Neues vom Mann aus dem Eis

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Neues vom Mann aus dem Eis

Beitragvon Blattspitze » 20.12.2009 23:24

Markus Egg und Konrad Spindler† (2009):
Kleidung und Ausrüstung der kupferzeitlichen Gletschermumie aus den Ötztaler Alpen
Mit Beiträgen von Roswita Goedecker-Ciolek und Joachim Lange
Zeichnungen von Andreas Blaickner, Michael Schick, Julia Ribbeck, Hartmut Schmidt und Michael Ober.
Fotos von Sepp Hofer, Christin Beeck und Volker Iserhardt
Monographien des RGZM Band 77
262 S. mit 153 z.T. farbigen Abb., 22 Farbtaf. und 12 großformatigen Beilagen
ISBN 978-3-88467-125-2
Der Wert wird mit 90 € angegeben.
Irgendwo hier im Forum hat bereits jemand auf diese neue Publikation aufmerksam gemacht, ich finde es aber nicht mehr und eröffne daher einen neuen Thread. Ötzi – Infos sind ja ansonsten überall im Forum verteilt, vielleicht lässt sich einiges neueres hier konzentrieren.

Eine kurze „Besprechung“ meinerseits:
Ich habe das vom äußeren her sehr schön aufgemachte Buch jüngst als Geschenk erhalten. Sofort fallen die zahlreichen großen Beilagen in der hinten eingeklebten Tasche auf. Es handelt sich dabei um großformatige Zeichnungen der wesentlichen Kleidungsstücke und Ausrüstungsgegenstände, die zusammen mit den anderen Fotos und Zeichnungen im Buch fast keine Fragen offen lassen. Auf entsprechend detaillierte Darstellungen der Funde habe ich 17 Jahre gewartet. Die Lage des Bogenstabes und des Axtholmes im ehemaligen Eibenstamm sind dargestellt, es gibt Schnittmuster für Birkenrindengefäße, Mütze und Köcher und und und …. . Für Addicts wie mich und möglicherweise manchen anderen hier daher ein (teures) Muß.
Der neuere Text stammt überwiegend von M. Egg.
Nach der von Spindler referierten Entdeckungsgeschichte und (mir zu) detaillierter Darstellung von skurrilen Zuschriften armer verwirrter Menschen an das Forschungsinstitut wird auf Fundstelle und Fundlage eingegangen, Egg geht davon aus, das der Mann als auch der Köcher ursprünglich dicht bei der Rückentrage lagen und erst durch das Schmelzwasser zu den späteren exakten Fundorten verlagert wurden.
Anschließend ist die Kleidung dran, Egg weist deutlich darauf hin, dass die Tierarten, die das Ausgangmaterial für Leggins und Oberbekleidung
http://www.oetzi.com/sites/default/file ... 1235136023
http://www.oetzi.com/sites/default/file ... 1235136707
lieferten, nicht wirklich feststehen. Hirsch, Reh, Gämse, Steinbock und Ziege kommen in Frage, lediglich für die Gürtel
http://www.oetzi.com/sites/default/file ... 1235144275
soll Kalbsleder feststehen. Die ursprünglich als Schweiss-/Hautablagerungen des Trägers interpretierten Spuren auf den Innen- (Fleisch-) Seiten des Kleidung, können nunmehr auch mit der Fettgerbung in Zusammenhang gebracht werden.
Die Bärenfellmütze ist nach Egg für einen Kopfumfang von 52cm gefertigt.
http://www.oetzi.com/sites/default/file ... 1235136570
Bzgl. der Schuhe
http://www.oetzi.com/sites/default/file ... 1235136912
(Ötzi-Schuhgröße 35, Sohlenleder 43) geht man jetzt von einem umlaufend hochgezogenen Rand aus, so daß die vielfach sichtbaren knollig-tischtennisschlägerartigen Rekos wohl falsch sind.
Hinsichtlich der Trageweise und letztlichen Interpretation als Grasumhang bildet Egg als suggestiven Vergleich das Gottfried Lindauer Maori – Porträt des Tamati Waka Nene ab:
Bild
(Quelle:http://www.treaty2u.govt.nz/images/content-of-treaty-main-3.jpg)
Hauptgrund für die Ablehnung der „Mattenthypothese“ Barth`s (und von Egg unerwähnt: A. Reichert`s) ist, das im Geflecht Vermehrungen der Stränge sichtbar sind, eine flache Matte also unwahrscheinlicher ist. Da ich von diesen Techniken und den „Erweiterungen“ nix verstehe bin ich auf die Meinungen hier gespannt. Auf mich hat Reichert`s Vorschlag nachvollziehbar gewirkt, besonders hinsichtlich Transport von Köcher und Trage.
Die Kleidung des Eismannes wird von Egg (im Gegensatz zu anderen) nicht als Standardkleidung seiner Epoche gedeutet, sondern als „zweckmäßig bei normalem Wetter für den späten Frühling bis zum Herbst in der alpinen Zone“ (S.97). Hmm ...

