.
Zum Aufweiten von Eichenholz:
Es gibt tatsächlich Einbäume die durch Hitze aufgeweitet werden können, sie bestehen allerdings nicht aus Eiche. Da kann man viele Feuerschalen hinein stellen, viel weiten wird man allerdings nicht. Eiche reagiert ein wenig zickig wenn es um Temperatur- und Feuchtigkeitsunterschiede geht - sie neigt dann ehr zur Rissbildung bis hin zur letalen Spaltungen. Also hier leider keine gute Idee!
Spezialwerkzeuge:
Bei dem Bau eines Einbaumes gibt es einen neuralgischen Bereich, der im Übergang von der Bordwand zum Boden liegt. Mit einem normalen Dechsel neigt man dazu die Bordwand zu ritzen, mit einem Beil den Boden. Hier wäre ein Spezialdechsel gefragt, der nicht mit einem 90° Winkel zu Schaft geschäftet ist, sondern bei +/- 45° liegen sollte. Weiterhin ist es ratsam einen rechts als auch links verdrehtes Gerät zu nutzen, um möglichst immer mit der Faser arbeiten zu können (speziell bei Drehwuchs und bei Knästen geeignet). Derartige Dechsel sind mir aber aus dem Fundgut nicht bekannt!
Splintholz entfernt man am besten mit einem Beil. Ein Dechsel funktioniert zwar auch, aber man braucht länger (zumindest meiner Erfahrung nach).
Ähnliches gilt auch für die Rinde. Allerdings habe ich da einmal eine andere Art der Schäftung an getestet. Sie ähnelt heute gebräuchlicher gestielter Schäleisen.
Bild
Die Arbeit geht erstaunlich gut und schnell von der Hand.

Ein weiterer optimaler Einsatz dieses Geräte liegt beim Spalten von Eiche:
Bild
Wenn die schrägen Fasern tief gelegen sind, komme ich einfach mit einem Beil nicht heran. Hiermit aber schon!
Ein Nachweis dieser Schäftung ist mir allerdings auch nicht bekannt!!!
LG
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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon TZH » 14.04.2018 07:54

Danke schön für die ausführliche Infos!
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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon Sculpteur » 15.04.2018 10:38

@AxtimWalde:
Hallo und danke für den tollen Überblick! Zum Thema Eichenholzbearbeitung möchte ich noch anmerken, dass das Kratzen mit steil aufgestellter Klingenschneide als Oberflächenbearbeitungsmethode eventuell in Frage kommt. Am ehesten ist das Kratzen mit dem Bearbeiten mit einer Ziehklinge zu vergleichen. Auch ziehende Schnitte nach Ziehklingenmethode (mit flacherem Anstellwinkel) sind Stellenweise vorstellbar. Es muss sich dann aber um speziell ausgeformte Klingen handeln, um genug Platz zum bearbeiten zu haben. Selbstverständlich ist diese Methode nicht für größere Aushöhlarbeiten geeignet, sondern eher für die "Veredelung" der Oberflächen.
Was die Bearbeitungsspuren angeht, kann auch noch angemerkt werden, dass das permanente Ausquellen des Bootes feinste Bearbeitungsspuren vermutlich wegquellen würde.
Sehr interessant in Bezug auf die Eichenholzverarbeitung wäre meines Erachtens auch die Frage, ob und inwiefern die Menschen der Bronzezeit einen Umgang mit der Auswaschung der Gerbsäure im frisch geschlagenen Eichenholz hatten, aber das lässt sich wohl schwierig bis gar nicht herausfinden...?
WÄREN Bearbeitungsspuren auffindbar, könnten in den Bereichen eines Einbaums, wo das Holz annähernd als stehende Jahrringe quer zur Wuchsrichtung (annähernd radial) bearbeitet wurde, auch besonders gut Rückschlüsse auf verwendete Werkzeuge gezogen werden (Bug- und Heckbereich; innen wie außen).

