Gängige Definitionen von Gemeinschaften der VFG

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Gängige Definitionen von Gemeinschaften der VFG

Beitragvon Cernunnos » 17.04.2007 21:41

Hallo!
Ich hoffe ich bin mit meiner Frage hier richtig. Ein Board zu Methode & Theorie habe ich nicht gefunden, insofern erscheint es mir hier am besten zu passen.

Und zwar bin ich auf der Suche nach gängigen Definitionen in der wissenschaftlichen Praxis für folgende Begriffe:

Familie, Sippe, Stamm, Gruppe, Phänomen, Kultur, (Nation), etc.

Und falls diese Praxis kritisiert werden muss, würde ich mich natürlich ebenfalls über die Details der Kritik freuen.

Mir erscheinen viele dieser Begriffe nämlich sehr schwammig formuliert, zumal darunter in verschiedenen Disziplinen oft nicht dasselbe verstanden wird. Gibt es vielleicht eine Publikation oder sogar Leitlinie, die mit einer anerkannten Definition eine Grundlage für das wissenschaftliche Arbeiten bildet?
Cernunnos
 

Beitragvon Nika E.S. » 17.04.2007 22:51

Das dürfte wohl eines der Themen sein, bei dem man sich mit Soziologen streiten muß...
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Beitragvon Cernunnos » 17.04.2007 23:18

Nun, mir ist schon klar, dass man sich darüber streiten kann.
Aber umso mehr bedarf es dann ja einer relativ einheitlichen Definition.

Ok, vielleicht ist die Frage etwas naiv und geht an der Realität vorbei, aber man muss es ja mal probieren. :wink:
Cernunnos
 

Beitragvon R. Schumann » 18.04.2007 00:48

puh, das sin jetz natürlich auch mal fragen die sich nicht so wirklich einfach beantworten lassen ;) aber ich geb mal meinen senf zum Begriff der archäologischen "Kultur" ab.
Eine einheitliche Definition von "Kultur" gibt es in der Vorgeschichte nicht (geschweige den in der gesamtheit der Wissenschaften, es gibt jedoch einen ganz netten interdisziplinären tagungsband zu diesem Thema: S. Fröhlich (Hrsg.), Kultur - Ein interdisziplinäres Kolloquium zur Begrifflichkeit. Halle (Saale), 18. bis 21. Februar 1999 (Halle 2000)).
Kultur wird in der Vorgeschichte meist als eines dieser Dinger angesehen:

- ?Kultur? als Bezeichnung einer Fundgruppe
- ?Kultur? als Summe aller mit einem Keramikstil verbundenen Erscheinungen
- ?Kultur? als Überbegriff kleinerer Einzelkulturen
- ?Kultur? als Keramikstile/Chronologiesysteme
- ?Kultur? als Kerngebiete, mit möglichst vielen Überschneidungen
- ?Kultur? als polythetisches System
- ?Kultur? als normatives, von (Be)Funden gelöstes Kulturmodell

Unterschieden wird des Weiteren zwischen induktiven und deduktiven Kulturbegriffen, wobei, vereinfacht ausgedrückt, die induktiven Kulturmodelle vom archäologischen Material ausgehen, wohingegen die deduktiven meist theoretische Konstrukte darstellen, die auf den Fundstoff angewendet werden. Die Systemtheorie (ursprünglich als "general systems theorie in der Biologie entwickelt) spielt bei den deduktiven Kulturmodellen eine wichtige Rolle.

Um mal einige Beispiele zur Verwendung des Begriffs Kultur zu geben:

Gordon Childe hat seinerzeit Kultur folgendermaßen definiert:

?We find certain types of remains ? pots, implements, ornaments, burial rites, house forms ? constantly recurring together. Such a complex of regularly associated traits we shall term a ?cultural group? or ?culture??

Zu gut deutsch, für Childe (1929) war eine Kultur eine Vergesellschaftung von Typen, Klassen usw in einem klar abgrenzbaren geographischen Rahmen. In einigen späteren Schriften die ich jetz nich kopiert da hab und deswegen graed nich nachschaun kann hat CHilde diesen, nur auf archäologischem Material basierendem, also induktiven Begriff durch einige weitere, nicht direkt aus dem archäologischen Material ablesbaren Gemeinsamkeiten erweitert, wie zum Beispiel Tradition und Religion.

David Clarke (1968), eine der Größen der New Archaeology hat Kultur als ein System definiert, das als Subsystem in das System der Umwelt eingebettet ist definiert. Dieses Subsystem hat er untergliedert in weitere Subsysteme die zueinander in beziehung stehen: wirtschaftliches Subsystem, religiöses Subsystem, soziales Subsystem, materielles Subsystem, psychologisches Subsystem
Diese Subsysteme machen nach Clarke in ihrer Gesamtheit eine Kultur aus. Problematisch ist dieser Ansaz dahingehend, dass wir die meisten dieser Subsysteme natürlich nicht fassen können (paradebeispiel psychologisches Subsystem), weshalb dieses Kultursystem in der anwendung doch etwas schwierig ist, Ich find den Ansatz aber generell eigentlich sehr nett.

ein krasser Gegensatz dazu ist der Kulturbegriff (aufs Neolithikum begrenzt) von J. Lüning (1972). Lüning sieht in neolithischen Kulturen eigentlich nur chronologiesysteme die mit Hilfe der Keramik erstellt wurden, und für das jeweilige Verbreitungsgebiet dieser Keramik gültigkeit haben. Er reduziert neolithische Kulturuen also nur auf Keramik. Lüning fordert dementsprechend auch, dass man den Begriff Kultur durch etwas neutraleres wie "Gruppe" oder ähnliches ersetzen sollte.
Der AUfsatz von Lüning is eigentlich ganz nett, da er einen ganz gut auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Lüning macht sichs jedoch auch ein bischen einfach, da die Keramik wohl DAS wichtigste Merkaml zur Unterscheidung neolithischer Kulturen ist, diese jedoch in vielen Fällen nicht nur auf Keramik reduziert werden können (z.B. LBK die ja auch über die Hausgrundrisse u.ä. definiert ist.)

Diese drei Beispiele (und seien sie Forschungsgeschichte) sollten verdeutlichen, dass es keinen einheitlichen Kutlurbegriff in der prähistorischen Archäologie gibt und wohl auch nie geben wird. Abschliessend werf ich mal noch den namen P. Wotzka in den Raum, der hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Begriff der "Kultur" auseinandergesetzt, wirklich weiterkommen tut er jedoch auch nicht.

MfG
R. Schumann
 
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