Hinsichtlich der Ausrüstungsgegenstände wird mit dem Eibenbogen begonnen.
Reines Eiben-Kernholz (16 Jahrringe je cm) mit liegenden Jahrringen. Es wird eine Imprägnierung unbekannter Art bestätigt, allerdings ist die „Bluttränkung“ des Bogenstabes, wie von T. Loy benannt, auszuschließen. Überhaupt werden viele der von Loy „molekulararchäologisch“ nachgewiesenen Blutspuren, die einst so viel von der Presse kolportiert wurden, relativiert.
Lustig ist die von Egg vorgeschlagene diagonale Bogenhaltung beim Schuss (S. 100): „Eine solche Schusshaltung schützt auch die Unterarme vor der zurückschnellenden Sehne und macht einen Armschutz überflüssig.“
Bzgl. des Köchers wird weiter von Fell statt Leder (Tierart nicht eindeutig bestimmt) ausgegangen.
http://www.oetzi.com/sites/default/file ... 1235138685
Egg ist sicher, dass der Silexbohrer aus dem Gürteltäschchen das Werkzeug ist, mit dem die Haselversteifung ausgeführt wurde, weil der „genau hineinpasst“. Hmm...
Die eingezogenen Lederbänder im Deckel werden als „Verzierung“ statt als Mittel zum sphärischen Biegen der Klappe gedeutet, seufz,..
Wichtig ist der Hinweis, dass keinerlei Abriebspuren eines Trageriemens an der Köcherversteifung sichtbar sind, Egg weist auf die interessante Möglichkeit hin, dass der Köcher an der Rückentrage befestigt war. Egg findet es seltsamerweise „bemerkenswert“, dass kein Ersatz für die gebrochene Köcherversteifung mitgeführt wurde.
Beim Beil
http://www.oetzi.com/sites/default/file ... 1235137333
weist Egg darauf hin, dass Eibe als Schaftmaterial „nicht besonders geeignet“ ist, und das die Klinge anscheinend nicht durch Dengeln verdichtet sondern lediglich geschliffen wurde. Das würde meiner Ansicht nach eine Werkzeugfunktion in Frage stellen.
Schwierigkeiten habe ich außerdem mit der Vorstellung, dass das kleine Silex-Klingenfragment zum Schnitzen der Nocken gedient haben soll.
Spannend fand ich Egg`s Interpretation, dass das Tragegestell vermutlich ohne Fellsack, sondern nur mit einem zusammenziehbaren Netz aus Lindenbastschnüren (die direkt vom Stamm ohne Röste verwendet wurden) und den Birkenrindenbehältern und dem Köcher ausgestattet war.
Und, und und …
Trotz meiner Detailkritelei ein sehr lesenswertes Buch. Über Interpretationen kann und wird weiter trefflich gestritten werden, die Fundvorlage ist jedoch durchweg empfehlenswert.
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Beitragvon ulfr » 21.12.2009 11:57

Vielen Dank für die Vorab-Besprechung, klingt nach unterhaltsamer Lektüre, wenn das Buch wahrscheinlich auch wieder mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Zumindest hätte ich jetzt schon mal anhand Deiner Rezension einige Kritikpunkte, z.B. warum eine diagonale Bogenhaltung den Armschutz überflüssig machen soll??? Ich werde es mir auf jeden Fall zulegen.

