Ötzi Bogenstab mit "Blut getränkt"?

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Ötzi Bogenstab mit "Blut getränkt"?

Beitragvon Blattspitze » 19.10.2009 12:28

Auf der Seite des Südtiroler Archäologiemuseums unter "Bogenstab":

http://www.archaeologiemuseum.it/de/node/46

Ein Irrtum? Ein Halbfabrikat imprägniert?
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Beitragvon ulfr » 19.10.2009 12:35

Dass der Bogen mit irgendetwas "imprägniert" wurde, ist schon länger bekannt.
Es macht durchaus Sinn, auch Halbfabrikate aus Holz zu imprägnieren, um sie vor der Weiterverarbeitung vor dem zu schnellen Austrocknen zu schützen.
Während es normalerweise üblich ist, frisch geschlagene Hölzer an den Schnittflächen mit Lack, Leim etc. einzustreichen, um die Hirnflächen vorm Austrocknen und damit Reißen zu bewahren, streichen einige Bogenbauer ihre Rohlinge nach dem Spalten rundherum mit Leimwasser ein.
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Beitragvon Blattspitze » 19.10.2009 16:32

Danke Ulfr.
Ist Blut den ein geeignetes "Imprägniermittel"?
Verringert es den Feuchtigkeitsdurchgang und damit das "Werfen"?
"Wasserfest" ist Blut jedenfalls nicht.
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Beitragvon Merha » 19.10.2009 17:13

Blattspitze, was meinst du mit "werfen"?
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Beitragvon ulfr » 19.10.2009 17:42

Ich denke, er meint, dass das Holz sich verzieht (in der Fachsprache heißt das "Werfen"), dass der Stab propellerig oder achsenkrumm wird.
Die Imprägnierung müßte auch nicht wasserfest sein, denn einen Rohling schleppt man normalerweise nicht mit sich herum, sondern bewahrt ihn in der "Werkstatt" zum Trocknen auf... Der Gedanke kam mir auch
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Beitragvon Hans T. » 19.10.2009 21:21

Aus detaillierten Untersuchungen des Bogenstabs geht hervor, dass er mit Blut getränkt worden war. In getrocknetem Zustand wirkt Blut Wasser abweisend


Nehmen wir das mal so hin. Mir fällt dazu die alte Rezeptur für Holzschutzanstriche ein, die aus "Ochsenblut" plus etwas Kalk plus Leinöl bestand.
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Beitragvon Merha » 19.10.2009 21:36

Ulfr, danke für den Hinweis. Ich wollte nur noch mal nachgefragt haben. Kann ja sein, das andere Leute da was anderes drunter verstehen.

Es wäre interessant zu wissen, was die Südtiroler unter in Blut getränkt verstehen. Wieviel Blut? Der ganze Bogen komplett? Gibt es Stellen, die weniger oder nicht ?getränkt? sind?

Ich habe erst vor einem viertel Jahr mit Experimentalarchäologen gesprochen, der bei einer oder mehrerer Untersuchungen der Eibe dabei war. Meine Frage ob der Bogen mit Blut ?imprägniert? sein hat er damals mit einem klaren nein beantwortet. Gibt?s seither neue Erkenntnisse?

Zum Werfen von Bogenholz und Einlassen des ganzen Rohlings um werfen zu vermeiden. Es kann sicher mal passieren, dass ein nur an den Stirnseiten versiegelter Rohling, sich beim Trocknen dreht. Was mir aber die letzten Jahre nie passiert ist und ich habe Dutzende Rohlinge gelagert. Ich würde mir nie die Mühe machen auch noch die ganze Länge nach zu versiegeln. Ich mache mir aber die Mühe, je nach Holzart, zu entrinden oder den Splint zu entfernen.
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Beitragvon Andreas K. » 21.10.2009 10:06

Wobei das "Ochsenblut" in den Holzschutzanstrichen und in Farben allerdings meistens filtriert war (jedenfalls nach: Lexikon der historischen Maltechniken), also eher Blutplasma. Die Blutkörperchen und andere feste Bestandteile des Blutes würden sonst nämlich beim Trocknen oxidieren und eine unschöne braune Farbe verursachen. Der Name "Ochsenblut" für einen manchmal noch heute verwendeten Farbton kommt übrigens genau von dem Blutplasma als Bindemittel. Die Farbe gab es bis zur Industrialisierung auch in blau, grün und was man sich sonst so vorstellen kann, nicht nur in rot wie heute. "Ochsenblut" ist also ursprünglich gar kein Farbton, sondern eine Farbzubereitungsart.

(Oberlehrermodus Aus) :wink:
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Beitragvon ulfr » 21.10.2009 11:02

Fand ich jetzt gar nicht Oberlehrerhaft, Kloochschieten geiht anners...

@ Merha: Die Meinungen dazu sind höchst unterschiedlich, ich weiß, aber ich habe die besten Erfahrungen gemacht, wenn ich die Schnittflächen versiegelt habe und die Rinde bis zum Verarbeiten des Stabes, manchmal bis zu 10 Jahre später! draufgelassen (wobei "versiegelt" übertrieben ist, denn Leim, vor allem wenn verdünnt, ist ja dampfdurchlässig). Je langsamer ein Holz trocknet, desto besser bleibt die Struktur der einzelnen Zellen erhalten, und desto stabiler bleibt der Bogen. Wenn die Zellwände erstmal angegriffen sind bzw. nicht optimal getrocknet, erhöht dies das Risiko für Stauchfalten bzw. Überdehnungsrisse.
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