Dreschen in der Vorgeschichte

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Beitragvon ulfr » 05.03.2010 16:35

Sorry, war ein paar Tage weg bzw. hatte keine Zeit:

"Für den Arbeitsgang "Dreschen" bieten sich nach volkskundlichen Quellen eine Reihe von Verfahren an (z.B. Austreten, Ausschleifen, Ausrollen, Ausschlagen), ebenso wie eine Vielzahl von Geräten, die zum Dreschen geeignet sind (vom einfachen Stock über mehrteilige Dreschflegel bis hin zu von Tieren gezogenen Dreschschlitten). Im aus der Bandkeramik überlieferten Gerätespektrum sind keine zum Dreschen geeigneten Werkzeuge überliefert, auf der anderen Seite benötigen Ausschlagen sowie Treten und Stampfen durch Mensch und Tier überhaupt kein Gerät und sind somit archäologisch nicht nachweisbar."

"Aus Thayngen-Weiher (Pfyner Kultur) spricht W. Guyan Geräte als "Dreschsparren" an (Guyan 1976, 110), die große Ähnlichkeit mit finnischen Astflegeln haben. An Ihren Stirnflächen finden sich Abnutzungsspuren, , wie sie auch an volkskundlichen Dreschflegeln beobachtet werden können (Neuss 1983, 102)"

Zitate aus dem Aufsatz oben. Publikation allerdings 1990, seitdem sind 20 Jahre vergangen, vielleicht gibts mittlerweile irgendwo doch Funde...

Auf die Schnelle finde ich sonst nur wenig:

Probst, D in der Steinzeit:

Dreschabfälle (als Magerung) in Keramik, Abdrücke von Getreidekörnern in der Chamer Gruppe, Fundplätze Knöbling und Dobl.

Keulenförmiger hölzerner Dreschflegel aus Hornstaad, ich kenne den Fund nicht.

Dreschflegel aus Cortaillod ?

Edith:

Christmann, E. 1985: Wiedergewinnung antiker Bauerngeräte. Philologisches und Sachliches zum Trierer und und zum rätischen Dreschsparren sowie zum römischen Dreschstock, in: Trierer Zeitschrift 48, 139-155

Dreschstöcke von Egolzwil 3 (4200 v.Chr.), abgebildet in Lüning 2005: Die Bandkeramiker, S. 89
Die Einheimischen auf Borneo glauben, dass die Orang-Utans nur deswegen nicht sprechen, weil sie sonst arbeiten müssten.
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Beitragvon Beate » 07.03.2010 20:41

Fridolin hat geschrieben:Beate, lässt Du uns an Deinem Erkenntnisgewinn teilhaben? Nicht jeder hat das Büchlein.


Ich war am WE unterwegs und habe den Artikel erst kurz vor meine Abfahrt entdeckt und konnte nur kurz draufschauen (sind immerhin 21 Seiten). Mehr dazu, sobald ich es gelesen habe.
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Beitragvon Fridolin » 07.03.2010 22:08

Danke Beate.

Zufällig bin ich über die Abbildung eines komplett erhaltenen 1 m langen Stößels aus der endneolithischen Moorsiedlung Bad Buchau-Torwiesen II gestolpert (Pfyn-Horgen).
Zitat „Mörsern von Getreide, bei dem Spelzgetreide nach einer Hitzebehandlung entspelzt wird“

I.Matuschik / H. Schlichtherle, 2009, Zeitgenossen des Gletschermannes am Mittleren Neckar. Arch. Informationen aus Baden-Württemnberg 56


Viele Grüße

Fridolin
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Beitragvon Beate » 08.03.2010 18:07

Ich versuche mal den Inhalt des Artikles kurzzufassen:

Es geht um Überprüfung der Thesen zu den in der Bandkeramik des Rheinlandes gebräuchlichen Verfahren
der Getreideverarbeitung in Versuchsreihen

Dabei wurden folgenden Fragestellungen nachgegangen:

1. Welche Geräte können zum Entspelzen
verwendet werden?

2. Wird das Entspelzen durch vorheriges
Darren oder Rösten erleichtert?

Versuchsreihen:

Versuch 1 : Entspelzen von unbehandeltem
Emmer auf der Schiebemühle

Versuch 2: Entspelzen von Einkorn, Emmer
und Dinkel im Kübelmörser

Versuch 3: Entspelzen von Emmer im Massivmörser
(ausgehöhlter Baumstamm)


Der Anteil des Kornbruchs bleibt beim hölzernen Kübelmörser stets unter 5% und liegt beim Baumstamm-Mörser bei maximal 10%; auf der Schiebemühle sind zwischen 20% und 40% der Körner zerbrochen, wobei ein Anteil bereits so stark zermahlen ist, dass er von der Spelzenfraktion nicht mehr abgetrennt werden kann.

