Flintschläger-Arbeitsplatz

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Beitragvon Blattspitze » 24.12.2010 15:03

Ich habe grade die neueste Ausgabe der "Archäologischen Nachrichten aus Schleswig-Holstein" erhalten.
Neben anderen interessanten Artikeln quer durch die Zeiten haben mich besonders zwei Artikel zum späten Jungpaläolithikum gefesselt.
Nachdem I. Clausen im Januar noch deprimierende Neuigkeiten zu den bis dahin vorliegenden Voruntersuchungsergebnissen der den Altgrabungen benachbart liegenden Sedimente hatte (Bohrungen und begrenzte Kettenbaggereingriffe zur Prospektion): keine Pollen und keine Holzerhaltung, Knochen schlecht erhalten, sind nunmehr durch im September 2010 an anderen, einige Meter westlich durchgeführte Bohrungen etc. weitere reichhaltige organische Fundschichten mit besten Erhaltungsbedingungen festgestellt worden!
Wäre nur genug Geld da, könnten aufgrund der einzigartigen Erhaltungsbedingungen (Holz!) diese Fundplatzes Erkenntnisse gewonnen werden, die wohl nirgendwo sonst erschließbar wären.
Aber bis 8m(?) Tiefe erforderliche Grundwasserabsenkungen sind schon immens teuer. Was würde das wohl, für sagen wir 300qm, und einige Jahre Grabungszeit kosten? Schätzungen?
Wenn ich mir vorstelle, das Rust + Schwantes damals Anfang der dreißiger Jahre zu ungleich kritischeren finanziellen Bedingungen dergleichen möglich machen konnten ...
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Beitragvon Trebron » 20.10.2015 19:18

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Beitragvon Blattspitze » 21.10.2015 09:11

Es sind Überbleibsel der sogenannten Ahrensburger Kultur (10.760 bis ca. 9.650 v. Chr.), die in dem Gebiet über einen langen Zeitraum hinweg auf die Jagd gingen. Jetzt ein neuer, für die Archäologen spektakulärer Fund: „Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit haben wir hier zwei Schlagstätten nachgewiesen“, freut sich Grabungsleiterin Mirjam Briel. Die Jäger fertigten hier also wahrscheinlich ihre Klingen und Pfeilspitzen an. Die Entdeckung einer solchen Schlagstätte an sich ist schon bemerkenswert. Ungewöhnlich ist in diesem Fall allerdings der tadellose Zustand, alles liegt an seinem Platz. „Es wirkt, als sei der ‘Steinschläger’ gerade eben erst weggegangen“, so Briel
http://www.hamburger-wochenblatt.de/ahr ... 27487.html

"Das Tunneltal ist in seiner archäologischen Wertigkeit vergleichbar mit der Akropolis oder dem Kölner Dom" I. Clausen
http://www.abendblatt.de/region/schlesw ... chbar.html
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Beitragvon Trebron » 22.10.2015 10:00

Zitat aus dem Hamburger WB:
.....Ungewöhnlich ist in diesem Fall allerdings der tadellose Zustand, alles liegt an seinem Platz. „Es wirkt, als sei der ‘Steinschläger’ gerade eben erst weggegangen“, so Briel. In der Regel werden solche Plätze nur durch Abfälle und Splitter der Flintsteine nachgewiesen. In diesem Fall befinden sich noch zahlreiche Klingen an dem Platz, feinsäuberlich aufgetürmt auf einem kleinen Haufen. Allein an einem Schlagplatz wurden weit mehr als 200 Einzelstücke geborgen, an dem zweiten schon etwa 70 einzelne Abschläge......

Da fragt man sich, warum der Werkzeugmacher hat alles stehen und liegen lassen ???


