Die Bandkeramiker

Moderatoren: Hans T., Nils B., Turms Kreutzfeldt, Chris, S. Crumbach

Die Bandkeramiker

Beitragvon Thomas Trauner » 08.01.2006 16:35

In Heppenheim fand im Juni 2004 der "Hessentag" statt, bei dem 10 Tage lang Studenten der Johann-Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt unter der Führung ihres Prof.Dr. Jens Lüning viele Bereiche des Bandkeramischen Lebens darstellten.

Jetzt liegt das Buch dazu vor:

Lüng, Jens (Hrsg)
Die Bandkeramiker, Erste Steinzeitbauern in Deutschland, Bilder einer Ausstellung beim Hessentag in Heppenheim/Bergstrasse im Juni 2004
Verlag Marie Leidorf GmbH, ISBN 3-89646-027-7
304 Seiten , 520 Abbildungen.

Die Rekonstruktion des Neolithikums ist bislang noch recht dünn, um so mehr habe ich mich über diesen Band gefreut. Er gibt erstens einen wirklich eingängigen und recht umfassenden Bericht über die Bandkeramiker, zweitens sind die Rekonstruktionen zwar im Einzelfall diskutabel, aber wirklich sehenswert.
Die Rekonstruktion der Bekleidung (immerhin 12 DarstellerInnen) basiert deutlich auf einer zulässigen Interpretation des Fundmaterials, lediglich die Ausführung leidet unter einem etwas zu "modernen" Eindruck, der durch das Tragen einer Armbanduhr und Turnschuhen nicht gemildert wird. :wink:
Hier machten sich Geld- und Zeitmangel, aber auch mangelnde Erfahrung wohl bemerkbar.

Aber, ernsthaft, man kann drüber wegsehen. Viel, viel wichtiger ist, dass in diesem Band zum ersten Mal und wirklich schnell begreifbar die Sachkultur der Linienbandkeramiker aus der Sicht der Rekonstruktion beschrieben wird.

Das Engagement und der Mut der Studenten und ihres Profs. verdient wirklich Beifall.

Das Buch ist aufwändig. 520 Abbildungen (!), davon die meisten Fotos, flüssiger Text und das zusammenstellen des Kenntnisstands zur Bandkeramik machen es wirklich empfehlenswert.

Ich fands gut, informativ und amüsant.

Thomas T.
Thomas Trauner
 

Beitragvon Giraut » 25.01.2006 01:24

Ja, völlige Zustimmung.
Leider ist dir ein kleiner Tippfehler unterlaufen.
Es heißt Jens Lüning.
Hier mal der Link zum Buch:
http://www.vml.de/d/inhalt.php?ISBN=3-89646-027-7
Giraut
 

Beitragvon Thomas Trauner » 25.01.2006 10:03

Uuups, sorry.
Die Schrift kam zu uns ja auch ein wenig später :roll:

Thomas
Thomas Trauner
 

Beitragvon Turms Kreutzfeldt » 28.02.2006 12:57

Tolles Buch, ich habe es liegen, werde es noch mal neu bestellen und auch verschenken. Es gibt so ein paar Kleinigkeiten, die Puristen stören mögen: Ich sach nur: Guck den Leuten mal auf die Füße !!! :lol: :lol:
Ich bin der Schleuderer, der stets aufschreit und das mit Recht, denn alles was nicht schleudert, ist wert das es auch untergeht, so ist denn alles, was ihr Schleudern nennt, mein eigentliches Element...
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Beitragvon FaethorFerenczy » 28.02.2006 15:25

Das mit den füßen ist mir auch schon aufgefallen. Wär schön gewesen wenn sie auch noch versucht hätten, schuhe zu rekonstruieren. Aber is nicht so wichtig, das buch ist sehr informativ. Nur eins ist mir aufgefallen. Die schnürungen der hosen, sind die belegt oder interpretation? Weil auf den figuren kann ich keine schnürung erkennen.
Grüßlis
Ina
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Beitragvon Thomas Trauner » 28.02.2006 16:01

Wie Turms schon sagte, Puristen fällt natürlich was auf.
Man/frau kann stundenlang über die dargestellte Kleidung diskutieren. Die Schnürung ist sicher eine Zutat der Scheiderin. Wobei man sich schon die Frage stellt: Wie hält das Ganze ??

