Stempelrichtung des Diskos von Phaistos

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Re: Stempelrichtung des Diskos von Phaistos

Beitragvon Sculpteur » 08.08.2022 12:33

Vorversuchsreihe B: Modellierversuch mit in Vorversuchsreihe B gewonnenem Bienenwachs
Nach mehreren Versuchen und ein wenig herumprobieren ist es mir gelungen, mit dem in Vorversuchsreihe B gewonnenen Bienenwachs ein einigermaßen akzeptables Modellierergebnis eines nachempfundenen Symbols, das sich auf dem Diskos von Phaistos befindet, herzustellen.
Das modellierte Motiv ist etwa daumennagelgroß.
Die probeweise Abformung des Motivs in Knetmasse erfolgte, um eine Einschätzung über die Qualität des Stempelkopfs zu erlangen, der sich mit frischem feinem Ton von einer auf solche Art und Weise modellierten Vorlage abformen lässt um anschließend nachbearbeitet, getrocknet und gebrannt zu werden.

Für den erfolgreichen Modellierversuch bin ich folgendermaßen vorgegangen:
Auf einen Trägergrund wurde eine sehr dünne Bienenwachsschicht aufgedrückt. Dies hatte den Vorteil, dass der zum modellieren verwendete Griffel nicht zu stark in das Wachsmaterial eindringen konnte, wodurch sich im Modellierergebnis insgesamt eine Gleichmäßigkeit der keilnutförmig vertieft eingearbeiteten Konturen des Motivs ergab.

Zum Modellieren mit dem durch "Ausschmelzung" gewonnenen muss gesagt werden, dass es ein für Modelllierversuche sehr kleiner Motive sehr widerspenstiges Material ist: Das Bienenwachs war aufgrund der Umgebungstemperatur von um die 20° Celsius in der Verarbeitung recht zäh, d.H. Ritzungen mit dem verwendeten Griffel aus Holz auf engstem Raum haben dazu geführt, dass beim Bienenwachs eine teilweise Materialverdrängung stattfand. D.H. überschüssiges Material musste beim Modellieren permanent aus den Ritzungen entfernt werden und die Konturen mussten sehr häufig nachbearbeitet werden. Dennoch war es mit dieser Art von Modellierwachs (relativ reinem Bienenwachs) möglich, dieses kleine Motiv in einer Zeit von ungefähr 20 Minuten erfolgreich zu modellieren.
Insgesamt sind bessere (und schnellere) Modellierergebnisse für dieses Motiv in diesem Material möglich, was entsprechende Einarbeitung und Übung erfordert, wobei auch die Umgebungstemperatur eine Rolle spielen dürfte. Aus Zeitgründen musste jedoch das erzielte Ergebnis genügen. Für eine Versuchsreihe darüber, ob sich reines Bienenwachs besser bei kälteren oder bei wäremen Temperaturen modellieren lässt, findet sich aktuell keine Zeit und kein dafür geeigneter Versuchsaufbau.

Der schwierigste Teil des hier gezeigten Modellierversuchs betraf den Haarschopf der dargestellten Figur (Irokesenschnitt oder potenziell auch der für die Philister in der Antike übliche Kopfschmuck): Für diese filigrane Arbeit wurde das beste Ergebnis nicht durch Einritzen mit der spitzen Seite des Griffel erzielt (diesen hierfür zu verwenden war teilweise sogar kontraproduktiv), sondern durch eindrückendes Modellieren mit dem nachgeschärften spatelartigen anderen Ende des Griffels.
Der Spatel eignete sich auch um Material stellenweise abzutragen und glattzustreichen. Die besten Erfolge für das glattstreichen und vorsichtig drückende Formen des Bienenwachses wurden jedoch mit den Fingern und Fingernägeln erreicht.
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Moddellieren mit Bienenwachs B15.jpg
Modellierversuch im in Vorversuchsreihe B gewonnenen Bienenwachs.
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Re: Stempelrichtung des Diskos von Phaistos