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Beitragvon Thomas Trauner » 21.12.2009 13:30

Ich bin gerade am Durchlesen.
Erstmal sollte es jeder haben, der an dem Thema interessiert ist. Ist gehe davon aus, dass es die Schlusspublikation zum Thema Kleidung und Ausrüstung darstellt.

Erstmal fand ich wichtig, dass der offizielle Name jetzt „Mumie vom Tisenjoch“ ist, nicht mehr Hauslabjoch. Mag für manchen nebensächlich sein, ist aber als Terminus wichtig.
Der Fundort ist im Fach die kleinste politische Einheit bzw. Karteneinheit. (z.b. Landersdorf, Gemarkung „Hinterer Berg“)
Im konkreten Fall ist die Fundlage offenbar näher dem Tisenjoch als dem Hauslabjoch.

Wichtig fand ich die Argumentation bezüglich des Grasgeflechtes. Wie aus dieser Publikation hervorgeht, befand sich die Leiche nicht mehr genau am Ort des Todes, sie wurde leicht verfrachtet. Da sich das Grasgeflecht jedoch eindeutig unter der Leiche befand, muss es deshalb an der Leiche befestigt gewesen sein. Dem Argument, dass keine „Abnäher“ vorhanden sind, wird eben entgegengehalten, dass sehr wohl Sprünge im Geflecht sind, die eine einem Körper angepasste Form des Grasgeflechtes ermöglichen können.

Sehr, sehr gut ist natürlich die Datenmenge in Bezug auf Kleidung und Ausrüstung dargestellt.
Die Vermutungen über die etwaige Zusammengehörigkeit und/oder der Verwendung bleiben natürlich Vermutungen, genau wie jede andere auch.
Vieles stammt aber tatsächlich aus dem Bereich der rekonstruierenden Archäologie oder unter Zuhilfenahme von Analogschlüssen zu sub/rezenten Aktivitäten, wie eben der Bogenschiesserei.
Wichtig ist jetzt aber, dass eine wirklich ausreichende Datenmenge veröffentlicht ist, so dass bessere, vielleicht konkretere Überlegungen darauf basierend erfolgen können.

Ich persönlich hatte mir z.B. auch ein wenig mehr zum Köcher und zur Trageweise der Trage erhofft. Aber was nicht ist, ist nicht.

Jedenfalls eine sehr, sehr gute Grundlage. Möglicherweise ergeben sich noch ein paar Details, vielleicht in Sachen Leder, aber bestimmt nicht in nächster Zukunft und eher nichts wirklich weltbewegendes.

Der Fund ist widersprüchlich, er ist rätselhaft und die ganze Wahrheit bleibt uns wohl für immer verschlossen. Aber er zeigt so viele Details aus der Kupferzeit wie noch nie zuvor. Vielleicht kann dies dem Mann, der dort starb, noch einen Trost mitgeben.

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Beitragvon Roeland Paardekooper » 22.12.2009 09:18

und bald ist es 20 Jahren her...
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Beitragvon Thomas Trauner » 22.12.2009 12:12

Vielleicht doch ein paar Gedanken zu den Details:


Marquardt schreibt:

Die eingezogenen Lederbänder im Deckel werden als „Verzierung“ statt als Mittel zum sphärischen Biegen der Klappe gedeutet, seufz,..

Na ja, mir ist nicht ganz klar, warum die Klappe gebogen sein soll. Die „Köchertasche“ bleibt ja flach. Nach meinem Nachbau erkläre ich mir die Bänder, die meines Wissens aus Rohhaut bestehen sollen, als Versteifung der Klappe. Fehlen diese, ist die Klappe recht schlabberig, funktioniert als Verschluss nicht richtig und ist außerdem recht unbequem zu händeln. Mein Köcher besteht aus Ziegenfell. Aber was auch immer damals Verwendung fand, es war nicht besonders hart, andererseits ließe sich einmal der „Köcherkörper“ nicht leicht falten, zum zweiten die Verschlusstasche auch nicht so einfach klappen.

und:

weist Egg darauf hin, dass Eibe als Schaftmaterial „nicht besonders geeignet“ ist, und das die Klinge anscheinend nicht durch Dengeln verdichtet sondern lediglich geschliffen wurde. Das würde meiner Ansicht nach eine Werkzeugfunktion in Frage stellen.


