Männliche Sicht auf das Mittelalter

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Männliche Sicht auf das Mittelalter

Beitragvon Blattspitze » 18.06.2019 15:54

Eine feministische Archäologin sagt:
Die Mittelalterarchäologie ist ungerecht.
Die Lebenswelt von Frauen, Kindern oder Dienstboten wird dagegen nur selten betrachtet und untersucht.
„Wir müssen neue Fragen an die archäologischen Belege stellen“, sagt die Forscherin. „Wie waren beispielsweise die Geschlechterrollen konstruiert und reguliert? Und wie war es für eine Person, die kein Mann der Elite war, in einem mittelalterlichen Schloss zu leben?“ Die Einbeziehung von Genderaspekten ist nach Ansicht der Archäologin daher keine Frage des Trends oder der politisch-feministischen Korrektheit, sondern dringend notwendig, um ein vollständiges Bild der mittelalterlichen Lebenswelt zu erhalten. „In dieser Hinsicht hängt die Archäologie hinter der Zeit zurück“, konstatiert Dempsey.

https://www.wissenschaft.de/geschichte- ... ttelalter/
https://www.cambridge.org/core/journals ... 5BFA43E9AA
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Re: Männliche Sicht auf das Mittelalter

Beitragvon ulfr » 19.06.2019 20:11

... hatte ich neulich ein Gespräch mit einem polnischen Gerüstbauer, der unser aktuelles Projekt eingerüstet hat: "Ist ja ganz spannend, was Ihr da macht ... aber Geschichte interessiert mich nicht so. Ist ja sowieso so: Der Gewinner nimmt alles, oder? Geschichte wird doch immer nur von den Siegern geschrieben."

Und da liegt das Problem - gibt es Aufzeichnungen von Personen, die nicht als Mann der Elite in einem Schloss gelebt haben oder als Mönch in einem Kloster? Das Leben eines mittelalterlichen Zimmermanns zu erzählen muss zwangsläufig genauso eine Konstruktion sein wie das Stundenbuch des Duc de Berry, der auch nur erzählt, was ihm wichtig war.
Lediglich unser Blickwinkel kann sich ändern bzw. weiten, wir können die Geschichtsschreibung hinterfragen und sollten das auch tun, hat übrigens olle Brecht schon angemerkt:

http://ingeb.org/Lieder/werbaute.html

und auch er schließt mit : ... "so viele Fragen!"
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Re: Männliche Sicht auf das Mittelalter

Beitragvon Blattspitze » 20.06.2019 11:21

Abgesehen davon, dass es bestimmt manchmal besser ist, wenn die Sieger die Geschichte erzählen, hat die Thematik ja wesentlich mit Erhaltung und Überlieferung zu tun.
Arme und Benachteiligte haben ja immer weniger Spuren als die "Sieger" hinterlassen können. Sie haben zwar mit Ihrer Hände Arbeit die Dinge geschaffen, die ausgegraben werden, aber diese Dinge liegen in Gräbern der Elite und sind mit herausgestellten Personen verbunden. Mit Einführung der Schrift wird`s noch extremer.
Wenn es stimmt, dass die handwerklichen Produkte von Frauen eher aus Materialien bestehen, die nur unter günstigeren Erhaltungsbedingungen überliefert sind, so sind diese verständlicherweise unterrepräsentiert.
Ansonsten ist es eben die Frage, wie stark der Bias ist.
Wie sollen "Fürstengräber" gleichberechtigt zur beigabenlosen Bestattung eines Tagelöhners gewertet werden können?
Der bildungsbürgerliche "Endkonsument" der Archäologie ist bestimmt auch eher an Gold und Kunst interessiert und ihm das abgewöhnen zu wollen, ...?
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Re: Männliche Sicht auf das Mittelalter

Beitragvon Monolith » 01.07.2019 15:36

Im Vasa-Museum in Stockholm dreht sich ein ein Teil der Ausstellung ganz um die Crew der Vasa. Natürlich sind wir hier zeitlich außerhalb des Mittelalters, aber das Prinzip ist ja dasselbe. Man hat versucht, das Leben der Crew zu rekonstruieren und dafür stehen uns ja auch genügend Wuellen zur Verfügung in dieser Zeit und für das Mittelalter, nämlich Friedhöfe, Latrinen, Kirchregister- oder Grundbucheinträge. Natürlich war die Wissenschaft bisher oft auf die herausstehenden Persönlichkeiten aus, deren Leben sich wahrscheinlich am einfachsten rekonstruieren lässt. Aber ich denke, dass auch das Publikum am "normalen Bürgen" "wie Du und ich" interessiert ist, wenn es entsprechend aufbereitet wird, gerade weil man sich mit diesen Personen am besten identifizieren kann. Ich denke, aus dieser Perspektive lassen sich Männer UND Frauen ganz gut analysieren. Ich weiß allerdings nicht, ob es auch so gut mit den Kindern klappt. Ich vermute, dass sie unterrepräsentiert sein könnten.
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