Maushaus im Sturm umgefallen

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Maushaus im Sturm umgefallen

Beitragvon pinguin » 31.05.2009 11:28

Unteruhldingen 26.05.09 15.50 Uhr
In einem Gewittersturm mit Geschwindigkeiten bis zu 156 km/h aus Südwest (alte Windstärke 14) ist das auf Basis der Ausgrabungen in Hornstaad am Bodensee in Zusammenarbeit mit der Sendung mit der Maus erstellte Pfahlbauhaus im Pfahlbaumuseum umgefallen. Schäden bei den Schilf- und Schindeldächern, Erosionen der Lehmwände und Verschiebungen im Gefüge von 4 der insgesamt 23 Häuser sind festzustellen. Der Besucherbetrieb im Museum ist nach Absicherungen der Technikabteilung, der hinzugezogenen Baustatik, der Versicherung und des Museumsarchitekten sichergestellt. Das Ereignis war demnach stärker wie Lothar und das Jahrhunderthochwasser 1999 und reichte auch nicht an ähnliche Ereignisse des Jahres 1967 heran. Was für die einen ein prima Experimenterfolg darstellt, wir werden das Maushaus nach einiger Zeit Zersetzung ausgraben, stellt für die anderen einen herben und schwer wieder gut zu machenden Verlust dar. Bei der jetzt folgenden Dokumentation der Auswirkungen der verschiedenen auf einen Baukörper wirkenden natürlichen Kräfte wird die Frage spannend sein, welche Konstruktionsprinzipien bei archäologischen Freilichtmuseen zukünftig auch die Sicherheit der Besucher am besten gewährleisten können. Experiment hin oder her, einstürzende Bauteile oder waagrecht fliegende Schindelbretter sind ein Risiko gegen das man sich in einem Museum bestens versichern sollte. Bei uns ist alles aufgrund der Umsicht unserer Mitarbeiter gut gegangen. Blaue Flecken durch Hagel bei einer Besucherführerin am ganzen Körper sind das Schlimmste. Wir erarbeiten jetzt einen Notfallplan Sturm und ergänzen damit die Notfallpläne Feuer und Hochwasser in unserem Museum.
Hat eigentlich jemand im Forum Erfahrungen mit Sicherheitsvorschriften, Forderungen von Versicherungen bei experimentellen Vorführungen und Stabilisierungen von Bauelementen in Freilichtmuseen?
pinguin
 

Beitragvon Steve Lenz » 31.05.2009 11:58

Schade, ich hab?damals den Maus-Bericht mitverfolgt. Sehr spannend. Mal sehen, was die durch "höhere Gewalt" bedingte Fortsetzung des Experiments an Erkenntnissen bringen wird.

Gute Besserung an die Museumsangestellte. Ich rate bei Hagel zu Glockenpanzer und Kammhelm, anbetracht der Blitzschlaggefahr allerdings noch eher zu organischen/ textilen Adäquaten. :wink:

Hat eigentlich jemand im Forum Erfahrungen mit Sicherheitsvorschriften, Forderungen von Versicherungen bei experimentellen Vorführungen und Stabilisierungen von Bauelementen in Freilichtmuseen?


Ich persönlich weiss von einer vom Bauamt auferlegten Stahlverstrebung im Bronzezeithof Uelsen (www.bronzezeithof.de), welche nur z.T. unsichtbar ist, des weiteren von den Blitzableitern auf dem "Fürstenhaus" der Heuneburg (www.heuneburg.de), wo bei starken Böen das Gebäude auch gut und gerne laut knarrt und die Balken aneinander zirpen. Ansonsten muss ich zugeben, dass mir rezente bauamtliche Auflagen in Form von statischen Verstärkungen oder Blitzableitern in FLMs eher selten auffallen. Wenig bis gar nicht vorhanden.

Soweit ich informiert bin ist sowas abhängig von der Bauhöhe (u.a.).

Ulfr, weisst Du da mehr?
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Beitragvon Martin » 31.05.2009 13:00

Auch von mir gute Besserung an eure Mitarbeiterin!
Viele Grüße,

Martin
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Beitragvon pinguin » 31.05.2009 20:06

Vorher:
Bild Bild

Nacher:
Bild Bild

Dazwischen liegt eine Woche :?
pinguin
 

Beitragvon Hans T. » 31.05.2009 20:29

Für unsere (wenigen) Gebäude besteht zwar die übliche Gebäudeversicherung, aber wir haben keine zusätzliche Haftpflichtversicherung für die Besucher. Bei der Gebäudeversicherung bestehen aber auch etliche Ausnahmebestände, zB keine Blitzableiter. Nach meiner aus anderen Bereichen stammenden Erfahrung kann ich aber ohnehin nur raten, mit der Versicherung, die die Haftpflicht abdeckt, auch spezielle Vereinbarungen zu treffen.