Eibe ist vielleicht nicht optimal, wurde aber trotzdem verwendet. Insgesamt liegen bislang drei solcher Schäfte aus dem Neolithikum vor.
Zum Beil selbst: Kupfer lässt sich schwerer dengeln als Bronze. Ist einfach härter und deshalb brüchiger. Dass ein echter Werkzeugeinsatz geplant war, zeigt ja dass die Gußlunkern im Beilnacken mit einem spitzen Gegenstand verdichtet wurden.

sowie:

Wichtig ist der Hinweis, dass keinerlei Abriebspuren eines Trageriemens an der Köcherversteifung sichtbar sind, Egg weist auf die interessante Möglichkeit hin, dass der Köcher an der Rückentrage befestigt war.


Hmm. An der Rückentrage ist auch kein Rest oder Spuren eines Trageriemens. Da war aber sicher irgendwas dran. Da aber auch hier etwas fehlt, bedeutet dies meiner Meinung nach, das auch am Köcher etwas fehlen kann. Der Fund ist nicht geschlossen.
Gut, da die Bogenausstattung nicht vollständig war, könnte man auch davon ausgehen, dass der Köcher tatsächlich akut nicht gebraucht wurde und deshalb an der Rückentrage befestigt war. Da haben wir aber auch keine Befestigungsreste.
Zum anderen ist der Köcher beschädigt, macht aber nicht den Eindruck, dass er wie die Pfeile oder der Bogen ein Halbfabrikat war.
Wie auch immer der Zustand des Köchers zum Zeitpunkt vor dem Tod des Mannes war, ist, genauso wie bei Pfeil und Bogen, davon auszugehen, dass eine Tragevorrichtung ersetzt werden sollte oder diese, falls der Köcher doch ein Halbfabrikat war, geplant wurde.
Ein Hinweis kann der Verschluss sein. Man bräuchte beide Hände um an die Pfeile zu gelangen, wenn keine Tragevorrichtung vorhanden ist. Die Öffnung des Verschlusses nur mit einer Hand ist doch recht unbequem.
Es erscheint logischer, dass, gerade bei schwierigem Gelände eher der Bogen in einer Hand gehalten wurde als der Köcher. Bei einem Sturz mit am Körper befestigen Bogen wäre dies doch ein wenig zu gefährlich für Mann und Bogen. Ich gehe nicht davon aus, dass es sinnvoll ist, in diesem Gelände mit beiden Händen etwas zu tragen.
Der Köcher ist deshalb meiner Meinung nach auch genau wegen seiner Trageweise am Körper (für die Pfeile bruchsicherer) versteift.

Ein Köcher ohne Tragevorrichtung ist deshalb m.E. nicht sinnvoll.

Wie gesagt, der Mann kann seinen beschädigten Köcher durchaus an der Rückentrage befestigt haben. Es wäre aber nicht die alltägliche, normale Vorgehensweise gewesen. Ich gehe deshalb sehr stark davon aus, dass der Köcher normalerweise am Mann getragen wurde.

Nur meine drei Kratzer....

Thomas
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Beitragvon Steve Lenz » 22.12.2009 15:15

Aus Sicht eines Kraxlers macht der an der Kraxe befestigte Köcher für das Bewegen in schwierigem Gelände durchaus Sinn. Moderne Alpinisten befestigen auch die meiste Ausrüstung am Rucksack, damit man im Notfalle sich mit sehr wenigen Handgriffen davon trennen kann, des weiteren ist´s schlichtweg bequemer, wenn Beine und Hände frei sind und man nicht zig Gebammsel managen muß.