Beitragvon Sculpteur » 16.08.2022 10:51

MODELLIERQUALITÄTEN VON BIENENWACHS
Eine Makroaufnahme des im Anschluss an Vorversuchsreihe B vom 31.07.2022 bewusst zügig hergestellten etwa daumennagelgroßen Motivs eines stilisierten menschlichen Kopfes mit Federkopfschmuck bzw. irokesenhaarschnittartiger Frisur zeigt, wie sich die Qualität des gewonnenen Bienenwachses auf die Modelliereigenschaften des Wachses auswirkten.
Beim in der Vorversuchsreihe gewonnenen Bienenwachs handelte es sich um einen Wachs relativ hoher Reinheit, der über direktes Ausschmelzen aus Naturbienenwaben gewonnen wurde.
Wie auf der Makroaufnahme (Detailvergrößerung der Augenpartie) des schwerpunktmäßig in das Wachs geritzten und leicht modellierten Motivs zu sehen ist, hat sich das Wachs beim Modellierversuch als "hartnäckig" erwiesen. Im Modellierversuch bedeutete dies, dass das Wachs (umgebungstemperaturabhängig) eine sehr zähe Plastizität aufwies und starke Anhaftung am Material und am verwendeten (hözernen) Modellierwerkzeug erzeugte, weshalb eingeritzte und anmodellierte Formen sehr intensiv und häufiger nachgearbeitet werden mussten, um sie von anhaftendem und "verschobenem" Wachs (Materialverdrängung) zu befreien.
Wie die Vorversuche mit Stearin aufzeigten, entstanden diese Probleme beim ritzenden und modellierenden Bearbeiten von modernem Stearin nicht (siehe vorherige Beiträge).
Diese Verarbeitungseigenschaften des aus Naturbienenwaben selbstgewonnenen Bienenwachses mit relativ hoher Reinheit sind ein mögliches naheliegendes Indiz dafür, dass Menschen nach Erfindung der Herstellung des Bienenwachses und der Verwendung von Bienenwachs als Modelliermaterial vermutlich relativ früh Bienenwachse modifizierten [3; 5; 6]. Spezielle Beimischungen von Zugaben sind möglich um damit die Eigenschaften eines Bienenwachses zu modifizieren, um z.B. einen qualitativen Modellierwachs herzustellen (möglicherweise z.B. auch für die Nutzung im recht früh erfundenen Wachsausschmelzverfahren).
Ein Beispiel für die Modifizierung von Bienenwachs (als einer von mehreren Bestandteilen einer Mischung) findet sich im von mir kürzlich durchgeführten Versuch, Tenax nach einer überlieferten Anleitung von Theophilus Presbyter herzustellen [1,74; 4]:

viewtopic.php?f=130&t=6661

Für jeden Hinweis auf historische "Rezepturen" und Mischungsverhältnisse für Modellierwachs bin ich sehr dankbar!



QUELLEN:


Buchquellen:
[1] Kölner Domblatt, Jahrbuch des Zentral-Dombau-Vereins, 2006, im Auftrag des Vorstands herausgegeben von Barbara Schock-Wernet und Rolf Lauer, Verlag Kölner Dom, 2006


Wikipedia-Quellen:
[2] Seite „Bienenwachs“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 24. Juli 2022, 17:09 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?ti ... =224784963 (Abgerufen: 16. August 2022, 08:54 UTC)

[3] Seite „Bildhauerei“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 11. November 2021, 11:40 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?ti ... =217179395 (Abgerufen: 16. August 2022, 08:55 UTC)

[4] Seite „Theophilus Presbyter“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 8. Juli 2021, 16:35 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?ti ... =213680352 (Abgerufen: 16. August 2022, 09:19 UTC)

[5] Seite „Wachs“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 6. Mai 2022, 06:16 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?ti ... =222652729 (Abgerufen: 16. August 2022, 08:53 UTC)

[6] Seite „Wachsausschmelzverfahren“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 13. Mai 2022, 04:50 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?ti ... =222833373 (Abgerufen: 16. August 2022, 09:08 UTC)
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Moddellieren mit Bienenwachs B16.jpg
Auflichtmakro (Detailvergrößerung) von der Augenpartie des modellierten Symbols, das eine Nachempfindung eines Motivs auf dem Diskos von Phaistos darstellt.
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Re: Stempelrichtung des Diskos von Phaistos

Beitragvon LS » 02.09.2022 18:16

Sorry Sculpteur,
ich kann meine Meinung hier doch nicht unterdrücken:
Der Diskos von Phaistos ist eine höchst putzige Fälschung, die seinerzeit in die Grabung drapiert wurde!
Mich wundert nur, dass die Jungs vom wmf-Museum nicht mehr draus gemacht haben, als sie die zitierte Kopie gefunden und kurz/ sehr oberflächlich analysiert haben. Würde einiges drauf wetten, dass es teils dieselben Stempel waren. Naja, wenn man mal etwas mehr Zeit hätte...