Winddrucksicherung ist soweit ich das verstanden habe, ohnehin eine schwache Seite der VG-Rekonstruktionen. Wenn unser Haus mal umfällt, wissen wir jetzt schon auf welche Seite und weshalb...

H
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Beitragvon pinguin » 31.05.2009 21:24

Hochwasser, Sturm, Feuer - zum Glück haben wir für alle Gebäude eine Absicherung auf Elementarschäden. Inventar ist leider anscheinend nicht versichert. Eine allgemeine Haftpflicht besteht. Im Zweifelsfalle allerdings stellt sich schon die Frage, was passiert, wenn einemBesucher was passiert.
Woher weiß man denn in Nürnberg auf welche Seite ein Haus umfällt? - sollte es denn umfallen? :roll:
pinguin
 

Beitragvon Mark77 » 31.05.2009 22:12

Tut mir echt leid um das schöne Haus!!
Interessant finde ich den dabei entstandenen (wenn auch nicht wirklich gewollten) experimentellen Touch des Ganzen. So hat man auch mal einen Einblick in die Realität der damaligen Zeit: was passierte wirklich bei einem Sturm, wie sicher und stabil sind die Häuser, was war zu retten, wie sah es mit den Menschen im Haus aus, usw.
Unfreiwillig aber interessant!

Trotzdem riesen Schade um das Haus!!!!! :traurig:

Viele Grüße,
Markus
Mark77
 

Beitragvon Gerald der Uhl zu Wilhaim » 31.05.2009 22:55

Hallo Pinguin,
einerseits ist es schon beeindruckend was die anderen Hauser aushielten, andererseits schade um das Maushaus.

Notfallpläne und Vorschriften:
Sarkasmus an:
Habt ihr den Rettungsboote, -ringe, oder Schwimmer?
:roll:
Sarkasmus aus.

Ich bin Trainer in der Jugend beim Tanzen und bin entsprechend geschult. Wir müssen zum Beispiel bei Freizeiten mit der Jugend in der Nähe (300m) von Gewässern mit mehr als 30 cm Tiefe mindestens einen Rettungschwimmer pro 10 Jugendliche bereithalten.
Wenn ich also euch mit meiner Gruppe besuchen möchte müsste ich momentan fünf Rettungsschwimmer dabei haben.
:roll:

Ich denke da gibt es noch viel schlimmere Vorschriften in unserer Gesetzgebung.
Gott sei Dank ist nichts Schlimmeres passiert

Leider versucht sich der "deutsche" an sich eher überzuversichern als pragmatisch zu sagen "das war so gewollt (von einer höheren Gewalt).

Gruoss
Gerald der Uhl zu Wilhaim
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Beitragvon Bullenwächter » 31.05.2009 23:07

Bein Beileid zum Verlust des Maushauses aber ich wünsche Euch viel Erfolg bei der später einmal stattfindenden Ausgrabung - das nenne ich Lebendige Archäologie.

Wir sind schon gespannt, das uns im Sommerurlaub mal live anzusehen.
Der Tag wird kommen, da wir um zu bewahren, töten müssen!
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Beitragvon Roeland Paardekooper » 31.05.2009 23:14

Hallo Pinguin,

ws ich aus der Erfahrung in EXARC mit circa 50 archaeologischen Freilichtmuseen sagen kann ist dass Massnahmen und Regeln pro Museum (auch falls im gleichen Land) anderes sind. In ein Museum duerfen Kinder beim offenem Feuer schlafen, in anderem Museum muss das feuer 24 Stunden vorher geloescht sein.
Die Blitzableitern bei der Heuneburg sind ein Beispiel wie Einzelentscheidungen getroffen werden die man glucklicherweise kaum irgendow anderes sieht. Bild

In einer Stelle (Guedelon, FR) nennt mann sichselber "Baustelle" da man nicht unter'm Museumsgesetz arbeiten kann. In Schweden gibt es ein Museum das sich als Kindertiergarten benennt wegen den Regeln, ein Anderes sagt, "ja wir bauen, aber unsere Gebaeude sind nie fertig, da sonst muessen wir uns anpassen an den Gesetzen"..... usw usw.