Aber trotzdem: Das Buch gibt einen schönen Überblick, nennt und zeigt Quellen und ist mit viel Liebe und Engagement gemacht. Und zu diesem Thema gibt?s nicht viel.

Th.
Thomas Trauner
 

Beitragvon FaethorFerenczy » 28.02.2006 17:11

Leider. Ich würd mir mehr solche bücher zu dem thema wünschen. Das mit den schuhen ist mir auch nur durch zufall aufgefallen (ich schau den leuten in den seltensten fällen auf die füß) aber tragisch find ichs nicht.
Letztes Jahr wahren Hosen mit solchen schnürungen auch modern. Ich denke mal die halten so wie andere hosen auch.
FaethorFerenczy
 

Beitragvon Steve Lenz » 13.09.2006 14:17

Ich hab?endlich mal die Muße und Zeit gefunden, mir das Buch - welches nach dem ersten Überfliegen gaaanz weit nach hinten in mein Regal wanderte - nun genauer durchzulesen.

Die Infos über die LBK sind gut und brauchbar, ich sehe auch das Anliegen der Projektleitung und ehre das Bestreben der Darstellung.

Aber die Umsetzung selbst ist m.E u.a. K!

Auch die Erklärungen, weswegen man manches wie gezeigt gemacht hat, finde ich ziemlich daneben - ein Beispiel:

Als Material für die Hüte entschied man sich für Filz. Wolle sei nachgewiesen, die Filztechnik einfach.

Solch eine Erklärung möchte ich mir als Laie ohne akademischen Background mal erlauben!

Zu den LBK-Hosen:

Es scheint niemanden aufgefallen zu sein, dass manche "Zierlinien" auf den "Hosenbeinen" (der als Vorlage dienenden Figurinen) der Kantenführung von Beinlingen entsprechen!

Vom Schuhwerk reden wir erst gar nicht (Wo liegt das Problem, sich die "A"diletten aus den Ufersiedlungen des Neolithikums zu "bauen?), vom mesolithischen Holmegard-Bogen auch nicht.

Meiner Meinung nach ist Hr. Prof. Lüning ein Fachmann für die LBK, aber im Bereich Rekonstruktion und lebendiger Geschichtsdarstellung sollte er vielleicht nochmal bei der Hand genommen werden.

Ansonsten muß ich Rügen aus dem akademischen Sektor an uns "Amateure" und "Laien" fortan doppelt diffamierend werten...
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Beitragvon S. Crumbach » 13.09.2006 15:03

Das ganze ist eine Pionierarbeit auf diesem Gebiet, mit allen Vor- und Nachteilen, denke ich.
Das Vorwort in der Veröffentlichung ist sehr aufschlußreich dazu.

Wenn man das AiD Sonderheft gewissenhaft ließt, werden weitere Hintergründe klar. Besonders auch die (herausragende) Rolle von Herrn Porf. Lüning in der Angelegenheit experimentelle Archäologie (Stichwort Hambacher Forst)

Diese Studie steht nicht allein da, zu den bandkeramischen Frisuren z.B. gibt es weitere Veröffentlichungen. (Arch. Korr. Blatt).