Zeitaufwand: Rechnet man für eine Kernfamilie von fünf Personen mit einem Tagesbedarf von 5 kg Getreide, dann müsste hierfür selbst beim günstigsten Holzmörser mit einer Stundenleistung von 1,5 kg eine Person etwa 3 Stunden 20 Minuten arbeiten. Dazu kommt die anschließende Reinigung.

Der in der Literatur häufig vertretenen Auffassung, Spelzgetreide müsse vor dem Entspelzen ,gedarrt werden, wird hier nicht gefolgt, denn in den Versuchreihen konnte beobachtet werden, dass eine vorherige thermische Behandlungen nur geringen, zu vernachlässigenden Effekt hat.

Das Entspelzen wird nicht als saisonale Tätigkeit (im Zusammenhang mit der Ernte) betrachtet, sondern den täglichen Verrichtungen im Rahmen der Speisenzubereitung zugeordnet. Dafür spricht auch, dass zum einem Spelzgetreide ohne Spelzen nur für kurze Zeit haltbar ist, zum anderen der Vorgang des Entspelzens des gesamten Erntegutes vor der Lagerung zu zeitaufwändig ist.

Der Vollständigkeit halber wurde dennoch in einem weiteren Versuch erprobt, ob sich auch in einem einzigen Arbeitsgang aus bespelzten Körnern auf der Schiebemühle für die menschliche Nahrung geeignetes Mehl produzieren Iässt.

Nach 25minütigem Mahlen entstand aus der Ausgangsmenge 42% feines, relativ weißes Mehl und 12% gröberes Mehl, das von den zermahlenen Spelzen dunkler gefärbt ist. Mit 46% ist der ,,Verlust" für die menschliche Nahrung ziemlich hoch. Gegen dieses Verfahren sprechen auch die die Getreidereste aus den bandkeramischen Gruben selbst, wo in immerhin 27% der Proben die Körnerzahl gegenüber dem Spreuanteil überwiegt; bei dem beschriebenen Mahlgang bleiben ganze oder halbe Körner aber kaum erhalten.
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Beitragvon Beate » 08.03.2010 18:10

Fridolin hat geschrieben:
Zufällig bin ich über die Abbildung eines komplett erhaltenen 1 m langen Stößels aus der endneolithischen Moorsiedlung Bad Buchau-Torwiesen II gestolpert (Pfyn-Horgen).



Hallo, Fridolin!

Im Artikel werden noch folgende Funde erwähnt:

"Aus dem Neolithikum sind Holzmörser auch archäologisch nachgewiesen,
z.B. ein Doppelstößel aus Thayngen ,,Weier" und zwei kübelartige Holzgefäße mit einer konservierten Getreideschicht am Boden aus
der Pfyner Kultur."
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Beitragvon Fredewulf » 08.03.2010 19:00

Es wurde auf in die Richtung argumentiert, dass Flegel ein romanisches Lehnwort (von latein. flagellum) ist und daher erst durch die Römer in Deutschland eingeführt worden sei.
Sternchenzwirn ist allmächtig. :nähen:
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Beitragvon ulfr » 09.03.2010 20:42

Das klingt einleuchtend, danke, Fredewulf.

Mir fehlt momentan leider die Zeit, aber ich hatte bisher das Suchwort Dreschflegel gespeichert. Natürlich gibt es viele andere Möglichkeiten, das Getreide zu bereiten, die Stößel vom Federsee und Egolzwil? u.a. waren mir bekannt. Sorry.
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Beitragvon Beate » 10.03.2010 06:56

In "Frühgeschichte der Landwirtschaft" gibt es noch weitere Literaturhinweise, vielleicht findet sich da mehr:

Meurers-Balke, J. 1985: Experimente zum Anbau und zur Verarbeitung prähistorischer Getreidearten. Archäologische Informationen 8,8-17.

Meurers-Balke, J. 1990: Experimente zur ur- und frühgeschichtlichen
Landwirtschaft. Experimentelle Archäologie in Deutschland. Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, Beiheft 4, 80-81.

Meurers-Balke, J., Lüning, J. 1990a: Experimente zur frühen Landwirtschaft. Ein Überblick über die Kölner Versuche in den Jahren 1978-1986. Experimentelle Archäologie in Deutschland. Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, Beiheft 4,82-92.

Diese Artikel habe ich aber (noch) nicht. :wink:
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Beitragvon LS » 10.03.2010 11:50

@Hans: Beim Osiris, warum sollten denn die Germanen nicht auch geflegelt haben...? Selbst wenn es keinen archäologischen Fund geben sollte, würde ich jedem Volk doch soviel mechanische Begabung zutrauen.