Zur Köcherdeckelkuppel:

Meine persönliche Idee ist die eines Wetterschutzes. Unversteift und anliegend ist die Befiederung bald dahin bei Bergwind, Schnee und Kontakt mit der Steilwand oder beim Ablegen (Abwerfen) oder abgesetzten Transport (z.B. Rückenlast über einen Überhang bugsieren oder Haulen, also vorsteigen und per Seil nachziehen).

Alpine Bewegung ist eine völlig andere als im Flachland. Insbesondere auf den Säumen und Wegen der neolithischen Alpen.
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Beitragvon Thomas Trauner » 22.12.2009 15:29

Völlig klar. Nur denke ich nicht, dass der Köcher ausschließlich ein "Bergköcher war und "immer" an der Kraxe befestigt war. Den Köcher im Gebrauchsfall einfach ablegen und dann immer bücken oder in den Knien schießen wäre schon sehr aussergewöhnlich.
Es gibt ja auch genug Beispiele, dass Köcher auch ohne Verbindung mit alpiner Vorbewegsweise geschlossen waren. Aufgrund des Verschlusses hier etwas besonderes zu sehen, ginge mir auch zu weit.

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Beitragvon Steve Lenz » 22.12.2009 15:54

Es gibt ja auch genug Beispiele, dass Köcher auch ohne Verbindung mit alpiner Vorbewegsweise geschlossen waren. Aufgrund des Verschlusses hier etwas besonderes zu sehen, ginge mir auch zu weit.


Nur liegt hier ein Bezug definitiv vor! Sich der Möglichkeit einer Spezialausrüstung zu verweigern ginge mir zu weit, Thomas! Wenigstens sollte man sie berücksichtigen. :wink:

Wenn ich in die Berge gehe, verlasse ich meine derzeitige Wohnung im Münchner Glockenbachviertel auch mit Rucksack, Trinksystem mit heissem Tee, Schlafsack, Ersatzwäsche und mit Bergstiefeln an den Füßen. Alles Ausrüstung, welche für urbanes Umfeld nicht zwingend notwendig ist. Da ich aber weiss, welche Anforderungen mein Ziel an mich stellen wird, habe ich´s eher dabei als Tanktop, Shorts und Flip-Flops (obwohl ich so gekleidete Leute schon auf dem Aletsch angetroffen habe vor Jahren - aber ich denke, dass dies ein Phänomen heutiger Idioten ist und damals keiner Diskussion bedurfte).

Denkmodell:

Eine Kraxe (ist auch im sportalpinen Bereich aktuell stark im Kommen) hat den Vorteil, dass man sie nicht zwingen anlehnen muß (wie bei einem Rucksack notwendig), sondern auch im Freigelände im Firn einfach feststecken kann. Für den Fall, dass sich das Teil doch man hinlegen sollte, schützt der Kuppeldeckel die für diesen Klimabereich sehr sensiblen Befiederungen gegen Druckschäden. Und wie Du schon sagst ist eine nicht versteifte Tasche schwer einhändig zu handhaben. Und auch das ist für mich ein Indikator für Spezialausrüstung für schwere Klima- und Geländezonen. Wenn es mal schnell gehen muss, dann benötige ich Equipment, das ich blind und nötigenfalls einhändig bedienen können muß.

Es ist ein Unterschied, ob ich im Flachland oder in den Bergen schnell an einen Pfeil muß. Denn ich den Bergen kann es mir passieren, dass ich´s weder riechen noch hören noch sehen kann, wenn plötzlich eine gegen mich aktiv wirkende Gefahr (sei´s Mensch oder Tier) droht - oder das Abendessen vor den Bogen läuft. Denn ich bin vielleicht Wind, Schnee, Nebel und schwierigem Gelände ausgesetzt, in welchem ich vorrangig meine Hände zur Fortbewegung benötige und meine Verteidigungs- oder Jagdwaffen spontan erreichen können muß. Im Flachland benötige ich sowas eher weniger.