:mammut1:
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Beitragvon Blattspitze » 22.10.2015 14:02

Die Frage ist, ob nur Ausschuss und auf den ersten Blick unbrauchbares Material liegen gelassen wurde. Im Tunneltal gab es sehr viel gutes Rohmaterial. Eine echte Interpretation des Befundes ist sicher erst nach Auswertung der Grabung möglich. Nur, wenn man die zerlegten Kerne wieder zusammensetzt ("refitting"), erkennt man wirklich, was mitgenommen wurde ("preferential blades"?).
Etwas Skepsis gegenüber dem Zeitungsartikel ist sowieso angebracht, nach 10.000 Jahren hat es angesichts der oberflächennahen Fundsituation zahlreiche Frost/Auftau - Wechsel und Bodenbildungsprozesse gegeben, Tiere haben sich durch den Boden gewühlt, Planzen und Bäume sind gewachsen und umgestürzt. Wenn da wirklich etwas "noch so daliegt" wie es damals liegengelassen wurde, wäre es fast ein Wunder.
Für den Befund vom Borneck (Zelt oder nicht Zelt?) scheint sich tatsächlich eine nur geringfügige Verlagerung abzuzeichnen:
https://oatd.org/oatd/record?record=oai ... 5C%2F36861
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Beitragvon FlintSource » 31.10.2015 00:41

Blattspitze hat geschrieben:Wenn da wirklich etwas "noch so daliegt" wie es damals liegengelassen wurde, wäre es fast ein Wunder.

Da habe ich vor knapp 20 Jahren auch mal eine Situation ausgegraben, ebenfalls Federmesser. Der Befund ist, glaube ich, nie richtig ausgewertet oder publiziert (zu mindest nicht von mir, das würde ich mich noch erinnern, ich habe nur mal einen schnellen Plot der Stücke durchgeführt). Bei der Grabung, die knapp vor der Baggerkante im Braunkohletagebau stattfand (dramatisches Bild hier in der letzten Abbildung: https://www.academia.edu/1160540/%C3%9Cberraschungen_aus_der_Tiefe._Das_Moorprojekt_Reichwalde), waren die Abschläge und Rohmaterialstücke so angeordnet, dass man förmlich die Person sitzen sehen konnte: Linkes Bein gestreckt, rechtes Bein gebogen mit dem Knöchel unter dem Knie des rechten, Rohmaterialvorrat an der linken Seite neben dem Arsch. Wenn man sich das im Geiste vorstellt etwas widersprüchlich: Die Sitzposition lässt an ein Linkshänder denken (Haltehand des Kerns auf dem gebogenen Bein), die Lage der Rohknollen an einen Rechtshänder ('Kernhand' nimmt das Rohstück von der linken Seite). Trotz anrückenden Braunkohlen-Baggers haben wir das damals mit Einzelfundeinmessung dokumentiert, und zwar auch Stücke unter 5 mm, somit sollte der Befund nachvollziehbar auswertbar sein. Freiwilligen vor, Anfragen bei der Landesarchäologin und Verfasser.
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Beitragvon Blattspitze » 31.10.2015 18:13