Eine Wertung werde ich mir nicht anmaßen, aber zu sachlichen Problem habe ich schon eine ganze Weile eine angefangene Ausarbeitung auf der Tastatur ....
"Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt vergnügt."
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Beitragvon Claudia » 28.09.2006 17:46

Ich beziehe mich hier nur auf den Artikel in der AiD zum selben Thema, nicht auf das Buch:

Im Großen und Ganzen finde ich die Rekoversuche nicht so übel, wenn mich auch einiges nicht überzeugt (dazu später).
Daß die Leute moderne Schuhe tragen, finde ich eigentlich nicht so schlimm, hätte es aber besser gefunden, wenn es einen Hinweis gegeben hätte wie "Unsere Modelle tragen alle modernen Schuhe, da wir uns mit der Rekonstruktion von Schuhen im Neolithikum noch nicht befaßt haben."
Wenn die Leute barfuß gewesen wären, hätte das auch leicht einen falschen Eindruck erzeugen können.

Die Form der meisten Hüte finde ich recht gelungen, bis auf den "Fassadenhut". Dort kann ich anhand des Figürchens, nach dem der Hut gestaltet sein soll, nicht nachvollziehen, warum dieser Hut die "Fassade" hinten hat. Der Hut am Figürchen geht vorne ein Stück geade hoch (nicht hinten) und bei weitem nicht so hoch wie in dem Rekonstruktionsvorschlag. Insgesamt ergibt sich eine ganz andere Gestalt.
Die Argumentation für das Material Filz finde ich auch etwas dünne. Ehrlicher und für mich akzeptabler wäre eine Aussage gewesen wie "Wir haben vorerst Filz verwendet, weil das für uns das am leichtesten zugängliche Material war. Weitere Versuche mit anderen Materialien werden folgen."
Die Sache mit dem "Untergestell" im Hut kann ich nicht so ganz glauben. Woraus hätte das sein sollen?

Das Haarnetz finde ich einen schönen Vorschlag, wenn es auch eher nach dem Idolfigürchen gestaltet zu sein scheint als nach dem Grabfund. Die Schnecken bei dem Grabfund müssen in relativ engen Reihen genau auf dem Oberkopf befestigt gewesen sein (quasi ein "Hahnenkamm" aus Schnecken), sonst wären sie nicht im Grab in so sauberen Reihen oberhalb des Kopfes zu liegen gekommen. Wenn so viel an den Kopfseiten gewesen wäre wie im Rekovorschlag, wären die Schnecken unregelmäßiger zu liegen gekommen und auch viel mehr davon vor und hinter dem Kopf.

Zur Kleidung:
Hier bin ich auch einigermaßen mißtrauisch. Die Schnitte sind ganz modern und erzeugen relativ viel Verschnitt. Besonders viel Verschnitt würde bei einigen Applikationen anfallen (Gerade bei denen um den Halsausschnitt). Wenn man jeden Faden mit der Handspindel spinnen und jedes bißchen Stoff auf dem Gewichtswebstuhl weben muß (oder sogar flechten, wie bei den Drehergeweben), dann leistet man sich nach Möglichkeit keinen Verschnitt. Deswegen sind mir eigentlich jegliche Applikationstechniken bei Textilien für so frühe Zeitstellungen suspekt. Für Leder oder Pelze sieht das anders aus, da muß man ja eh oft zusammensetzen, um die gewünschte Form (oder bei Pelzen die Strichrichtung) zu erreichen.
Wenn die an den Figürchen dargestellte Kleidung textil war, würde ich eher zu aufgenähten Bändern oder einfachen Bestickungen (z.B. Kettenstich, oder eine Art Anlegestickerei mit Kordeln oder dicken Fäden) tendieren. Damit kann man Linien erzeugen oder Fläche füllen, ohne Abfall zu erzeugen.
Bei den Halsausschnitten käme auch ein simpler Schlitz in Frage. Der muß auch nicht immer quer gehen, wie die bekannten "U-Boot-Ausschnitte", sondern kann auch längs sein. Das würde vorne und hinten einen V-Ausschnitt erzeugen. Und Webkanten daran (oder aufgenähte Borten oder Kordeln zur Randverstärkung) können dann schnell aussehen wie Applikationen um den Halsausschnitt.

