Authentisches Arbeiten

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Authentisches Arbeiten

Beitragvon Merha » 25.09.2009 09:23

Gerade arbeite ich an einem Projekt bei dem ich sehr schweres Leder zum Nähen mit Knochenahlen vorsteche, dann mit einer sehr dünnen Knochenahle nachbohre um schließlich einzufädeln.

Alleine um den Arbeitsaufwand in Grenzen zu halten (?früher? arbeiteten viele Leute an so einer Sache, ich bin aber alleine) aber auch weil keinerlei Unterschied zwischen einem mit einer Knochenahle und einem mit einer Stahlahle gestochenen Loch feststellbar ist stellt sich mir folgende Frage.

Wäre es vertretbar, die Arbeit ?abzukürzen? und mit einer Stahlahle zu arbeiten und das natürlich auch dem Auftraggeber anzubieten (ihr kennt sicher die Budgetbegrenzungen und vor allem auch zeitlichen Zwänge) ? Vor allem weil ich ja nun weiß, dass es funktioniert, wie hoch der Materialaufwand und Verschleiß an Knochen sein wird, welche Probleme auftreten und wie sie abgestellt werden können usw. usf.

Meiner Ansicht nach wäre das u.U. vertretbar, weil ja die nötigen Erkenntnisse mittlerweile gesammelt sind und es durch die weitere Arbeit mit Knochenahlen keinen weiteren Vorteil mehr gäbe als denn sagen zu können: alles mit Knochenahlen gestochen.

Aber was meint ihr?
Merha
 

Beitragvon ulfr » 25.09.2009 11:23

Kommt darauf an, was der Auftraggeber meint bzw. vorgibt.

Generell halte ich es für vertretbar, mit modernem Gerät zu arbeiten, wenn man nachgeweisen bzw. nachvollzogen hat, dass diese Arbeit mit archaischem Gerät machbar ist. Wir nennen das ergebnisorientiertes Arbeiten.
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Beitragvon Thomas Trauner » 25.09.2009 13:35

Merha - da hat ulfr recht.

Die Frage ist das Ziel der Arbeit. Wenn du Erfahrungen über Arbeitsaufwand sammeln willst, bleibt man/frau bei den "originalen" Werkzeugen.
Gehts rein um die Erstellung einer überzeugenden Reko, dann ergebnisorientiert.
Vor allem dann, wenn sich nur der Werkstoff eines Werkzeuges ändert, nicht das ganze Werkzeug.
Blöd wäre ein Lochzange, aber eine Metallahle....

Außerdem: Wo fängt es an, wo hört es auf ? Wird das Leder mit Steinwerkzeug geschnitten ? Stellst Du das Werkzeug auch selber her ? Jagst du das Rind selbst ? In Polen, wo?s noch Wisent gibt ?

Es kommt auf die Fragestellung an, nicht auf eine quasi heilige Handlung :D

Thomas
Thomas Trauner
 

Beitragvon Thomas Trauner » 25.09.2009 13:44

Nochwas, weil Deine Überschrift ja "authentisches Arbeiten" ist.

Authentisch - ist ja so ein Begriff.

Wir haben immer zwei Probleme, egal ob wir so "authentisch" wie nur irgendmöglich arbeiten.

1. Wir erstellen eine Rekonstruktion nach einem Vorbild. Wir arbeiten nicht wirklich frei.
Wenn wir eine Pfeilspitze drücken, ist das ok, niemand kommt aber auf die Idee exakt die gleichen Druckspuren zu erzielen wie bei Original. Geht nicht.
Je näher wir aber am Original arbeiten müssen/wollen, desto mehr hält uns die Originaltreue auf.
Siehe Löwenmensch. Der/die Hersteller/in hat sich damals inspirieren lassen, Wulf musste Maße einhalten.
Das verzögert.

2. Bei aller Übung haben wir nie die gleichen Fertigkeiten wie die Leute damals. Es stellt sich also die Frage, ob wir diese Differenz nicht durch moderne Werkstoffe ausgleichen dürfen, ja nicht sogar sollten.
Die Qualität der handgestrickten Pullover meiner Oma erreiche ich nur mit 65-jährigen Praxis. Wenn ich jetzt genau die gleiche Qualität haben will habe ich halt das Problem mir was anderes einfallen lassen zu müssen.

Thomas
Thomas Trauner
 

Beitragvon Merha » 25.09.2009 17:21

Vielen Dank für eure Beiträge. Über eure Einschätzung bin ich doch recht froh :D .

?wenn man nachgewiesen bzw. nachvollzogen hat, dass diese Arbeit mit archaischem Gerät machbar ist?

Ja, das meine ich auch ?

?Wo fängt es an, wo hört es auf ??

Absolut. Ich meine bei einer größeren Arbeit werde ich Knochenahlen kaum auf dem Stein dünn schaben sondern mit der Feile ?

Ihr habt mir echt weitergeholfen. Das wird meine Argumentation beim nächsten Meeting in mehrerlei Hinsicht stützen :D .
Merha
 

Beitragvon Manu » 27.09.2009 20:11

Hi Merha,

gut, daß du das gefragt hast.
Bei vielen Arbeiten habe ich das gleiche Problem. Ich neige dazu, erst mal zu probieren, wie es wahrscheinlich `früher`gemacht wurde. Ich als Laie (Nichtarchäologin) kann auch kaum die Funde `lesen`bzw. habe keinen Zutritt zu den Funden. Also, sagt mir der Archäologe, wie er sich das denkt und was er für vertretbar hält. Dann versuche ich das und bekomme fürchterliche Blasen oder schaffe das niemals in der Zeit oder bekomme nicht genügend Material oder.... :?

Dann kommen die Kompromisse ungern, aber sie kommen meistens. Wie könnte ich :idea:

Die Entscheidung kommt mit jedem Stück immer wieder aufs Neue und nach Absprachen.

Grüssle mit großem Verständnis

Manu
Manu
 

Beitragvon Roeland Paardekooper » 27.09.2009 20:19

Ich einige mich mit Ulfr, es kommt aufs Ziel an.

John Coles hatte in den 1970er Jahre schon ein Unterschied gemacht in 3 Stufen:
1. Es sieht aus wie "damals", ist aber modern gemacht (Methode u/o Materialien

2. Es sieht aus wie "damals", ist auch gemacht wie damals (Methode und Materialien und Arbeitszeug)

3. Wie oben, aber auch 'wie damals' benuetzt.

Wenn man erlich nachdenkt, weiss man es auchh gut zu kommunizieren. Man braucht kein Sportwagen zum Einkaufen.
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Beitragvon Ragnar » 27.09.2009 23:05

Für Auftragsarbeiten find ich?s auch ok, wenn man "moderne" Werkzeuge benutzt. Für mich selbst, nehm ich aber lieber die originalen, da man eventuell eine abweichende Handhabung dieser zu "modernen" feststellen kann. Ruhig ein paar Blasen riskieren und mal drüber nachdenken wie es leichter gehen könnte.
In Deinem Fall: Den Griff der Ahle ruhig etwas überdimensionieren, die Ahlenspitze nicht nur nachschärfen, sondern polieren( gibt weniger Reibungswiederstand)und das Leder einwachsen.
Was ich weis, füllt ein Wasserglas. Was ich nicht weis, einen Ozean
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