Energiesparwände aus der Bronzezeit

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Energiesparwände aus der Bronzezeit

Beitragvon Fridolin » 20.11.2009 16:02

Zufällig bin ich über dieses Aufsätzchen im Netz gestolpert. Hat mich "elektrisiert", denn vergleichbare Hüttenlehmfunde gibt es auch aus der Eisenzeit (und mit denen beschäftige ich mich im Moment...)

http://www.hessischeenergiesparaktion.d ... zezeit.pdf

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Beitragvon ulfr » 20.11.2009 18:45

Vielen Dank, Frido, das ist echt mal was Neues, hätte ich nicht gedacht, dass es diese Art der Konstruktion in der BZ schon gab :shock: Jetzt heißt es umdenken bzw. auch an sowas denken beim Modellbau. Nicht ganz schlüssig erscheint mir allerdings die im Artikel gezeigte Reko mit mehreren dünnen Haselstäben als Staken, da nimmt der Praktiker doch lieber einen einzelnen dicken, weniger Arbeit und hält besser.
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Beitragvon Hans T. » 20.11.2009 19:08

Jetzt wäre es auch noch interessant, ob es auch passende Befunde wg der Staken gibt...doppelreihig, meine ich. Klar, die Pfostenlöcher sind tiefer, aber man müsste mal gucken...

Jedenfalls interessanter Befund. Bei dem in Beispiel genannten Vergleich mit den Experiment am Bodensee...ob da die Wärme nicht eher durchs Dach nach oben weg ist? Wenn man von einem Isolierungsbedürfnis ausgeht....könnte man auch mal über einen Dachboden nachdenken.

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Beitragvon Fridolin » 20.11.2009 19:38

Hans T. hat geschrieben: Bei dem in Beispiel genannten Vergleich mit den Experiment am Bodensee...ob da die Wärme nicht eher durchs Dach nach oben weg ist? Wenn man von einem Isolierungsbedürfnis ausgeht....könnte man auch mal über einen Dachboden nachdenken.


Ich kenne diesen "einseitig" aufgetragenen Hüttenlehm aus einer latenezeitlichen Großsiedlung. Meine Interpretation der Stücke war, dass es sich um den (nachträglich angebrachten) Verputz von Zimmerdecken handeln könne. Gut dass das paper noch nicht draußen ist, muss noch mal drüber schlafen. Interessanter Ansatz, auf eine doppelte Lehmflechtwand wäre ich nie gekommen.

Aber Du hast Recht, Hans, eine gut isolierte Außenwand (für die Gute-Stube?) macht keinen Sinn, wenn die Wärme durchs Dach abzieht. Wenn man (wie ich) annimmt, dass es irgendwann auch mehrstöckige Häuser gegeben hat, dann kommt man um Zimmerdecken ohnehin nicht herum.

Bin begeistert.

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Beitragvon Hans T. » 20.11.2009 20:48

"Einseitig" alleine wäre für mich noch kein Kriterium. Solchen Hüttenlehm gibt's doch öfter, aus solchen Stücken heraus belegt man ja die Flechtwände.

Bei einem gegenseitigen Bewurf verbindet sich da die eine Hälfte mit der anderen so dicht, dass es nicht platzt bei Hitze? Auch die Frage, wie die Verziegelung vor sich geht, von innen nach aussen (die Hütte brennt innen), was platzt da wann wo ab?

Zudem: Luftlöcher. Ich bin mir bei unserem 1:1 Hausmodell nicht 100% sicher, dass die (überdicke) Wand nicht ohne Luftblasen im Verputz ist, auch wenn es nicht sein sollte.

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Beitragvon Fridolin » 21.11.2009 13:57

Ich weiß nicht ob es überhaupt Exemplare von durchgehend erhaltenen Lehmflechtwänden (mit beidseitigem und geglättetem Lehmbewurf) gibt. I.d.R. ist es ja so, dass der Lehm beim Brand der Häuser mittig, also im Bereich des Flechtwerks zerbrach, so dass diese Hüttenlehmstücke entweder von der einen oder der anderen Seite des Rutengeflechtes stammen. Bei diesem „Typ“ kann man sehen, dass der Lehm an den Stegen zwischen den Rutenabdrücken durchgebrochen ist. Abschätzungen der Stärke der Lehmwände mit innen liegendem Flechtwerk (beidseitig aufgetragener Lehm, Latenezeit) ergeben gerade mal 7 cm Wandstärke, das ist nicht viel. (man braucht nur die Dicke des Wandlehms am Stakenabdruck doppeln und den Durchmesser der Staken dazu addieren).

