Bronzene Rasiermesser - Experimente?

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Bronzene Rasiermesser - Experimente?

Beitragvon ulfr » 22.01.2011 11:46

Werte Gemeinde,

hat jemand Literatur über Versuche mit bronzenen "Rasiermessern"? Sind die bronzezeitlichen sog. Rasiermesser evtl. zum Entfleischen, bzw. entfetten, also bei der Hautverarbeitung ("Gerberei") eingesetzt worden?

Die beiden Aufsätze aus den ExpArch-Bilanzen 1990 und 1991 von D. Vorlauf kenne ich.

Vielen Dank schon mal und schönes WoE
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Beitragvon Hans T. » 22.01.2011 16:47

Was anderes kenn ich auch nicht. Rein vom persönlichen Handling her kann ich mir einen Einsatz bei Gerberei etc schon sehr gut vorstellen, ich frag mich nur, wie die eigentliche Verteilung in Gräbern ist - und die deutet meines geringen Wissens nach schon eher in Richtung Toiletteartikel, auch wg der teilweise geringen Größe und der langen Laufzeit der Form bis zu den 'öme'. Gleichwohl würde ich mir eher Mensurnarben als den eine babyhinternglatte Wange damit erzielen.

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Beitragvon Thomas Trauner » 24.01.2011 10:17

Leider kenne ich auch nur diese Artikel.
Da sind nach meiner Beobachtung, die unvollständig ist, sich doch in Männerngräbern finden, denke ich doch an ein "männlichen" Toilettezubehör.
Ich gehe davon aus, dass die Gerberei nicht geschlechtsspefizisch ist.

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Beitragvon Steve Lenz » 24.01.2011 10:44

Am Federsee hat man "experimentell" mit einer Replik vorzüglich Fische filetiert, aber dies kann man nach eigener Erfahrung mit jedem schneidenden Gegenstand.

Und ich hab mich mal aus Jux und Dallerei mit einer anderen Buntmetall-Replike mal rasiert. Die runde oder zumindest stark gebogene Form macht durchaus Sinn: Mann kommt mit einem Schliff einmal rund ums Kinn. Gleiches gilt für die beidseitig geschliffenen trapezförmigen Typen.
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Bronzerasiermesser

Beitragvon Peter F. Walter » 29.01.2011 17:53

Hallo Wulf,

ich werde Dir per mail zwei pdf's über meinen eigenen Rasiermesserversuch von 1997 schicken. Da Ruoff, Vorlauf u. Co. schon darüber geschrieben hatten, verzichtete ich auf einen Artikel.
Also, ich sollte nicht entfleischt, gegerbt, filetiert oder entfettet werden (obwohl gewisse Körperzonen das nötig hätten...), es ging schlicht darum einen 4-Wochen Bart zu rasieren. Wir testeten unterschiedliche Klingenformen und es ging ohne Verletzungen ab. Als Gleitmittel nahmen wir Schwarzwälder Schinkenspeck und nach 45 Minuten hatte der Barbier mich weitgehend rasiert.
Das beweist zwar, dass es geht, aber natürlich kann man mit diesen Messer auch anderes schneiden: Käse, Schinken, Vorhäute, na da gibt es wohl kaum Grenzen. Vielleicht nur noch ein Hinweis: in der modernen Lederverarbeitung sind Messer mit einer halbmondförmigen Klinge geläufig, die besten wurden bei Blanchard in Paris im 19./20. Jh. gefertigt. Mit diesem wiegemesserartigen Messern schnitten Schuster das Leder zurecht.

Beste Grüsse

Peter F. Walter
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Beitragvon Blattspitze » 29.01.2011 19:21

Dies habe ich beim guckln gefunden:
"In an experiment using a copy of the Pollacorragune razor cast by Mr. Fergus O'Farrell, ...... C. M. 1946 The Late Bronze Age Razors of the British Isles"
leider nichts weiteres ...

Interessant sind die manchmal engen Fund-Vergesellschaftungen mit Pinzetten, etwas was tatsächlich eher für Toilettenartikel spricht.
Neil Burridge hat mir ja mal die komplette Metallausstattung einer Bestattung aus Morsum nachgegossen, darunter auch dicht zusammengefundene Rasiermesser/Pinzette. Hier das Rasiermesser mit dem man (sich) tatsächlich schneiden kann.
Bild
Das Original steckte in einem Lederfutteral, wie sie wohl häufiger beobachtet wurden.
Behältnisse aus Holz sind auch bekannt:
http://ads.ahds.ac.uk/catalogue/adsdata ... 73_174.pdf
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Beitragvon Blattspitze » 29.01.2011 19:40

Etwas off topic, aber ich kann nicht widerstehen:
http://www.youtube.com/watch?v=QWSTE6WL ... re=related
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Beitragvon ulfr » 30.01.2011 13:16

Danke! Wir hatten hier mal eine Diskussion, ob man sich mit Flintklingen rasieren kann, mit Obsidian scheint es zu gehen. Gut finde ich seine Ermahnung, keinen Quatsch mit Steinmessern anzustellen.

Was ich nur immer wieder nicht verstehe, ist, warum die Ami-survival-primtive-skill-Typen ständig so rumlaufen, als würden sie gleich aus dem Hubschrauber in den Dschungel abgeworfen ...
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Beitragvon XorX » 30.01.2011 21:27

ulfr hat geschrieben:
Was ich nur immer wieder nicht verstehe, ist, warum die Ami-survival-primtive-skill-Typen ständig so rumlaufen, als würden sie gleich aus dem Hubschrauber in den Dschungel abgeworfen ...

Vll, weil sie gleich aus dem Hubschrauber in den Dschungel abgeworfen werden ... :D

Spaß beiseite: Man kriegt jedes butterweiche Stück Bronze- oder Eisenblech so scharf, daß man sich damit rasieren kann. Die Frage ist nur, wie lange...
Will sagen, sind solche Bronzemesser mal auf ihre Gefügestrukturen hin untersucht worden? Hinsichtlich Härte und Festigkeit. Bei einigen späteren Eisensachen hat sich da ja schon mal überraschendes gezeigt...

X
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Re: Bronzene Rasiermesser - Experimente?

Beitragvon Roeland Paardekooper » 16.03.2011 22:28

DRESCHER, Hans (1963) "Untersuchungen der Technik einiger bronzezeitlicher Rasiermesser und Pinzetten". Die Kunde. Neue Folge, 125-142.
Unsere Arbeit ist ernsthaft, aber wir brauchen nicht Ernsthaft zu sein wenn wir arbeiten" (our work is serious but we don't need to be serious while working)
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