Bei den "Hosen" hatte ich auch schon an Beinlinge gedacht. Aber ich weiß nicht so recht, wie die diesen Kringel auf der Hüfte erzeugen sollten.

Ich habe auch schon daran gedacht, daß etliche der Figuren möglicherweise gar nicht bekleidet dargestellt wurden. Jedenfalls finde ich es absurd, die Ritzzeichnungen auf dem "Adonis von Zschernitz" für Muster auf Kleidung heranzuziehen (wie in einem Fall geschehen), da genau diese Statuette ziemlich eindeutig nackt ist. Laut Aussage aus dem Sächsischen Landesamt ist auch noch ein weiteres Bruchstück gefunden worden, was "vorne" dranpaßt, so daß vermutet wird, daß hier ein kopulierendes Paar dargestellt wurde. Also eher ungeeignet, um als Grundlage für Kleidungsrekos herangezogen zu werden ;-)
Einige der Figuren scheinen allerdings recht eindeutig bekleidet zu sein. Allein die Halsauschnittlinien würde ich nicht als zwingend ansehen (könnte auch eine Kette sein), aber wenn dazu eine Linie in Hüfthöhe kommt, sieht das doch recht eindeutig nach Ausschnittlinie und Saumlinie eines Kleidungsstücks aus...

Zusammenfassend würde ich zu der Arbeit sagen: Als erster Rekoversuch nicht schlecht, aber nicht alles kann überzeugen und es bleibt noch reichlich Arbeit zu tun und Alternativen auszuprobieren.
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Beitragvon Kelvin Wilson » 29.09.2006 10:25

Weiter zur LBK Kleidung-erzeugnisse:

Auf http://www.nhm-wien.ac.at/nhm/prehist/S ... unn_g.html sieht man deutich ein Gürtel mit Lendenschurz... oder, wie man will, die Anfang zwei Leggings (sehe die verticaler Linien am Bein).

Gefunden nabei Wien, datierung 5480-5200 vor Christus.


Kelvin Wilson
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Beitragvon Steve Lenz » 29.09.2006 10:52

Manche der Linien auf den Idolen interpretiere ich viel eher - wie gesagt - als Umrisse von Beinlingen und ggf. Lendenschurzen. Linien auf Armen und Oberkörpern als Bemalung oder Tätowierung.

Was die "Hüte" anbelangt:

Da gibt es im neolithischen Fundgut viel mehr Möglichkeiten, als dass man zu Filz greifen muß! (Mir geht?s wie ebenfalls gesagt um die Erklärung der Wahl - ein "Laiendarsteller" der Living History würde seitens der akademischen Rige für derlei Schmonsens verrissen werden!)

Wenn es Hüte waren, so böte sich beispielsweise Birkenrinde an: Lässt sich nähen, in unmöglichste Formen bringen und bemalen. Abgesehen davon gibt es aus der LBK mehrere Funde verschiedener Utensielien aus Birkenrinde (Gefäße, Eimer).

Und man kann auch mit Haaren (eigenen wie fremden), Lehm und Rötel (!) die schicksten Turmfrisuren (!) kreieren! :idea:

Was die Kleidung anbelangt, so lasse ich mir Leinen für Oberbekleidung und Lendenschurzen noch eingehen - aber als Beinkleidung würde ich dennoch beim Leder bleiben.

Schuhe:

Wieso soll barfuß unüblich gewesen sein? Und wenn man kontraprimitiv wirken wollte: Ein Paar neolithische Flip-Flops sind sowas von schnell gemacht.

Bogen:

Gibt es etliche bessere Lösungen, als der mesolithische Holmegard-Typ.

Das Buch ist eine gute Info-Quelle, wenn?s um die LBK geht. Ansonsten ist für mich ein Leitfaden, wie man es (die LBK-Rekonstruktion) nicht machen sollte.
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