Nachtrag:

Ich hatt´s vor Jahren schon mal vor, aber es kam immer was dazwischen. Vielleicht kann ich eine liebe Freundin ja mal bequatschen, dass wir diese Tour mal gehen. Mich interessiert die Schwierigkeit, welche die Strecke und der Paß an einen Begeher stellen.
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Beitragvon Manu » 22.12.2009 16:43

Also, jetzt werde ich mir wohl Anfang des nächsten Monats das Buch zulegen. (90 Euro muß man erst verdienen), aber was ihr schreibt, das macht mich jetzt schon sehr neugierig. Vor allem im Bereich Kleidung und Geflechte. Erhoffe mir natürlich bessere Details, als in den bisherigen Veröffentlichungen. Natürlich auch, ob neue Kenntnisse über die Birkenrindengefäße vorliegen.

Nachtrag:

Ich hatt´s vor Jahren schon mal vor, aber es kam immer was dazwischen. Vielleicht kann ich eine liebe Freundin ja mal bequatschen, dass wir diese Tour mal gehen. Mich interessiert die Schwierigkeit, welche die Strecke und der Paß an einen Begeher stellen.


Also da wäre ich auch über eine Info von dir, Steve, sehr dankbar. Ich kann es nämlich nicht beurteilen, da ich Berge nur von unten kenne. Aber aus der Sicht eines Bergsteigers würde mich das schon mal sehr interssieren.
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Beitragvon Claudia » 22.12.2009 20:47

Wenn ich in die Berge gehe, verlasse ich meine derzeitige Wohnung im Münchner Glockenbachviertel auch mit Rucksack, Trinksystem mit heissem Tee, Schlafsack, Ersatzwäsche und mit Bergstiefeln an den Füßen.

Wenn vor 50 oder 100 Jahren ein Bergbauer auf die Alm und in die Berge ging, hatte er das an, was er sonst zur Arbit auch anhatte, hatte vermutlich Nahrungsmittel und evtl. auch noch Zusatzkleidung dabei. Aber Spezialkleidung bzw. sonstige alpine Spezialausrüstung gab es damals nicht oder kaum. Die Leute, die in diesen Gegeden lebten, hatten halt stabile Schuhe - aber die brauchten sie im Alltag auch so, das war keine Spezialausrüstung.
Alexander von Humboldt hat den Chimborazo in ganz normaler Alltagskleidung seiner Zeit bestiegen. Da war nix mit spezieller Alpin- Ausrüstung. Dieser ganze Spezialausrüstungswahn ist etwas sehr neuzeitliches. Ich würde die Interpretation "Spezialausrüstung" erst als allerletztes heranziehen, wenn es keine andere Möglichkeit gibt.

Universelle Ausrüstungen, die nicht spezialisiert sind, haben ja auch ganz praktische Gründe: Wenn man all sein Zeug selber herstellen muß, bzw. gegen etwas selbst hergestelltes eintauschen muß, sind die Dinge viel kostbarer als in unserer heutigen Welt mit ihrem Überfluß an Dingen, den es nur deshalb gibt, weil die meiste Arbeit von Maschinen geleistet wird. Man hat in so einer Situation nur Spezialwerkzeug, wenn es unbedingt sein muß. Ansonsten sind universell verwendbare Dinge viel besser. Schon deshalb fällt es mir schwer, an reine "Alpin-Kleidung" bzw. -ausrüstung zu glauben.
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Beitragvon Blattspitze » 23.12.2009 00:34

Kleidung, Tragegestell und Köcher als „Alpen-Spezialausrüstung“ anzusehen fällt mir auch schwer. Die Schuhe mit Isolierung sind im Tal während des Frühjahrs allerdings kaum Standard, oder?
Aber wenns ums praktische Wandern geht, bin ich ganz bei Steve, alles was geht, auch „Sperrgut“ auf den Rücken in einem „Päckchen“. Es kann ja trotzdem leicht erreichbar sein. An einer solchen Stelle ergibt auch der Köcher Sinn, er muss ja nicht unverrückbar fest dort arretiert worden sein.