Grüße, Sculpteur
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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon Trebron » 15.04.2018 11:14

Lieber Kai, vielen vielen Dank für Deine Aufklärung !!!

Und nun hast Du mir mit Deinem Schäl-Dechsel auch noch die Idee vorweg genommen :2: genau sowas hatte ich schon für nächstes Jahr geplant, die Klinge habe ich schon.

Ich habe als 10-12 jährger meiene Eltern und Großeltern bei der Holzarbeit geholfen und so ein Schäleisen benutzt. Ich bin sicher, das hat lange Tradition !

Die prähistorischen Klingen werden ja selten mit Schäftung gefunden, aber warum nicht Längsschäftung, habe ich mir gesagt und sowas für Ergersheim `19 geplant. Eine kurze Version habe ich schon gebaut !

https://www.facebook.com/photo.php?fbid ... 129&type=3

Es freut mich rießig, dass Du auch den Gedanken hattest !

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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon AxtimWalde » 15.04.2018 14:02

Lieber Treborn,

es tut mir schrecklich Leid, dass ich dir deine Idee vorweg genommen habe. -Sorry!! :6: Allerdings sollte ich noch sagen, dass ich dieses Gerät nicht gestern gebaut habe, sondern vor ca. 9 Jahren (die Bilder stammen aus August 2009). Allein dieses ist schon etwas peinlich, da ich seit 1990 verstärkt Eiche bearbeite. Entrinden, absplinten, zuarbeiten und spalten war häufig das Tagesgeschäft. Erst nach 19 Jahren fiel mir diese eher unkonventionelle Schäftung ein. - Aber: Besser spät als nie. -

Tipp: Ich hatte damals eine normale Beilklinge genutzt, und sie funktionierte recht gut. Ich denke aber, dass eine asymmetrische Schneide (wie beim Dechsel) die Arbeiten optimieren könnten. Auch bei der Betrachtung von modernen Schäleisen fällt die asymmetrische Schneide auf.

Viel Spaß beim Bauen und Nutzen. Ich würde mich freuen, wenn ich von deinen Arbeitsergebnissen mit deiner Schälbronze hören dürfte.
LG
Kai
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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon Trebron » 15.04.2018 23:18

AxtimWalde hat geschrieben:Lieber Treborn,

es tut mir schrecklich Leid, dass ich dir deine Idee vorweg genommen habe. -Sorry!! :6: Allerdings sollte ich noch sagen, dass ich dieses Gerät nicht gestern gebaut habe, sondern vor ca. 9 Jahren (die Bilder stammen aus August 2009). Allein dieses ist schon etwas peinlich, da ich seit 1990 verstärkt Eiche bearbeite. Entrinden, absplinten, zuarbeiten und spalten war häufig das Tagesgeschäft. Erst nach 19 Jahren fiel mir diese eher unkonventionelle Schäftung ein. - Aber: Besser spät als nie. -

Tipp: Ich hatte damals eine normale Beilklinge genutzt, und sie funktionierte recht gut. Ich denke aber, dass eine asymmetrische Schneide (wie beim Dechsel) die Arbeiten optimieren könnten. Auch bei der Betrachtung von modernen Schäleisen fällt die asymmetrische Schneide auf.

Viel Spaß beim Bauen und Nutzen. Ich würde mich freuen, wenn ich von deinen Arbeitsergebnissen mit deiner Schälbronze hören dürfte.
LG
Kai


Bestimmt Kai !!! Danke nochmals !
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Re: BZ-Einbaumfund im Bodensee

Beitragvon ulfr » 20.04.2018 10:02

Ich kann Kai nur aus vollem Herzen und viel Erfahrung zustimmen, vor allem was das Weiten angeht, das funktioniert nur mit weicheren Hölzern wie Pappel oder Linde.
Demnächst folgen auch an entsprechender Stelle Infos vom Ergersheimer Experiment 2018 - mit einem Bronzebeil ist der Splint ziemlich schnell entfernt.
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