Holzbearbeitungswerkzeuge des nordischen Mittelneolithikums

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Holzbearbeitungswerkzeuge des nordischen Mittelneolithikums

Beitragvon Blattspitze » 27.09.2008 19:52

Flint-Arbeitsbeile. Das Fällbeil ist ein dicknackig-dickblattiges Exemplar vom Lindö-Typ, späte Trichterbecherkultur (MN IV-V), könnte aber auch der anschließenden Einzelgrabkultur zugeordnet werden. Der Schaft ist formlich angelehnt an Funde aus Wangels in Ostholstein und aus Dänemark. Das Querbeil (Dechsel) ist ein dicknackig-dünnblattiger Typ gleicher Datierung:
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Wie bei den Originalen ist die Beilklinge in einem Winkel eingesetzt. Der Schaft ist in dieser Ansicht fast zu ?keulenartig? ausgebildet, im Profil sehen die Originalfunde fast wie ?Dachlatten? aus und das Nackenende darf nicht zu weit hinten auskragen. Die älteren dünnackigen Beile sind demgegenüber stets in unterschiedlich verdickte oder geschwungene Schaftköpfe eingesetzt und die Nackenenden ?gucken? hinten raus. Da ich schon mehrere Bäume mit diesem Beil gefällt habe, zeigen sich deutliche ?Gebrauchsspuren? an den Holzwangen. Mit diesem Beil arbeite ich gerne, es schneidet fast ?von selbst?.
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Das Flachbeil habe ich einfach mit gewachstem Leinenzwirn stramm auf eine Fläche gebunden, bei der Arbeit zieht es sich sehr fest. Es gibt ein ähnliches Holzstück aus Litauen, aus Südskandinavien kennen ich keinen Original-Dechselschaft. Aus Holland gibt?s noch ein abweichendes Original mit zwei Holzwangen.
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In dieser Ansicht sieht man sehr gut die unterschiedliche Blattstärke der Beile. Ich glaube, dass die dünnblattigen Klingen als Dechsel genutzt wurden und nicht als Geradbeile.
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Interessanterweise finden sich in mittel- und spätneolithischen Gräbern manchmal ganze Sätze von Holzbearbeitungswerkzeugen bestehend aus Fällbeilklinge, Dechselklinge und manchmal einem Meißel (Stechbeitel).

Ich poste dies unter Handwerk, da es sich meiner Ansicht bei den diesen Stücken nachempfundenen Originalen um Arbeitsbeile und keinesfalls um Waffen handelt. Ansonsten hätte es sicher unter ?Beile, Äxte, Keulen? gepasst.

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Beitragvon Peter N. » 27.09.2008 19:59

alle Achtung
tolle Arbeit

"gut Holz!"

P.
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Beitragvon Steve Lenz » 27.09.2008 20:02

Sehr schöne Stücke. Saubere Arbeit - aber so bist Du nun mal! :D
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Beitragvon ulfr » 27.09.2008 22:40

Jaa, so kennen wir ihn und so mögen wir ihn auch.
Mich wundert immer, dass es diese "Dachlatten" von :D Beilschäften :D nicht beim ersten Schlag auseinanderhaut. Kannst Du damit wirklich so zuschlagen wie mit einem Flügelholm, Marquardt? Oder liegt hier wie so oft das Geheimnis mehr in der Technik?

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Beitragvon Blattspitze » 28.09.2008 15:54

(Danke, Ihr Lieben!)

