Diverse Fragen zum Hausbau

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Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon Falke » 09.09.2011 14:18

Hej Leute,

wie einige von euch schon mitbekommen haben, sitze ich gerade an meiner Bachelorarbeit und versuche, den Zeitaufwand für den Bau verschiedener Häuser zu berechnen. Da ich als typischer Student erst anfange zu arbeiten, wenn's eigentlich schon zu spät ist, habe ich das ganze etwas schleifen lassen, aber jetzt habe ich endlich konkrete Fragen:

Kann mir hier irgendwer Zeitangaben oder Literaturhinweise geben für
-> das Fällen von Bäumen mit verschiedenen Werkzeugen bzw. Materialien (Steinbeil, Bronzebeil, Eisenbeil etc), möglichst mit Stammdurchmesser und Art des gefällten Baumes?
-> das Graben eines Pfostenloches (vielleicht bin ich blind, aber ich habe bisher keine Literatur gefunden in der das drinsteht, immer nur "Erdarbeiten", was meistens Wandgräben mit einschließt), auch hier für verschiedene Tiefen/Durchmesser und verschiedene Geräte?
->das Spalten von Baumstämmen zu Spaltbohlen?
->das Erstellen einer Flechtwand sowie das Verkleiden einer solchen mit Lehm?
->das Zuschlagen von Pfosten (unteres Ende Anspitzen, evtl. im Feuer härten...)?
->das Ernten von Stroh oder Schilf fürs Dachdecken (am besten mit qm-Angabe der zu deckenden Fläche, dann kann ich es umrechnen in Zeit pro qm)?

Bin für jeden Hinweis total dankbar, momentan habe ich die Beschreibungen von Lejre am Wickel, Luley habe ich auch schon ausgewertet (da sind aber einige komische Sachen drin, z. B. braucht er für eine 30-cm-Eiche weniger lang als für eine 25-cm-Eiche (Stammdurchschnitt)... fällt das einfach unter Messfehler ?)

Liebe Grüße,

Falke
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon FlintSource » 09.09.2011 20:57

Hallo Falke,

Mit Hausbau habe ich mich bislang nicht sehr beschäftigt, mit dem Umhauen und zerlegen von Bäumen aber in letzter Zeit ziemlich intensiv. Für deine Zwecke empfehle ich folgende Publikationen:

Arnold 2003: B. Arnold, Haches en pierre, en bronze et en fer: abattage expérimental de gros chênes destinés, en particulier, à la construction des pirogues. Archäologie der Schweiz 26-4, 43-45.
Vergleich von der Effektivität von Stein, Bronze und Eisenbeilen und Säge, die Publikation steht online, einfach googeln. Beachte aber, dass der mit dem Steinbeil gefällte Baum sehr viel größer war und es deshalb wohl deutlich länger gedauert hat (im Vergleich mit unserem Eiche aus Ergersheim aber immerhin noch ziemlich flott)

Holsten/ Martens 1991: H. Holsten/K. Martens, Die Axt im Walde. Versuche zur Holzbearbeitung mit Flint-, Bronze- und Stahlwerkzeugen. In: M. Fansa (Hrsg.), Experimentelle Archäologie. Bilanz 1991. Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, Beiheft 6. Oldenburg 1991, 231-243.
Deutliche Angaben zu benutztem Werkzeug, Zeitaufwand usw. Nur ein Haken bei solchen Experimenten: Sie dokumentieren auch eindeutig den Geschick von den Teilnehmern, was von Person zu Person ziemlich variieren kann. Zudem werden die vorgeschichtliche Holzfäller deutlich erfahrener gewesen sein.

Jørgensen 1985: S. Jørgensen, Tree-felling with original neolithic flint axes in Draved Wood. Report on the Experiments in 1952-54. Kopenhagen 1985.
Nettes Büchlein, aber gut lesen: Die sind erst nach der ersten Saison dahinter gekommen wie man eine Flintaxt richtig verwendet, was sich auch zeigt bei dem Zeitaufwand.

Lobisser 1998: W. Lobisser, Die Rekonstruktion des linearbandkeramischen Brunnenschachtes von Schletz. Materialien zur Bodendenkmalpflege im Rheinland, Internationales Symposium Erkelenz, 27. bis 29. Oktober 1997. Köln, Bonn, 177-192.

Lobisser 1999a W. Lobisser, Zum Nachbau eines linearbandkeramischen Brunnenkastens mit Werkzeugen aus Holz, Stein und Knochen. Experimentelle Archäologie in Deutschland, Bilanz 1997, Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, 27-41.
Nachdruck 2005: Zum Nachbau eines linearbandkeramischen Brunnenkastens mit Werkzeugen aus Holz, Stein und Knochen. In: Von der Altsteinzeit über “Ötzi” bis zum Mittelalter. Ausgewählte Beiträge zur Experimentellen Archäologie in Europa von 1990 - 2003. Experimentelle Archäologie in Europa, 241-254.

