Suche nachweisbare Fälle von individueller Migration

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Suche nachweisbare Fälle von individueller Migration

Beitragvon hunasiensis » 10.03.2007 19:47

Liebe Leute,
folgende Anfrage habe ich zwar schon in Archäologie-Online gestartet, aber ich bin mir sicher, dass mir auch in unserem Forum jemand helfen kann:


Für eine Vortragsreihe, die ich für unseren Verein gestalten möchte, suche ich im prähistorischen Kontext archäologische Befunde, bei denen die Migration von Individuen nachgewiesen ist.
Ich stelle mir vor, dass mit den Methoden der Genetik und der Isotopenanalyse und auch klassischen Methoden (z. B. die 'Handschrift eines Töpfers' oder eine 'exotische' Ausstattung ) einige Fälle bekannt sein dürften, die zeigen, dass ein Mensch von seinem Geburtsort in ferne Gefilde gezogen ist. Ich denke z. B. an den auf den britischen Inseln gefundenen Glockenbechermann, der, wie die Isotopenanalyse zeigt, aus dem Schweizer Voralpenland stammt. Es dreht sich bei meinem Vorhaben also weniger um die Migrationstheorien als eher die individuelle Mobilität. Ich denke nicht an das Wandern von Waren, wofür es natürlich in der Prähistorie viele Beispiele gibt, sondern an den Nachweis, dass ein Mensch, der archäologisch fassbar ist, sich von seinem Ursprungsland fortbewegt hat.

Für Beispiele mit Literaturangabe oder sonstige Hinweise wäre ich dankbar. Wenn Ihr mir dann noch jemand nennen könntet, der/die einen Vortrag zum Thema halten könnte, wäre das natürlich das Beste.

Danke und Grüße

Arne
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Beitragvon Steve Lenz » 10.03.2007 21:35

Guck?mal in "Die Bronzezeit in Niedersachsen" (Seitenzahl habe ich jetzt gerade nicht auswendig im Kopf, das Buch liegt zudem in München, ich weile in Dorfen)! Darin wird anbetracht der Schmuckbeigaben (Haube) einer Frau die Vermutung geäußert, dass sie von weiter her gekommen sein könnte.

Das mal so eben ad hoc... :oops: :roll:
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Beitragvon Claudia » 12.03.2007 10:52

Ich erinnere mich dunkel an einen Artikel (weiß nicht mehr wo, könnte AiD gewesen sein) über zwei Männer, die in der Nähe von Stonehenge gefunden wurden. Sie waren wahrscheinlich verwandt und soweit ich mich erinnere wurde an Isotopen aus den Zähnen festgestellt, daß sie irgendwo aus dem Alpenraum gekommen sind. An Genaueres kann ich mich leider nicht erinnern, aber vielleicht hilft das ja, was zu finden.
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Beitragvon Thomas Trauner » 12.03.2007 14:58

Schwierig, hunanensis, schwierig....

Was mir ausser den beiden bekannten Fällen Stonehenge und "fremde Frau" noch einfällt:

Markus Egg beschreibt in einem (wohl 90er) Arch.Korr.Blatt einen "slowenischen" Krieger im Gräberfeld von Hallstatt. Er vermutet es wegen der Helmbeigabe eines ostalpinen Typs.
Ebenso gibt es eine Theorie über das Vorhandensein von Schüsselhelmen in "westhallstattzeitlichen" Umfeld, die angeblich von "Osthallstattzeitlichen" Viehtreibern stammen. Da weiß Hans Tr. mehr.

Und noch..es gab vor einiger Zeit eine Sonderausstellung zum Thema römisch/griechischer Reiseandenken. Den Katalog sollte Bernhard M. haben, wenn ich mich recht entsinne. Nicht ganz das Thema, aber vielleicht Lit.hinweise zur indiviuellen Mobilität.
Zum Thema Alpenüberquerung habe ich einen Katalog auf meinem Schreibtisch. Näheres mündlich.

Reiseausstattung:
"Ötzi" und weiterer Neolithischer Fund aus der CH (kann mir den Fundort einfch nicht merken..Steve :D )
HA-zeitlicheGamaschen, Ha-zeitliche Steigeisen, Katalog bei mir.

Mehr krieg ich jetzt nicht zusammen.