@Beate: es wäre sicher spannend mal neue Erhebungen zum Arbeits- und Zeitaufwand zu betreiben mit Leuten, die Übung mit dem Entspelzen und anderen bäuerlichen Tätigkeiten haben. Ende der 80er war es noch neu und irgendwie "Hip", wenn ein Professor und völlig ungeübte Studenten ihre Ergebnisse als experimentelle Archäologie publiziert und weitreichende Schlussfolgerungen von sich aufs Neolithikum abgeleitet haben.
Im Ergebnis ist der Zeitaufwand vieler Arbeitsgänge sicher viel zu hoch angesetzt. Neben den Publikationen der Lüning-Gruppe vermutlich auch im Katalog "Die ersten Bauern" (1990) Band 1, Tabelle S. 114 und Text drum herum.

Herzl Gr L
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Beitragvon Beate » 10.03.2010 12:17

Ja, das war auch mein Gedanke.

Beate hat geschrieben:Zeitaufwand: Rechnet man für eine Kernfamilie von fünf Personen mit einem Tagesbedarf von 5 kg Getreide, dann müsste hierfür selbst beim günstigsten Holzmörser mit einer Stundenleistung von 1,5 kg eine Person etwa 3 Stunden 20 Minuten arbeiten. Dazu kommt die anschließende Reinigung.



Das scheint mir als täglicher Arbeitsaufwand doch ziemlich unrealistisch. :?
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Beitragvon Claudia » 10.03.2010 15:42

Das dachte ich auch, Beate. Und wenn man sich Frauen in Afrika anguckt, die heute noch Getreide in Holzmörsern zerstampfen, muß das irgendwie schneller gehen als diese Zahlen angeben, sonst wären die Leute lange verhungert.
Dazu kommt: wie groß ist eine "Kernfamilie"? Aus römischen Angaben über die Verpflegung der Soldaten geht hervor, daß für einen Soldaten mit einer täglichen Getreideration von 900-1000g gerechnet wurde. Und das waren keine Hungerrationen und die Soldaten keine Hänflinge.
Wenn man das auf die Steinzeitfamilie überträgt, müßten das schon 4 ausgewachsene kräftige Kerle sein, die da 5 kg Getreide (abzüglich der Spelzen und etwas Bruchverlust vielleicht 4,5 kg entspelztes Getreide) täglich verputzen! Also ist diese Ration durchaus für mehr als nur eine vierköpfige Familie geeignet.
Außerdem muß man berücksichtigen, daß die Ernährung ja nicht komplett auf Getreide basierte. Die 1-kg-Tagesration der römischen Soldaten war durchaus dazu geeignet, als alleinige Nahrung zu dienen. Wenn man aber genügend andere nahrhafte Zukost hat, sinkt die Getreidemenge doch deutlich.
Dazu kommt noch, daß geübte Leute deutlich schneller sind und zeit- und kräftesparende Tricks kennen, wie ja oben schon gesagt wurde.
In der Arbeitsaufwandschätzung in dem Artikel sind jedenfalls zu viele Faktoren nicht berücksichtigt worden.
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Beitragvon pinguin » 11.03.2010 07:36

Zu Entspelzversuchen mit Holzstampfern, Dreschsparren und Rösten zuletzt:

Hans Christian Lässig, Entspelzen zur Aufbereitung von Getreide im Neolithikum. Plattform 15/16, 2006/2007, Unteruhldingen 2008, 51-56.

Die Gerätschaften und Getreide der verschiedenen Zustandsformen sind aus dem Feuchtbodenbereich bekannt, wobei etwa der "Dreschsparren" sich besser für das Aussschlagen von Leinkapseln als für Spelzgetreide eignet.
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Beitragvon Beate » 14.03.2010 16:28

Manu hat geschrieben:Die Frage ist ja immer, hat das den Menschen "früher" auch was ausgemacht oder haben sie das einfach so gegessen. Welchen Aufwand haben sie betrieben.


Fridolin hat geschrieben:Es gibt aus dem Feuchtbodenbereich (Federsee?) etliches an menschlichen Fäkalien. Darin sollten sich evtl. Spelzreste nachweisen lassen. Gab's da schjon Untersuchungen und wurden die schon publiziert?



Ich habe was anderes gefunden. Bei den Moorleichen "Mann von Husbäke" und "Junge von Kayhausen" wurden im Magen Spelzreste und bespelzte Körner gefunden (Hirse und Gerste).
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Beitragvon pinguin » 16.03.2010 18:24

Zu 100 Prozent funktioniert das Entspelzen meistens nicht, es bleiben Reste. Wenn es nicht viel "nicht entspelztes" ist, dann isst sich das auch noch gut. Wenn es allerdings wie im "SWR Projekt: Steinzeit, das Experiment" zu viel mit Spelz ist, dann spielen zumindest Kindermägen nicht mehr mit. Es wäre interessant zu wissen, ob die Mageninhalte auch Belege für das "Rösten" erbracht haben.
Bei geröstetem Spelzgetreide läßt sich der Spelz besser verkraften. :? :roll:
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