Lobisser 1999b W. Lobisser, Versuche zur Rekonstruktion des frühneolithischen Brunnenschachtes von Schletz. Archäologie Österreichs, 39 ff.

Alle drei Aufsätze von Lobisser haben etwa den gleichen Inhalt und die Zeitangaben sind, glaube ich identisch. Hier ganz wichtig weil meistens unterschätzt: Das Abtrennen derKrone und das Ablängen der Bauhölzer. Hier auch die gesuchten Angaben zu der Herstellung von Spaltbohlen. Es handelt sich zwar um einen Brunnen, es sind aber die besten experimentellen Angaben zur neolithischen Holzbearbeitung die ich bislang gesehen habe.

Grüße,
Rengert
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon ulfr » 09.09.2011 22:33

Genau! In den Bilanzen der ExpArch findest Du noch mehrere Artikel, auch in der Bibliographie (1994, aber als Grundlage brauchbar, ISSN 0170-5776.
Bist Du des Welschen mächtig, empfehle ich Petrequin 1991: Construiere un maison 3.000 ans avant J.C.
Reetschneiden: wende Dich doch an einschlägige Dachdeckerbetriebe, zumindest als Anhaltspunkt, mehr können Dir heutige Experimente auch nicht liefern.
Spaltbohlen? Wie lang, wie dick, welches Holz, womit, gab es gestern Gerstensaft oder Gerstenbrei, ists ein Papalangi oder ein tømmremænd?, regnets oder ist es bulleheiß? So viele Faktoren ...
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon Falke » 13.09.2011 16:45

Wow, Danke erstmal!
@ ulfr: Construire une maison hatte ich auch schon drin, hatte ich nur vergessen zu erwähnen. Bei den Dachdeckerbetrieben war ich mir unsicher, was die VErgleichbarkeit angeht. Luley schreibt auch, dass er bei der "Ernte" des Reets Angaben moderner Handwerker übernimmt, aber müsste es nicht bei Flintgeräten z. B. wesentlich langsamer gehen?
Viele Grüße,

Falke
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon Hans T. » 13.09.2011 16:47

Weil....?
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon Falke » 13.09.2011 17:48

Voreilige Rückschlüsse :D
Nee, mal im Ernst, mit Flintbeilen fällt es sich doch auch langsamer als mit 'nem modernen Beil oder nicht??? Daher war ich etwas verunsichert, dass Luley die Sicheln alle in einen Topf schmeißt. Gibt es dazu irgendwelche Experimente, die diese Effektivität belegen?
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon Hans T. » 13.09.2011 18:11

Nur eigene Erfahrung auf sehr schmaler Basis und ohne wirklichen Experiment-Charakter. Gerade die Sicheln sind hochspezialisiert und teilweise ergonomischer als metallene Exemplare. Sicherlich fällt mal ein Flint aus der Schäftung, der Verschleiss dürfte höher sein, aber die Schnittzeit dürfte nicht geringer sein. Die Frage ist eher: Welches Material?
Reet steht nicht überall, von einem Anbau ist nicht auszugehen. Erntewege dürften dazu auch nicht angelegt gewesen sein. Strohdeckung ist auch anzunehmen, aber man müsste anders ernten als "normal". Bei einer Sichelernte schneidet man eher in Armhöhe, das Stroh wäre zu kurz. Kurz über dem Boden zu schneiden wie bei der Sense ist tatsächlich eher aufwendig (gilt natürlich auch für andere Grasarten=Reet). Auch die mittelalterliche Methode, die Halme inkl Ähren (nach der Drusch) aufzubinden, kann ich nicht sofort nachvollziehen, da die Dreschmethode halt nicht wirklich bekannt ist. Bleibt also die Frage, wurde tatsächlich mit nur mit Gräsern und Reet gedeckt? Der Reet-Nachweis ist ja auch so eine Sache....ab wann ist Reet wirklich nachgewiesen? Bleibt noch Schindeln (hmmmm) und Rinde....

H
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon FlintSource » 13.09.2011 19:38

Genau, die leidige Frage der Dachdeckung. Für meine Abteilung (LBK) möchte ich Reed sicher ausschließen und auch von Stroh bin ich nicht überzeugt, weist doch alles darauf hin, dass nur die Ähren geerntet wurden. Und dann ein zweites Mal auf Knien übers Feld? Rinde und Schindeln scheinen mir tatsächlich plausibler.