Thomas
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Beitragvon Claudia » 12.03.2007 17:15

Im Archäologischen Museum in Herne (Westfalen) gibt es in der Bronzezeit eine Ecke, die "Die fremden Frauen" (oder si ähnlich) betitelt ist. Das sind Gräber mehrer Frauen, die sonst nicht ins kulturelle Umfeld paßten. Genaueres vielleicht besser beim Museum erfragen.
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Beitragvon Mela » 12.03.2007 17:24

Mir fällt da noch was ein am Dürrnberg - Frauengrab, mit "typisch" schweizerisch-mittelländischer Ausstattung. Ist in einer Archäologie in Österreich publiziert, meiner schwachen Erinnerung nach noch vor 2000 und in einem Heft mit "Schwerpunktthema" Dürrnberg.

Liebe Grüsse

Mela
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Beitragvon S. Crumbach » 12.03.2007 17:54

Claudia meint die Gräber von Petershagen - Ilse.
http://www.hallstattzeit.de/Die_fruhe_E ... -ilse.html
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Beitragvon Claudia » 12.03.2007 18:08

ja, genau die meinte ich - waren die eisenzeitlich?? Ich dachte immer, die wären noch Bronzezeit gewesen?
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Beitragvon Nika E.S. » 12.03.2007 19:43

Da ware letztes Semester in München an der LMU ein Gastvortrag zu dem Thema... Ich find's leider nicht mehr und weiß auch nicht mehr wer den gehalten hat...
Wenn ich nächste Woche mal wieder an der Uni vorbeischau werd ich mal versuchen darüber was rasuzufinden, zumindest aber einen Namen.
"Es wäre besser, die Regierung setzte das Volk ab und wählte sich ein Neues."
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Beitragvon hunasiensis » 12.03.2007 21:04

Ich möchte Euch erst mal für Eure Ideen danken.

Und hier habe ich mal zusammengefasst, was inzwischen an Hinweisen und Ideen -auch von anderer Seite- zusammen gekommen ist:

Neolihikum
-----------
Ötzi: "Origin and Migration of the Alpine Iceman." W. Mueller, H. Fricke. A.N. Halliday, M.T. McCulloch and J.-A. Wartho. Science 31 Vol. 302 no. 5646, pp.: 862-866

Glockenbechermann: Migration in the Bell Beaker period of Central Europe. T.D. Price, G. Grupe and P. Schroeter. 1998. Antiquity 72 (276), pp.: 405-411

Beltey, R.A., Krause, R., T.B. Price und B. Kaufmann. 2003. Human Mobility at the early Neolithic Settlement of Vaihingen, Germany: evidence from strontium isotope analysis. Archaeometry 43(3), pp.: 471

Bentley, R.A. T. Douglas Price, Jens Luening, Detlef Groneborn, Joachim Wahl und
Paul D. Fullagar. 2002. Prehistoric Migration in Europe: Strontium isotope Analysis of Early Neolithic Skeletons. Current Anthropology 43 (5), pp. 799


Bronzezeit:
------------

- Hünfeld-Molzbach, Hügelgräberbronzezeit.1931 gegraben. Ein Frauengrab mit Trachtenbestandteilen, diese noch in situ. Trachtenelemente in Osthessen fremd. Es wird von einer Einheirat aus dem Maingebiet gesprochen.
Quelle: Theis Die Vorgeschichte Hessens, Stuttgart 1990

- Neuenstein-Obergeis, Hügelgräberbronzezeit. 1923 gegraben. Ein Frauengrab mit Radnadel und Fibel aus dem Formenbestand der Lüneburger Bronzezeit. Wahrscheinlich ist die Bestattete durch Heirat nach Hessen gekommen.
Quelle: Theis Die Vorgeschichte Hessens, Stuttgart 1990

- 'Fremde Frauen'in Herne- Museum

Eisenzeit
---------
- Dürrnberg: Frauengrab, mit "typisch" schweizerisch-mittelländischer Ausstattung. Ist in einer Archäologie in Österreich publiziert, meiner schwachen Erinnerung nach noch vor 2000 und in einem Heft mit "Schwerpunktthema" Dürrnberg.

- Hallstatt: Markus Egg beschreibt in einem (wohl 90er) Arch.Korr.Blatt einen "slowenischen" Krieger im Gräberfeld von Hallstatt. Er vermutet es wegen der Helmbeigabe eines ostalpinen Typs.

