Kirschrinde

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Kirschrinde

Beitragvon Ragnar » 14.09.2008 22:50

Ein Thema, das mir schon lange auf den Nägeln brennt:
Wir haben einen nahgelegenen Forst mit einem relativ grossen Wildkirschanteil. Dort habe ich beobachtet, dass bei einem gefälltem oder vom Sturm umgestürzten Baum, erst der Bast- und Splintholzanteil verrottet. Die Rinde bleibt auch nach Jahren oft beinahe unversehrt. Was mich natürlich neugierig gemacht hat. Ich habe mir die Rinde genauer angeschaut und bei verschiedenen Stämmen unterscheidlicher Verrottungsstadien Versuche angestellt. Bei frischen Stämmen lässt sich die Rinde nur sehr schwer abschälen. Nach einem halben bis dreivietel Jahr, hat der Verrottungsprozess eingesetzt und den Bastanteil zersetzt. Die Rinde lässt sich jetzt mit einem einfachem Längsschnitt abschälen. In frischem Zustand ist sie weich und biegsam wie Fotokarton, trocken um einiges steifer, aber immernoch flexibel
Sie läst sich wie Leder zu allem Möglichem verarbeiten. Ich mache daraus
Taschen, Messerscheiden, einfache Trasportbehältnisse und Köcher.
Das Material ist belastbar und schnittfest.
Meine Frage: Gibt es die Wildkirschen hier noch nicht so lange, oder warum finde ich nirgendwo irgend etwas darüber?
Ich kann mir nicht vorstellen, das meinen Vorfahren dieses schöne und leicht zu beschaffende Material entgangen sein sollte.
Hat irgendjemand etwas darüber gehört( ausser Bogenbacking)?
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Beitragvon jsachers » 15.09.2008 07:36

Wenn man bei Wikipedia "Wildkirsche" eingibt, landet man bei "Süßkirsche", auch bekannt als "Wilde Vogelkirsche".
Das wären vielleicht zwei weitere Suchbegriffe.
Außerdem steht dort, der römische Feldherr Lucullus habe die Wildkirsche in Europa eingeführt (zu welchem Zwecke?). Und folgende Literaturangeben:
* L. Conrad: Wildkirsche (Prunus avium). Verbreitung, Ausbreitungsmechanismen und waldbauliche Behandlung. Diplomarbeit (Universität Hamburg/BFH). Hamburg 2002, 91 S.
* Allgemeine Forst Zeitschrift (AFZ), 43. Jahrgang, Heft 20/1988, vor allem S. 535-565, ISSN 0002-5860 ? Ausgabe mit der Wildkirsche als Schwerpunktthema, enthält Beiträge verschiedener Autoren
* Wedig Kausch von Schmeling: Der Europäische Kirschbaum ? Geschichte und Gegenwart. In: Holz aktuell Nr. 5/1985, S. 7-13.

Vielleicht hilft's?!
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Beitragvon ulfr » 15.09.2008 08:43

Weiterer Suchbegriff: cerasus avium
Wagenführs Holzatlas sagt zur Nutzung der Rinde leider gar nichts, aus archäologischen Zusammenhängen ist mir ad hoc nichts bekannt, schau mal in die Zeitschrift
Literature on archaeological remains of cultivated plants
http://www.springerlink.com/content/l410061622563201/

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Beitragvon Trebron » 15.09.2008 09:32

Hallo Ragnar,

gleiches habe ich an einem Pflaumenbaum aus meinem Garten beobachtet, nachdem ich ihn fällen musste. Ich hatte den Stamm (starker Drehwuchs ) in ofengerechte Stücke geschnitten. Messer und Bogengiffe habe ich davon auch gemacht.
Als ich nach ca 1 Jahr die Stücke wieder mal in die Hand nahm, konnte ich die Rinde teils mit dem fauligen Bast herunter ziehen. Ein Stück habe ich mal aufbewahrt, gibt eine Dose oder kleiner Eimer. Ich muß nur noch einen Boden einarbeiten. Dazu werde ich mal Birkenrinde versuchen, wenn ich kein Stück von der Pflaume mehr finden sollte.

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Beitragvon Ragnar » 16.09.2008 20:06

Eine witzige und nützliche Eigenschaft habe ich gerade herausgefunden.
Beim begradigen eines Rindenstückes, das ich vorher in heisses Wasser gelegt hatte, ist ein 2mm-5mm breiter Steifen abgefallen. Mit diesem wollte ich die mechanische Belastung testen und habe einen Knoten hineingemacht.
Dabei ist nur die dünne Oberrinde abgeplatz. Ich habe dann den Knoten wieder gelöst und den Rindenstreifen gedehnt. Ergebniss: 20% dehnbarkeit,
die festigkeit ist sehr hoch (hab es nicht durchgerissen).
Weitere Tests folgen.
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Beitragvon Gotfrid » 07.10.2008 21:03

Hallo!

Achtung, es gibt eine Birkenart deren Rinde der Kirsche zum verwechseln ähnlich sieht, es handelt sich hierbei um die "Gelb-Birke". Eigentlich ist diese Baumart in Nordamerika beheimatet. Mittlerweile ist dieser Baum auch bei uns heimisch. Ich bin auch schon auf diesen Baum reingefallen weil ich dachte es sei eine Kirschenart!

Also trau schau.....?

Guckst du hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gelb-Birke

http://calphotos.berkeley.edu/cgi/img_query?stat=BROWSE&query_src=photos_flora_sci&where-genre=Plant&where-taxon=Betula+alleghaniensis&title_tag=Betula+alleghaniensis
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Beitragvon Ragnar » 07.10.2008 23:47

Neee, meine Kirschen sind wirklich Kirschen.
Aber ich gebe zu, die Rinde sieht der Kirschrinde sehr ähnlich.
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Beitragvon Gotfrid » 09.10.2008 20:31

Na denn! Weiterhin viel Freude beim bauen!
:fox:
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Beitragvon Bertho » 30.01.2009 23:16

Ragnar hat geschrieben:Ein Thema, das mir schon lange auf den Nägeln brennt:
Wir haben einen nahgelegenen Forst mit einem relativ großen Wildkirschanteil. Dort habe ich beobachtet, dass bei einem gefällten oder vom Sturm umgestürzten Baum erst der Bast- und Splintholzanteil verrottet. Die Rinde bleibt auch nach Jahren oft beinahe unversehrt, was mich natürlich neugierig gemacht hat. Ich habe mir die Rinde genauer angeschaut und bei verschiedenen Stämmen unterschiedlicher Verrottungsstadien Versuche angestellt.....Die Rinde lässt sich jetzt mit einem einfachen Längsschnitt abschälen. In frischem Zustand ist sie weich und biegsam wie Fotokarton, trocken um einiges steifer, aber immer noch flexibel. Sie lässt sich wie Leder zu allem Möglichem verarbeiten. Ich mache daraus Taschen, Messerscheiden, einfache Transportbehältnisse und Köcher.....

In Japan gibt es ein eigenes Handwerk für die Verarbeitung von Kirschrinde. Daraus werden viele ebenso nützliche wie ästhetische Behälter gemacht.

Freundliche Grüße

Bertho
Eisen ist so eine Art Knete, die man vor dem Gebrauch anwärmen muss
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Beitragvon Ragnar » 31.01.2009 01:33

Dadurch kam ich darauf und durch meine Beobachtungen. Was man mit frischer Rinde machen kann, hatte ich schon erwähnt. Als Funier für ist es aber auch sehr schön. Wie ich gelesen hab, auch als Bogenbacking gebräuchlich.
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