Ulfr, ich habe noch nie mit einem in einem Flügelkopfholm geschäfteten Steinbeil gearbeitet. Da bei den Flintbeilen der Schaft nur auf Zugbelastung beanssprucht wird, halten die meiner Erfahrung nach viel mehr aus als man zunächst denken könnte. Aus Spodsbjerg (DK) gibts aber ein wirklich filigranes Stück, dass man mal prüfen müsste.
Sehr verbreitet ist in der Literatur allerdings die Ansicht, dass mit Stein- und besonders mit Flintbeilen weniger stark zugeschlagen werden darf. Ich frage mich immer, wie stark man denn mit Stahläxten zuschlägt (vor dem Hintergrund, dass man mehrere Stunden Arbeit vor sich hat)? Nach Jörgensen`s Experimenten aus den 50er Jahren soll man mit Flintbeilen fast nur aus den Unterarmen heraus arbeiten. Daran halte ich mich definitiv nicht!
Ich schlage mit Stahl- oder Steinbeilen gleich stark zu, glaube ich zumindest. Am wichtigsten scheint mir allerdings dabei Erfahrung zu sein, Treffsicherheit, Wissen um die Größe der richtigen Fällkerbe, etc.. Mit einer Stahlaxt blindwütig sehr stark zuzuschlagen, resultiert ja manchmal in dem peinlichen Umstand, dass die Axt steckenbleibt ("Vorsprung durch Technik"). Bei Flintbeilen bin ich jedoch viel stärker darauf konzentriert, dass die Schlagebene und die Beillängsachse übereinstimmen und dass sauber getroffen wird.
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Beitragvon Steve Lenz » 28.09.2008 16:31

Also wenn ich mich da an TV-Berichte über die Papua entsinne, haben diese auch mit ihren Querbeilen aus Stein auch tüchtig dreingedroschen, dass die Späne flogen. Von Zurückhaltung keine Spur.
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Beitragvon TZH » 30.09.2008 15:06

Na das sind aber schon ordentliche mesiterstücke. Auch die Stile handgeschnitzt mit Stein?

Ich denke das -na ja, nicht wo Steine von diese qualität wie Müll rumgelegen haben- diese Art Beilköpfe mit so hohen Bearbaitungslevel fast zu schade für Gartenarbeit:-) waren.

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Beitragvon Blattspitze » 30.09.2008 15:37

Gartenarbeit trifft es!
Die Stiele sind unter Einsatz von Stahl entstanden. Ich habe ein einziges mal mit Freund Kai einen Beilschaft mit "neol." Werkzeugen gemacht, hat ca. 1 Mann/Tag gedauert. Bei Nutzung von frischem (feuchten) Holz und als "echter Neolithiker" mit uns heute bislang unbekannten Tricks dauerts wohl nur halb so lang. In Neu Guinea sind in den sechzigern mal 6 Std mit Steinwerkzeugen "gestoppt" worden.
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Beitragvon TZH » 01.10.2008 10:30

Ja, mit trockene Holz wurde auch nicht gehen, glaube ich, nur vieleicht schaben ind irrgendwie pfeilen. Ich hab mal in einem Film gabonische scmiede gesehen (gut, die hatten trock. Holz, aber das war in die Tropen, also event. hohe Luftfeuchte), dei ein Stiel aus relativ Frischholz geschnitzt haben, und bis die einssteck-beilklinge fertig geHärtet wurde, wurde das stiel einfach ins Glut gelegt, und wurde schnell getrocknet, oder ein Moos(?-ferbrannte schicht) oberflache gegen feuchte gemacht, ich weiss es nicht. Es kriegte einige Risse, aber urde Trocken.
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Beitragvon ulfr » 01.10.2008 11:14

Blattspitze hat geschrieben: Bei Nutzung von frischem (feuchten) Holz und als "echter Neolithiker" mit uns heute bislang unbekannten Tricks


Ich denke, mit trockenem Holz geht gar nix bzw. unendlich viel langsamer. Einzige Ausnahme: beim Bau des letzten Einbaums haben wir vermehrt Geweihäxte eingesetzt. Dabei hat sich gezeigt, dass die Schneiden der Äxte durch das frische Holz sehr schnell aufweichten und umso schneller stumpf wurden bzw. sogar beschädigt wurden. In trockenem Holz lässt sich damit viel besser arbeiten, allerdings haben wir Pappel verwendet. Bei Eiche oder Esche mag das ganz anders aussehen, Versuche dazu sind in Planung.