Der Köcher wurde, allem Anschein nach zu Lebzeiten des Mannes, massiv beschädigt. Die Rückseite des Köchers ist tief eingerissen, der umschlagbare Deckel dadurch nur noch in einem kleinen Rest vorhanden. Der genutete Verstärkungsstab ist ebenfalls am oberen Ende mehrfach gebrochen. Was mag wohl die Ursache für diese Beschädigungen gewesen sein? Hängen sie mit zu großer Belastung der Aufhängung des Köchers zusammen? Die eine lange gerade Kante auf der Rückseite sieht fast wie ein Schnitt aus, aber das ist alles Spekulation. Risse oder Schnitte, hierzu hätte ich mir mehr Informationen erhofft. Aber vielleicht ist das auch nicht mehr zu beurteilen.

Diese extremen Beschädigungen setzten jedenfalls eine wesentliche Funktion des Köchers ausser Kraft, nämlich Wetterdichtigkeit. Bei aller gebotenen Vorsicht, dieser wie auch der Köcher vom Schniederjoch (gibt’s zu dem inzwischen eine gute Publikation?) sind vor allem darauf ausgelegt, das das Schiesszeug vor Nässe geschützt ist. Man vergleiche auch die Leggins oder Oberbekleidung hinsichtlich der Grösse der Ausgangsstücke und Nähte mit dem Köcher, dann sieht man, wohin das beste Material gegangen ist!

Der Haselstab war meiner Ansicht nach nicht nur zur Aussteifung vorgesehen, sondern, da wesentlich länger als der Fellsack, einerseits auch sehr gut zum Abstellen bei feuchtem Untergrund geeignet. Ich habe das jedenfalls bei manchem Feldbogenturnier gut nutzen können. Vielleicht war hier aber auch, wie bereits Spindler vermutete, die untere Riemenbefestigung dran.

Interessant finde ich auch die „Haarigkeit“ des Köchers. Bei umzuschlagendem Deckel bedeutet das, dass man den Köcher so im Fell orientieren sollte, das der Strich, also die Haarichtung auch dort am Knick wechselt, sonst fängt man damit die Feuchtigkeit geradezu ein.

Thomas, Du schreibst, dass die eingezogenen Bänder die Klappe verstärken. Wenn man nur etwas Zug auf die Bänder gibt, ergibt sich die Wölbung der Klappe von selbst. Das hat nach meinen Erfahrungen u.a. einen sehr positiven Effekt auf die Befiederung. Wenn ich die Farbtafel 8 bei Egg/Spindler ansehe, meine ich sogar die Spannungsfalten, die sich dann ergeben, sehen zu können (Halluzinationen?). Auch das Greifen der Pfeile erscheint so einfacher. Aber selbstverständlich ist das nur eine kleine Hypothese(aber meine seit 1993).
Hier ein Paar Bilder meines Köchers, der nicht als echte Replik oder Reko sondern als ein Modell zu verstehen ist. Ich wollte ihn als erste Übung für ein späteren mit besserem Material herstellen. Er hat aber all die Jahre so gut funktioniert, ist auch etwas in die Jahre gekommen, und ich bin noch nicht zu einem neuen gekommen. Die Wölbung hat sich inzwischen etwas abgeflacht, könnte aber durch nachziehen der Riemen schnell verstärkt werden. (Chromgegerbtes Leder ist schrecklich, ich weiß ...)
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Zum Tragegestell:
Thomas:„An der Rückentrage ist auch kein Rest oder Spuren eines Trageriemens.“ Egg schreibt: “Im Bereich der Biegung finden sich Spuren einer kreuzweisen Umwicklung.“(S.138) Allerdings sind an einem Traggestell auch höhere Belastungen als an einem Köcher zu erwarten.
Zum Beil: Gibt es tatsächlich drei weitere Eibenknieholme mit Wangenschäftung? Aber ich halte es auch für gefährlich, dem Mann „ungeeignetes Material“ zu unterstellen. Es bleibt die Frage „Werkzeug oder Waffe“ ungeklärt, besonders wenn es sich erhärtet, dass die Klinge nicht gehärtet wurde, was unwahrscheinlich erscheint.
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Beitragvon ulfr » 23.12.2009 11:19

Buch ist eben angekommen, Juchuu und Zeit zum Lesen

Aber erstmal ein paar Anmerkungen zu Euren Postings:

@ Blattspitze: Du schreibst:
dann sieht man, wohin das beste Material gegangen ist!