- Besondere Frauen; Das Gräberfeld von Petershagen-Ilse
http://www.hallstattzeit.de/Die_fruhe_E ... -ilse.html
- Breisach Wandertöpfer aus Vix ( s. Diss Ines Balzer)
- Kreta Wandertöpfer
- Hallstattzeitliche Viehtreiber
-Diss Mainz/RGZM: Annette Frey, Gürtelschnallen westlicher Herkunft





Historische Zeiten
------------------

-Metökendarstellungen auf att. Grabreliefs
-Palmyrenische Bogenschützen; Alexandra Busch, Xanten, Diss. Militär in Rom
-Hartmut Heller: Türken, Schwarze etc. in Dtld. ab dem 14. Jh.
-Pokahontas
-Individualgeschichte im Vorderen Orient, z.B. Themistokles/ Satrap der Perser/ Ostrakismos
-Verschleppte Römer ,China, Indien etc
-Gesandschaftswesen, Römische Zeit, Gastgeschenke, Tribute
-Quast, RGZM Völkerwanderungszeit, Migration anhand von Handschrift der Handwerker
- römisch/griechische Reiseandenken: Katalog zu einer Sonderausstellung
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Beitragvon Claudia » 12.03.2007 21:16

Du hast die Gräber von Petershagen-Ilse jetzt zweimal drin. Das sind die "fremden Frauen" aus Herne.
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Beitragvon R. Schumann » 13.03.2007 00:38

Der Herr David im kr-museum erzählt auch immer gern von Lt-Hohlbuckelringen in Delphi (?) als nachweis von wanderung einer einzelnen person

ich glaub archäologische nachweise davon findet man genug (oder zumindest befunde die als ebendies gedeutet werden) mit fällt grad spontan eine friesin des 8 Jh. im sächsichen stammesgebiet ein (Kleemann 2004). In der Merowingerzeit sind bügelfibeln auch ganz beliebt für diese deutung.
Mit naturwissenschaftlichen Nachweisen schauts da schon dünner aus, da fällt mir ausser den oben genannten auch nix mehr ein eigentlich.
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Beitragvon Hans T. » 13.03.2007 01:12

Hmm. Ich finde die Beispiele sind schwer von einer Güterwanderung /- verhandelung zu trennen, von 'kompletten' Frauenausstattungen mal abgesehen. Oder sind nicht ganz logisch. Beispiel: Man postuliert eine Grenze zwischen Osthallstatt- und Westhallstattkreis. Und dann hat man schon einen Beleg für Wanderungen, sobald grenzüberschreitend Güter auftauchen. Vergiss die Helmbeispiele aus Hallstatt und Mitterkirchen. Das war Handelsgut. Die Römer waren ja auch nie in Vietnam und trotzdem gibts da Münzen. Da finde ich die 'fremden Frauen' schon interessanter, die man möglicherweise in ihrer Hochzeits-Übergabe-Tracht, mit der sie 'angeliefert' wurden, ihrer Aussteuer, beerdigt hat.

Arne, hast du schon Bernhard M. gefragt? Der war doch Co-Autor eines Buches zur Migration über die Zeiten hinweg?

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Beitragvon R. Schumann » 13.03.2007 01:24

Jo Hans, ich denke auch dass es komplette (Fremd-)"Sets" (oder zumindest zu einem großen teil) sein müssen, dass man von Wanderung sprechen kann

und Ferro, dass mit dem Vortrag kannst du dir sparen, dass war Roland Prien aus Heidelberg, der seine Diss über migration und deren archäologische Nachweisbarkeit an beispielen vom FMA aufwärts geschrieben hat. In dem Vortrag (und in der Diss wenn ich mich recht errinner auch) ging es aber eher um methodisches und theoretisches zum nachweis von wanderung von Gruppen und nicht von einzelpersonen.
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Beitragvon Thomas Trauner » 13.03.2007 10:05

Wobei - die in der Literatur postulierten Beispiele gehören, denke ich, aus forschungsgeschichtlicher Sicht schon rein (Egg, Mitterkirchen) Die Wertung ist dann eine andere Geschichte.
Vor allem wird dann der Unterschied
sachkulturelle Auswertung - naturwissenschaftliche Auswertung klar.
Bei der ersteren wird schnell ein Zirkelschluß daraus oder ein Jonglieren mit Okhams?Rasiermesser.

Das Fach geht mit der Problematik schon, nun ja, eigenartig um.
Aus einem Topf der Münchshöfener Kultur in Nordbayern wird "der nördlichste Fundpunkt" und man erweitert die "Verbreitungskarte". Aus einem "unterkrainischen" Helm in Hallstatt wird ein "Reisender".
Ein wenig Vermutung: Vielleicht spielt die Psychologie eine Rolle. Wenn es sich um einen Grabfund und damit um menschl,Überreste handelt, denkt man/frau doch eher an das Individuum, als an die Sachkultur. Da geht dann schnell der Mensch auf Reisen und nicht das Fundgut....

Thomas
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