Sehr schöner Befund, Rengert. Wenn 2,5m Torf schützend darüber lag, dürfte das Verlagerungsrisiko gering sein. Das wäre ja ein ideales Thema für eine Abschlussarbeit, oder?
Erinnert mich an einen viel älteren Befund aus Boxgrove (Quarry 1, unit 4b), wo eine an einer Seite scharf begrenzte ca. 30x30cm große Konzentration kleinster und großer Abschläge und Absplisse gefunden und als sitzende Haltung des Handwerkers interpretiert wurde (Fig. 13):
http://www.persee.fr/doc/pica_0752-5656 ... m_1_1_1581
Ich habe in den 80ern in Björnsholm, DK, nahe Ertebölle spätmesolith. Muschelhaufen mitgegraben. Da sich die Austern so schnell akkumuliert haben, fanden sich häufiger Befunde, die wie zugedeckte "Momentaufnahmen" wirkten. Einmal gab`s eine kleine Feuerstelle, einen "Sitzstein"(?) und direkt davor eine begrenzte Flintkonzentration in der sich (in meiner Erinnerung) regelrecht die Füße als Negativ abzeichneten, aber vielleicht irre ich mich auch.
Eine spannende Frage, inwieweit sich der artefaktfreie Raum so 1:1 als "Negativ" des Steinschlägers interpretieren lässt. Guckt man sich die zahlreichen Bilder der schlagenden Steinbeilproduktion in Neu Guinea an, so wird sehr selten gesessen und meistens gehockt und zwischen den Oberschenkeln durchgeschlagen, so dass kein Schutz der Beine erforderlich ist. Gleiches kenne ich von den Aborigines bei der schlagenden Vorbereitung von Blattspitzen. Aber es gibt Ausnahmen, wobei es sich hier wohl um Picktechnik handelt:
Bild
A man from the Warramunga tribe making a stone axe head, Australia, 1922. The man is chipping a block of diorite by means of a small lump of hard quartzite. From Peoples of All Nations, Their Life Today and the Story of Their Past, volume I: Abyssinia to the British Empire, edited by JA Hammerton and published by the Educational Book Company (London, 1922).
Quelle: http://www.heritage-images.com/Preview/ ... nseType=RM
Ein fataler Eindruck, den jedenfalls viele Besucher unserer Pöckertreffen bekommen, ist, dass es in der Steinzeit auf jeden Fall Stühle gegeben haben muss und ohne ein großes Schutzleder nebst Handschuhen ging nix.
Gruß M (Admins: Wir driften hier thematisch ab- neuer Fred?)
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Beitragvon FlintSource » 31.10.2015 20:37

Ich poste doch noch mal hier. Ja, Boxgrove ist natürlich auch so ein Verdachtsfall. Jeder der so etwas sieht sollte sich fragen, ob hier nicht 'the tarp', also die Unterlage, die während des Schlagens verwendet wurde (Blattspitze hat dazu mal etwas gepostet zu Flintabfällen in Zelten), ausgeschüttet wurde. Wenn gut gegraben und dokumentiert und es handelt sich tatsächlich um einen in situ Schlagplatz, sollte eine stratigrafische Auflösung möglich sein, wobei die Präparationsabfälle zuunterst liegen.
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Beitragvon ulfr » 01.11.2015 09:19

Blattspitze hat geschrieben:(Admins: Wir driften hier thematisch ab- neuer Fred?)


Gruß von Edith: Hab den ursprünglichen Beitrag dupliziert und hier einen neuen fred damit aufgemacht. ULFR
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Re: Flintschläger-Arbeitsplatz

Beitragvon ulfr » 01.11.2015 09:27

Interessanter Aufsatz dazu:

Johansen, L. 1996: Flinthuggerens værksted? - forsøg med flinthugning. In: Meldgaard, M., Rasmussen, M. (Red.) Arkæologiske eksperimenter i Lejre. HAF Lejre

Hier arbeitet Großmeister Pelegrin auf einer Plane mit 10cm-Quadraten, was eine genaue Lokalisierung der Abfälle erlaubt. Er schlägt Klingen, schüttelt seinen Beinschutz aus, kurz: alles, was Ihr oben beschreibt.
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Re: Flintschläger-Arbeitsplatz

Beitragvon Blattspitze » 01.11.2015 15:19

Oh Ulfr, den Artikel kenne ich noch nicht. Sitzt der Großmeister auf einem Hocker?

Hier nochmal etwas zur Notwendigkeit vom Beinschutz und möglicher Sitz-/ Hockhaltung:
Bild
Bild
Quelle:http://www.indiana.edu/~r317doc/dr/old/html/stone.html
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Re: Flintschläger-Arbeitsplatz

Beitragvon FlintSource » 04.11.2015 22:48

Nicht ganz was wir suchen aber immerhin ein spannender Fundplatz und der Aufsatz ist frei zugängig.
A sealed flint knapping site from the Younger Dryas in the Scheldt valley (Belgium): Bridging the gap in human occupation at the Pleistocene – Holocene transition in W Europe
https://www.academia.edu/8097124/A_sealed_flint_knapping_site_from_the_Younger_Dryas_in_the_Scheldt
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