Herzlichen Gruss aus den Niederlanden sendet ihr,

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Beitragvon pinguin » 01.06.2009 09:41

Zum Glück können wir auf Blitzableiter verzichten, da das Freilichtmuseum von einem ganzen Kranz aus hohen Bäumen umgeben ist und Blitze bislang dort oder direkt in den See gegangen sind :roll:
Das Maushaus war seit seinem Aufbau 1996 mit seinen Bewohn- und Müllexperimenten stets als Experimentalhaus gedacht und wir freuen uns mit der Denkmalpflege in Hemmenhofen jetzt schon auf die Befundprüfung nach erster Erosion und Verspülung. Wir sehen schon wie die Dachdeckung wegschwimmt und der Lehm sich mit jedem Wellenschlag mehr auflöst. Wir sind gespannt was bleibt :twisted:
Wäre es kein Experimentalhaus gewesen, dann hätten wir die baulichen Verbindungen nicht nur mit Schnur und Lederriemen, sondern mit V2A Bolzen gesichert. Kinder im Strohhaus bei Feuer schlafen zu lassen ohne eine Wache aufzustellen -Roeland- halte ich für fahrlässig. Das geht nur solange bis etwas schiefgeht. :(
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Beitragvon Hans T. » 01.06.2009 10:24

@Pinguin

wir wissen die künftige Fallrichtung des Hauses einfach deshalb, weil es sich neigt. Der Winddruck verschiebt es langsam. Es neigt sich langsam immer mehr nach Osten. Die Orkane der letzten Jahre hat es gleichwohl gut überstanden, allerdings erkennt man am Dach, wo sich Wirbel am First gebildet hatten und dort war's dann zerzaust.
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Beitragvon Roeland Paardekooper » 01.06.2009 10:24

Ohne jetzt die Diskussion nur ueber Brandschaden zu halten, hier ein Bild aus Eindhoven (NL) wo man sieht warum Reet nicht mit Eisendraht verbunden werden sollte: bei Brand schiebt es leicht herunter oder kann vom Feuerwehr zur Seite geschoben werden - so sieht mann dass das Feuer sich um den Waenden konzentriert.
Dies war uebrigens Brandstiftung, wie 95% der Feuerschadenfaellen in archaeologischen Freilichtmuseen. Es gibt desentwegen ein MA Dissertation aus Berlin.

Bild
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Beitragvon Roeland Paardekooper » 01.06.2009 10:31

@Hans

so wie hier in Lelystad (NL)? Wahrscheinlich nicht so schlimm....

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Beitragvon ulfr » 01.06.2009 11:38

Mit den Vorschriften hinsichtlich der Besuchersicherheit etc. kenne ich mich auch nicht wirklich aus, das ist in der Regel Angelegenheit des Auftraggebers. Wir (als Firma) lassen uns allerdings den Modellcharakter unserer "Re"konstruktionen immer schriftlich bestätigen und weisen eine Gewährleistung nach VOB in diesem Punkt zurück, planen unsere Rekos jedoch so (und führen sie in normalerweise auch so aus), dass wir eine interne Gewährleistung von 10 Jahren geben können. Eine Standsicherheitsprüfung oder sogar eine vollständige Statikberechnung ist dann wiederum Sache des Auftraggebers, im Einzelfall haben wir "prähistorische" Bauteile auch durch den verdeckten Einsatz von Stahl zusätzlich gesichert.
Was mir bei anderen Rekos häufig aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass die Konstrukteure sich allzusehr auf die Standfestigkeit von Pfählen verlassen, die in den Boden eingegraben werden. Auf zusätzliche diagonale Aussteifungen wird gern verzichtet, ob aus baufachlicher Unkenntnis, falscher Sparsamkeit oder Verkennung der Gewalt des Wetters, sei mal dahingestellt. Oftmals reicht eine diagonal fest über die Rofen oder Pfosten gebundene Latte, um den gefürchteten Kartenhauseffekt zu vermeiden.

In Eurem Fall, Gunter, hätte aber glaub ich sogar das nichts bewirkt, ich durfte ein ähnliches Gewitter mal am Federsee miterleben, da haben wir auch vor der heranziehenden schwefelgrünen Böenwalze gesessen wie das Kaninchen vor der Schlange, hatten allerdings mehr Glück als Ihr.

By the way: Die Scala des Herrn Beaufort reicht nur bis Windstärke 12, alles darüber hinaus war zu seinen Zeiten nicht verlässlich messbar. Windstärke 14 gibt es also offiziell nicht. Da wird sich in Zukunft allerdings was tun müssen, denn die Windgeschwindigkeiten nehmen aktuell immer mehr zu.

Mein Beileid zum Verlust des Maushauses, möge die Ausgrabung bzw. die Beobachtung des Verfalls Euch dafür entschädigen.
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