„Einseitig aufgetragen“ soll heißen, dass der Lehm von nur einer Seite auf das Flechtwerk aufgetragen wurde, nicht aber von der Gegenseite (was bei einer doppelten Flechtwand á la Staeves auch kaum möglich wäre). Bei diesem „Typ“ wird der Lehm durch das Flechtwerk gedrückt, es bilden sich die von Frau Staeves so bezeichneten Wülste mit den Grasabdrücken der Isolationsschicht (vgl. Abb. 3 und 4 im Aufsatz von Frau Staeves).

Ein Problem, das bei der Beurteilung von Hüttenlehmbrocken auftreten kann ist die verwitterungsbedingte Verrundung der Stücke. Denn der Lehm ist i.d.R. deutlich magerer als Töpferton und die Intensität des Brandes einzelner Stücke ist zufallsbedingt. In Langenselbold hatte man offensichtlich optimale Bedingungen. Nicht nur was den verarbeiteten Lehm angeht. Auch und v.a. den Bearbeitern muss man danken, oft wird Hüttenlehm weggeworfen oder verschwindet im Magazin, unrestauriert, unbearbeitet....

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Beitragvon Joze » 21.11.2009 13:59

Hi!
Lehmhäuser&Lehmbau ist aber auch hutzutage "in" - meine gute Bekantin Alenka baut gerade so ein Oeco-Haus aus Holz&Stroh&Lehm/Gatsch und mit genauso einer "Holz-Skelet-Konstruktion". Es gibt bei uns in Slow nur 7 solche Häuser - die baut den 8. Darüber habe ich schon auf Keltenfesten geredet.
Dazu habe ich von Bekannten aus Österreich weitere Hinweise und Verlinkungen bekommen über Lehmmateriallien&Mischung zum bauen, neben vielen Experten hat ein bekannter Künstler aus Wien Dr. Braun de Praun so ein Haus und kennt sich auf diese Projekte aus.

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Beitragvon ulfr » 23.11.2009 00:25

Fridolin hat geschrieben:„Einseitig aufgetragen“ soll heißen, dass der Lehm von nur einer Seite auf das Flechtwerk aufgetragen wurde, nicht aber von der Gegenseite


Versteh ich das richtig? Wir haben bisher alle Lehmwände - einschichtige ohne Gras-Isolierfüllung und doppelte Stakenreihen - von beiden Seiten aufgetragen, und das nach ethnologischen bzw. subrezenten Vorbildern - zwei Personen stehen jeweils auf einer Seite der Wand, werfen gleichzeitig den Lehm an dieselbe Stelle, und drücken ihn anschließend fest. Wenn alles aufgetragen ist, wird der Lehm beidseitig glattgestrichen...

Du hast PM

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Beitragvon Joze » 23.11.2009 09:19

So wird auch die Alenka bauen.... (im Moment ist sie mit Holzkonstruktion fertig). Wenn kein Lehm da ist (in Haus-Nähe), geht es auch mit Gatsch.

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Beitragvon Joze » 16.12.2009 12:07

Hy!
Ich habe einen guten Artikel zum Thema in meinem Buch gefunden:
Matija Cresnar: Wooden house construction types in Bronze Age and Early Iron Age Slovenia, Building materials found in archaeological contexts; in:
Scripta Praehistorica in Honorem Biba Terzan, Situla Nr. 44, Narodni muzej Slovenije 2007 (S. 323-336; References S. 337-339)

Es sind vor allem auch Analogien mit anderen europaischen Siedlungbauten vorgestellt (auch die Vorlagen, die von euch vorgelegt wurden) und was auch interessant ist: Analogien mit einigen heutigen Bauarten&Gebäuden aus alpinen Raum.

Es sind auch gleiche bauarten von doppelten Lehm-Schichten, die ihr hier angesprochen habt, klar gezeigt. Alle Funde sind schliesslich systemathisch in Tabelle mit Beschreibungen gesammelt.