Gruß L
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Re: Stempelrichtung des Diskos von Phaistos

Beitragvon Sculpteur » 02.09.2022 19:15

Hallo LS,

deine Meinung ist hier von meiner Seite aus äußerst willkommen! Wie ich Eingangs dieser Beitragsreihe schrieb, klammere ich die Fälschungsdiskussion bewusst aus. Das bedeutet nicht automatisch, dass ich den Diskos für ein echtes Artefakt halte, ganz im Gegenteil.

Mir geht es bei Aufzeigen der kunsthandwerklichen Möglichkeiten tatsächlich darum, einen Diskurs über Fälschung oder Artefakt anhand kunsthandwerklichen Fakten und Zusammenhänge zu ermöglichen, bzw. zu erweitern. Die kunsthandwerklichen Möglichkeiten im Abgleich mit Bekanntem Wissen über antikes Kunsthandwerk ermöglicht eben das: Einen erweiternderen Blick auf die Frage, woran sich Artefakt und woran sich Fälschung festmachen lassen.

Dafür ist es meiner Meinung nach notwendig, zunächst einmal aufzuzeigen, welche kunsthandwerklichen Möglichkeiten überhaupt in der Antike existierten oder existiert haben könnten, bzw. neue Erkenntnisse hierzu in den Diskurs bereits bekannten Wissens zu stellen.
Vielleicht ist es mir in den vorhergehenden Beiträgen nicht gelungen, das deutlich genug herauszustellen.
Da wir beim Thema sind, kann ich Dir mitteilen, dass es eben die Machart der Stempel ist, die mich ebenfalls von Anfang an stutzig machte. Ich wollte dies jedoch nicht in den Vordergrund stellen und einfach thematisieren ohne Fakten zu kennen.
Allerdings können Meinungen wie die von Pitassa meines Erachtens nicht von vorne herein ignoriert werden.

Ich möchte von meiner Seite aus lediglich kunsthandwerkliche Möglichkeiten liefern, die die Diskussion erweitern können.

Das Symbol mit dem Kreis und den sieben darin befindlichen Punktungen ist dabei wie bereits erwähnt eines der verdächtigtsten Argumente für eine Fälschung. Da ich jedoch der alten Sprachen keineswegs mächtig bin und weder auf Latein diskutieren und auch nicht auf altgriechisch weiterargumentieren kann, wenn mir die Argumente ausgehen, enthalte ich mich bisher einer eindeutigen Meinung zur Frage nach Fälschung oder Artefakt.

Mich interessiert dabei einfach, ob man Stempel auf die Art und Weise, wie sie für die Herstellung des Diskos verwendet wurden, in der Antike überhaupt hätte herstellen und verwenden können. Und zu der Frage muss ich allerdings argumentieren: Ja, das wäre eindeutig möglich gewesen, passt jedoch im Großen und ganzen (von dem was ich darüber weiß) nicht zu der minoischen Gemmen-Schneidekunst.

Das Thema "Zeit" ist ein leidiges Thema: Sie reicht einfach nicht, um vielfältige Aspekte und Fragestellungen in Ausführlichkeit zu erörtern. Ich empfinde es als Dilemma, das man zu einer sehr starken Auswahl und Fokussierung (auch aus Kostengründen) gezwungen ist.

Vielen Dank für Deinen Beitrag, der der Diskussion einen bereichernden Aspekt hinzufügt!

:mammut2:
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Re: Stempelrichtung des Diskos von Phaistos

Beitragvon Sculpteur » 16.09.2022 21:04

Update: Die weiteren Experimente der Ermittlung von Herstellungsverfahren für Modellierwachs aus Bienenwachs verzögern sich aus Zeitgründen. Da ist insofern jedoch nicht tragisch, weil ich davon gelesen habe, dass Bienenwachs nach einiger Zeit auskristallisiert. Um diesen Effekt nachvollziehen zu können und eine Bewertung darüber vornehmen zu können, ob dies Einfluss auf die Qualtität des Bienenwachses nimmt, ist das Verstreichen von Zeit also sogar sinnvoll.
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