Und ich denke, sooo viele unbekannte Tricks gibts da gar nicht. "Man nehme ein Stück Esche und schlage alles weg, was nicht nach Beilholm aussieht", damals wie heute die gleiche Arbeit... Lochstemmen ist Lochstemmen.

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Flintbeile

Beitragvon Trebron » 01.10.2008 13:35

Solche Beilklingen fehlen auch noch in meiner Sammlung !
Herrliche Arbeit.

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Material des Axtholmes

Beitragvon Trebron » 14.11.2008 20:54

Hallo Marquardt,

Du hast mir in den PM geschrieben, dass der Holm aus Esche besteht,wie immer !
Im Bogensportforum FreeArchers wird gerade "gewichtelt" und da habe ich mir einen Axtholm gewünscht und mir auch erlaubt ein Bild Deiner Axt einzustellen.

Beitrag eines mir gut bekannten Forumsmitgliedes:

Esche ???? Macht man sowas nicht aus Schlehdorn oder ähnlichen Hölzern? Sind die nicht wesentlich flexibler?

Ich frage eigentlich nur deshalb weil die alten Steinmetzen ( mein Berufsbild ) bei Steinbeilen, Zweispitzen etc., also schlagend eingesetzten Werkzeugen, seit Jahrhunderten auf Schleh-, Weißdorn etc. zugreifen. Begründung in alten Büchern war immer die Flexibilität und Biegefestigkeit des Holzes. Ist das bei einer Steinzeitaxt nicht ähnlich wichtig? Sind die Eigenschaften der Hölzer ähnlich/ gleich?


Was sagst Du dazu, hast Du, oder ein anderer ähnliche Erfahrung ?

Gruß

Trebron
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Beitragvon Blattspitze » 14.11.2008 22:57

Bei mir immer. Naja, bei Originalen nicht immer.
Ganz überwiegend bestehen (Flint-)Geradbeil-Holme aus Esche.
Es gibt ein Beispiel von genutzten Stockausschlägen der Eiche und zwei umstrittene Bestimmungen als "Birke".
Ich bin kein Holztechniker oder Spezialist, aber die Neolithiker irrten hier bestimmt nicht. Wobei die genutzte Holzart letztlich auch ein Kompromiss aus Verfügbarkeit, leichter Bearbeitbarkeit, wenig Neigung zum Verziehen beim Trocknen etc. sein kann.
Aufgrund der Schäftungsweise dürfte die Scherfestigkeit auch eine Rolle spielen.
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Beitragvon ulfr » 15.11.2008 12:03

Blattspitze hat geschrieben:ein Kompromiss aus Verfügbarkeit, leichter Bearbeitbarkeit, wenig Neigung zum Verziehen beim Trocknen etc. sein kann.
Aufgrund der Schäftungsweise dürfte die Scherfestigkeit auch eine Rolle spielen.


Genau da springt der Punkt: Esche besitzt eine sehr hohe Scherfestigkeit ( - 14,6 N/qmm) bei gleichzeitig guter Bearbeitbarkeit, geradem ruhigen Wuchs ohne viele Äste, hoher Elastizität und Härte, das bietet in dieser Kombination eigentlich nur noch Robinie, und die gabs bekanntlich nicht.

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Beitragvon Thomas Trauner » 17.11.2008 09:04

Das ist wieder der klassische Fall von moderner Rückprojektion. Es mag ja sein, das Esche im Vergleich zu den anderen genannten Hölzern aus moderner Sicht "nicht so gut" ist.
Es beißt aber die Maus keinen Faden ab:
Funde sind Esche und Eiche, in Ötzis Fall auch noch Eibe. Das wars.
(Wenn jetzt jemand wieder die berühmte Ausnahme..... :roll: )
Es liegen aus den Feuchtbodengebieten wirklich viele Funde vor. 50% Esche, 50% Eiche, so schnell geschätzt.
Und was die moderne Sicht angeht:
99% der modernen Werkezeugstiele sind Esche.....

Thomas
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