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Beitragvon Fridolin » 29.12.2009 03:00

ulfr hat geschrieben:
Fridolin hat geschrieben:„Einseitig aufgetragen“ soll heißen, dass der Lehm von nur einer Seite auf das Flechtwerk aufgetragen wurde, nicht aber von der Gegenseite


Versteh ich das richtig? Wir haben bisher alle Lehmwände - einschichtige ohne Gras-Isolierfüllung und doppelte Stakenreihen - von beiden Seiten aufgetragen, und das nach ethnologischen bzw. subrezenten Vorbildern - zwei Personen stehen jeweils auf einer Seite der Wand, werfen gleichzeitig den Lehm an dieselbe Stelle, und drücken ihn anschließend fest. Wenn alles aufgetragen ist, wird der Lehm beidseitig glattgestrichen...


Ulfr, so wie Du es beschrieben hast handelt es sich nach meinem Verständnis um eine Flechtwand, bei der der Lehm von beiden Seiten aufgetragen (beworfen bzw. verstrichen) wurde.
Wenn man den Lehm nur auf eine Seite des Flechtwerks aufträgt, aber nicht auf der Gegenseite desselben Flechtwerks, z.B. weil dort bereits die Staeves’sche Grasisolierschicht (bzw. eine zweite Flechtwand) eingearbeitet wurde, die einem Lehmauftrag von der andern Seite im Wege wären, dann hätte man einen „einseitigen“ Auftrag.
Mittlerweile habe ich eine Fundkiste mit zusammengehörigen Hüttenlehmstücken ausfindig gemacht, bei denen man deutlich sehen kann, dass der Lehm quasi durch die Lücken des Holzgerüstes (Ruten und brettchenförmige Staken) mehrere cm weit hindurch gequetscht wurde, ohne dass es zum Kontakt, zur Verbindung mit einem möglichen Lehmverstrich von der anderen Seite gekommen wäre, wie die wulstigen Enden belegen (vgl. Beweisführung von Frau Staeves). Zugegeben, Grasabdrücke habe ich keine gefunden...

Pfusch am Bau? Oder flächig „einseitiger“ Auftrag? Was mir ein wenig Kopfzerbrechen macht: Der einseitige Auftrag war vermutlich weniger haltbar als ein zweiseitiger, denn es fehlte das „Gegengewicht“ und außerdem bestand die Gefahr, dass die Haftung am Holzgerüst nachließ bzw. versagte.

Hmm, ja, nach 7 Jahren Pause hat mich das Thema wieder gepackt. Aber vielleicht ist es gut so, dass ein für mich gut erreichbares Fundmagazin mit mehreren Tonnen Hüttenlehm vor wenigen Wochen aufgegeben und das Fundmaterial in einem rel. weit entfernten Magazin wieder eingelagert wurde...


Gute Nacht

wünscht Fridolin
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Beitragvon ulfr » 29.12.2009 12:32

Außerdem würde imho ein einseitiger Lehmauftrag dazu führen, dass das offen liegende Holzgeflecht verfaulen würde, weil es mit Kondensfeuchte und Luft in Kontakt käme. Solch einen Wandaufbau habe ich auch noch nie irgendwo gesehen, weder prähistorisch noch historisch noch ethnologisch.

Wenn ich es richtig erinnere, hatten wir am Federsee auch Stellen in der Wand, wo Lehm ein, zwei cm weit durch das Flechtwerk durchgequetscht war, ohne auf der anderen Seite mit Lehm in Kontakt gekommen zu sein, das hängt von der Übung der Lehmbauer und von der Dicke des Flechtwerks ab.

Ich würde unseren Ur-und-Früh-Kollegen allerdings ohne weiteres die Erkenntnis zutrauen - wenn auch vielleicht nicht physikalisch-theoretisch, dass ein luftgefüllter Zwischenraum gut isoliert.
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Beitragvon Fridolin » 29.12.2009 13:14

Zitat:" „Bei großen Mengen Hütten- oder Rotlehm ist je nach Befundlage bereits auf der Grabung eine Vorauswahl der aussagekräftigen Lehmstücke (Abdrücke, Flächen etc.) zu treffen. Gleiches gilt für Bodenproben, botanischen Proben und ähnliches.“

So kommt man nicht weiter...

meint Fridolin
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Beitragvon Joze » 30.12.2009 14:01

Nochmal ganz kurz dazu:
in Buch sind auch von Federsee Lehmwand-Zeichnungen drin, und andere auch (Ehreinstein, Wurt-Upleward, Hornstaad bei Bodensee). Die sind von beiden Seiten mit Lehm ausgemacht. Und gleiche Funde sind auch aus Slow bekannt. Gleiche sind auch in den Keltendorf auf dem Kulm bei Weiz.

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