Ist es sicher, dass der Köcher aus demselben Fellmaterial gemacht ist wie die leggins? Die sollen denletzten publ. zufolge aus Schaf sein, während der Köcher aus Ziege ist (oder hat sich da auch was verändert?)

Harm meinte mal zu mir, das Lederband, mit dem der Haselstock an das Köcherleder angebunden ist, wäre nur oben und unten jeweils durch 4 aufeinanderfolgende Löcher gezogen worden, in der Mitte nur durch jedes zweite:

Bild

kannst Du das bestätigen?

Der Köcher war imho nur ein Pfeilaufbewahrungsbehälter mit Nässe- und Beschädigungsschutz, ich glaube, wir müssen uns von der Annahme verabschieden, dass Gletschman und Co. die Pfeile vor dem Abschuß aus dem Köcher zogen. Ich gehe davon aus, dass auf der Jagd ein Pfeil auf der Sehne lag und zwei oder drei weitere in der Bogenhand gehalten wurden wie auf den iberischen Felsbildern dargestellt bzw. auch aus der Ethnologie bekannt.
Ich glaube auch, dass die Lederbänder zum Zusammenziehen der Klappe gedacht waren.

Ich habe nie an eine Spezialausrüstung geglaubt, sondern eher an das Gegenteil, also zusammengesuchte Reste.

Jetzt muss ich erstmal das Buch lesen ....
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Beitragvon Steve Lenz » 23.12.2009 13:36

@Claudia:

Ich wollte ja auch nicht darauf hinaus, wie speziell die Ausstattung sein könnte, sondern darauf, dass man - wenn man wenig Platz hat für Wechselwäsche - sich kleidungstechisch schon bei Antritt auf die widrigste Umgebung einstellt.
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Beitragvon Peter N. » 23.12.2009 14:56

Wenn vor 50 oder 100 Jahren ein Bergbauer auf die Alm und in die Berge ging, hatte er das an, was er sonst zur Arbit auch anhatte, hatte vermutlich Nahrungsmittel und evtl. auch noch Zusatzkleidung dabei. Aber Spezialkleidung bzw. sonstige alpine Spezialausrüstung gab es damals nicht oder kaum. Die Leute, die in diesen Gegeden lebten, hatten halt stabile Schuhe - aber die brauchten sie im Alltag auch so, das war keine Spezialausrüstung.


Also bei uns im Tal hatten die Bergbauern auf dem Weg in die Alpen oder Bergmähder früher schon ganz spezielle Schuhe mit s.g. "Kälberzähnen" dran. Dies erforderte auch einen geschickten Schmied um die "Kälberzähnen" fertigen zu können.

P.
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Beitragvon Fridolin » 23.12.2009 15:32

Im Vorfeld der Buchpräsentation ging die Meldung einer Verfolgungsjagd durch die Presse, der Ötzi schließlich zum Opfer fiel. Die Theorie wird angeblich in dem Buch vorgestellt. Vielleicht erklärt dies die defekte bzw. "unvollständige" Ausrüstung des Eismanns?


Ötzi starb nach langer Verfolgungsjagd
Der Tod des Gletschermanns Ötzi war das Ergebnis einer längeren Verfolgungsjagd. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Mainzer Wissenschaftlers Markus Egg, wie das Römisch-Germanische Zentralmuseum gestern berichtete. Ötzi habe, als er von einem Pfeil tödlich getroffen wurde, bereits seinen Bogen verloren. Seine eigenen Pfeile seien zerbrochen oder nur im Rohzustand vorhanden. Außerdem sei ihm mindestens einen Tag vor seinem Tod eine Handverletzung zugefügt worden.

http://nachrichten.rp-online.de/article ... jagd/60372
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