Und was die Geschwindigkeit von Steinbeil gegenüber Stahlaxt angeht:

“In 1926 when I was working in a petroleum refinery on the east coast of Borneo, the Governor-General of the Dutch East Indies visited the place called Balik Papan and the delegations of the native Dajak tribes from the interior came to pay him homage. Some of these Dajaks still used stone axes, and so we arranged a tree-cutting contest between them and the Chinese wood-cutters who worked for us with modern tools to fell trees for the box factory of our refinery. The Dajaks had attached their stone axe-blades to a piece of bamboo which gave the axe a good flexibility and they chopped down a tree by forming a V-shaped incision. At each blow (from the elbow) they slightly turned the axe so as to cut along one of the two sides of the V-shaped incision. The blows were fairly rapid. The objects selected were two 15" [c. 38 cm] trees of a kind called "tjemara" in the Malay language, a fairly tough pine-like timber. To our great astonishment the two Dajalzs took only ten minutes to cut it down against 15 minutes for the Chinese with their modern American steel axes. One of the holdups of these modern wood-cutters was the extreme sharpness of their tool, which with the blow given from the shoulder drove the axe too far into the wood and caused some effort to extract,the axe for the next blow. The Dajaks hammering the trunk with a series of sharp blows from the elbow and at much shorter intervals managed to drive their V-shaped incisions through the trunk much quicker.” P. 26 in

A. Steensberg New Guinea Gardens. A Study of Husbandry with Parallels in Prehistoric Europe, Academic Press, London/New York, 1980
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon ulfr » 14.09.2011 12:19

:mammut2: :keil:

Bezüglich der Rindendeckung schließe ich mich den Vorrednern an, ich glaube nicht so recht an Reet, erst recht nicht an Stroh. Das früheste nachgewiesene Strohdach stammt aus der dänischen Eisenzeit, wenn ich mich recht erinnere.
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon Blattspitze » 14.09.2011 13:07

Das Thema ist sehr interessant. Ohne den Fred kapern zu wollen, einige Beispiele für Rindenhäuser aus Nordamerika, die in grob vergleichbaren Klimazonen erbaut wurden:

Sauk and Fox -Rindenhaus:
Bild

Ioway -Rindenhaus (chakiruthan)
Bild
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Quelle: http://ioway.nativeweb.org/culture/lodgings.htm

Chippewas oder Ojibway:
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Quelle: http://www.d.umn.edu/cla/faculty/troufs ... /PB05.html

Quapaw:
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Quelle: http://www.cr.nps.gov/history/online_bo ... /chap1.htm

Iroqois:
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Quelle: http://www.gutenberg.org/files/2873/2873-h/Chap12.html
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Quelle: http://www.ask.com/wiki/Native_American_long_house
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon Hans T. » 14.09.2011 16:16

Soweit muss man gar nicht gehen. Bayerische Holzknechte haben bis in 20. Jhd hinein sich Unterstände aus Rinde gebaut. Irgendwo hab ich noch ein Foto aus dem Holzknechtmuseum bei Ruhpolding...

H
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon FlintSource » 14.09.2011 20:39

@Blattspitze: Danke für die herrlichen ethnografischen Bilder. Ich liebe Langhäuser mit fünf Herdstellen in den dreißig und mehr Menschen wohnen. Und in den LBK-Häusern soll eine viktorianische Kernfamilie gewohnt haben? Aber mit Verlaub: Die meisten Beispiele sind doch eher etwas für eine Diskussion über das Aussehen und die Konstruktion von magdalenienzeitlichen ‚Zelten’ (und das meine ich nicht unseriös). Ich bevorzuge für die Wände von bandkeramischen Häusern nach wie vor Flechtwerk mit Lehm. Aber vielleicht dienen die Längsgruben auch nur für das Einweichen von Rinde, damit es einfacher verarbeitbar wird. :D :D

@Hans: Genau, ich habe davon mal etwas in einem Katalog gesehen. War bislang noch nicht dort, vielleicht im nächsten Jahr wenn es unbedingt mal wieder in Richtung Hallstatt gehen soll.
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon Falke » 22.09.2011 12:29

Jaaa, Reet oder nicht...
Ich habs erstmal in die Überlegungen mit 'reingenommen, die Rinde aber auch.
Kennt jemand noch Daten oder Literatur zu Flechtwerkwänden? Also wie lange das dauert? Da habe ich bisher nämlich noch recht wenig.

Liebe Grüße,
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon ulfr » 22.09.2011 13:01

Wir haben für 1 qm Flechtwerkwand - aufrechte Staken, Weidenruten DM ca 1,5 cm - etwa 1 Stunde gebraucht, allerdings mit erhöhten Schwierigkeitsgrad, da eine Seite schräg war (Giebel), wir also die Enden der Ruten zwischen eine Sparrenzange einpassen mussten und wir die Staken sehr eng gesetzt hatten. Wie schon oben geschrieben: das sind alles nur vage Richtwerte, da unglaublich viele Faktoren die Arbeit und die benötigte Zeit beeinflussen ...
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Re: Diverse Fragen zum Hausbau

Beitragvon Hans T. » 22.09.2011 14:12

Bei uns war das langwierigste das Schlagen der Aufnahmelöcher für die Staken, das Einflechten ging zackig. Hat man nicht nur "oben" Löcher, sondern auch ggf einen Balken unten, dauerts schon doppelt so lang.
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