Der "Trinkhorn-Mythos"

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Beitragvon Ragnar » 20.06.2008 19:51

Wäre wirklich erstaunlich! Aber vieleicht verrottet es nicht so schnell oder rückstandslos? Denn die Haltung von Rindern ist garnicht so einfach, vorallem, wenn man auch noch züchtet. Eine Kuh oder ein Ochse geht ja noch, aber einen Bullen zu halten, ist mit viel Aufwand und ohne Personal nicht einfach zu bewältigen. Da reicht ein einfacher Zaun nicht.
Deshalb halte ich es für ausgeschlossen, das Jedermann ein Rinderhorn als
Trinkgefäss hatte.
Für die Zucht stelle ich mir eine grössere Gemeinde, einen Clan, oder einen
reichen Bauern mit entsprechendem Personal vor. Das war sicher nichts für einen kleinen Hof.
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Beitragvon Nils B. » 20.06.2008 20:10

Hier sollte man auch noch mal in die Zoologie gehen, und schauen, was für Rinder es damals gab. Wenn ich mich recht entsinne waren die domestizierten Rinderrassen in Westeuropa noch bis ins Hochmittelalter hinein eher klein und bei weitem nicht so schwer und kräftig wie heutige Rassen. Das macht die Haltung vielleicht einfacher.
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Beitragvon Nika E.S. » 20.06.2008 20:57

Kommt auf das 'damals' an. Latenezeitlich waren die Rinder grössentechnisch sozusagen auf dem Tiefpunkt.
Ab der Römerzeit wurden sie wieder größer, da diese auch bei uns ihre Tiere mitbrachten - sog. Verdrängungszucht betrieben.

Allerdings kommen die römischen Rinder natürlich auch nicht an unsere heutigen ran.
Bei Bedarf machen wir mal nen Threat darüber... wenn wir nicht eh schon einen haben, und ich scanne mal ein paar Tabellen dazu. :-)
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Beitragvon Nils B. » 20.06.2008 21:01

V.E. Jell hat geschrieben:Allerdings kommen die römischen Rinder natürlich auch nicht an unsere heutigen ran.
Bei Bedarf machen wir mal nen Threat darüber... wenn wir nicht eh schon einen haben, und ich scanne mal ein paar Tabellen dazu. :-)


Volle Zustimmung meinerseits. Wenn's um Steaks geht bin ich immer dabei. Auch wenn sie einen noch nachdenklich angucken :razz:
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Beitragvon Nika E.S. » 20.06.2008 21:37

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Beitragvon Ragnar » 21.06.2008 01:20

Trotz der geringeren Grösse, gebe ich aber immernoch zu bedenken, dass man es trotzdem mit rund 500 Kg. Masse zu tun hat. Bedenkt bitte, dass es hier damals noch ganz anders ausgesehen hat.
Was die Hornfunde angeht: Man würde auch heute, einer hochstehenden Person, nicht etwas Banales und sei es auch vergoldet, ins Grab legen.
@ Bathanatos
Da Rinder damals selten zur Fleischerzeugung und mehr zum Arbeiten gehalten wurden, hättest Du gut und lange was zu kauen.
Mir fallen da die Beefeater ein, die den Tower bewachen. Die wurden mit diesem billigem, zähem Zeug gefüttert.
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Beitragvon Beate » 21.06.2008 07:30

Ragnar hat geschrieben:So, jetzt mal wieder der Praktiker. Wenn ich Durst hab, wo geh ich dann hin?
Heute nicht mehr so das Problem, damals aber war ich von einem Gewässer abhängig, wo ich meine Trinkflasche ( Beutel) füllen konnte. Gesetzt den Fall, dass ich nicht in der Nähe meines Hauses unterwegs war, dass sowieso in
der Nähe vom Wasser stand. Wenn ich aber eine Wasserflasche(Beutel hab,
wozu brauch ich dann ein Trinkgefäss ? Wenn ich mich auf meinem Hof aufhalte, werde ich alle verfügbaren Behälter, aus denen ich trinken kann( einschliesslich meiner Hände) nutzen. Warum nicht auch ein Horn?
Unterwegs, ein kleiner Schluck aus einer Quelle,..... warum nicht?
Bruchsicherer als ein Tongefäss und leichter zu beziehen als ein entsprechendes Holzgefäss allemal.


Das denke ich nicht. Warum soll ein Horn leichter zu beschaffen sein? Wenn ich mir die Anzahl der Funde von Keramik- und Holzbechern im Vergleich zu Trinkhörnern angucke, komme ich zu einem anderen Ergebnis.
Keramik- und Holzbecher sind für fast jeden Haushalt leicht selbst zu fertigen und schnell ersetzbar.

Und wie häufig ist die Situation, dass der Kelte oder Germane im Wald herumschweift und etwas trinken will? So häufig, dass dafür die Anschaffung/Fertigung eines extra Trinkgefässes notwendig ist, nur für den Zweck Wasser aus einem Fluss oder einer Quelle zu schöpfen? Reichen für den Schluck Wasser nicht auch mal einfach die Hände?

Ich würde auch nicht aus der Verfügbarkeit von Rinderhörnern auf Trinkhörner schliessen. Vielleicht waren andere Sachen, die man aus dem Horn fertigen kann, viel wichtiger. :wink:
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Beitragvon Nils B. » 21.06.2008 08:41

Ragnar hat geschrieben:Mir fallen da die Beefeater ein, die den Tower bewachen. Die wurden mit diesem billigem, zähem Zeug gefüttert.


Sofern ich weiß ist Beefeater die verballhornte, anglophone Version von französisch Buffetier und hat demnach mit Rindern nix zu tun, so wie übrigens auch die arme Rotten Row in London ursprünglich die Rue de Roi war :wink:
Aber das sollten wir wohl nicht in diesem Thread diskutieren...
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Beitragvon Ragnar » 21.06.2008 10:38

@ Beate: Eine Sache von Verfügbarkeit. Wenn ich genug Vieh hab ( Schafe oder Ziegen) das zum grössten Teil zur Milch oder Fleischgewinnung gehalten wird, hab ich auch genügend Schlachtabfälle. Da gehört das Horn dazu.
Wenn dann jedes Messer einen Horngriff, alle einen Hornkamm und alles was man sonstnoch daraus machen kann, gefertigt ist, bleibt bestimmt noch das ein oder andere Horn übrig. Bei einer Dorfgemeinschaft mit etwa 20 Alttieren ( tiefgestapelt) sind etwa 8 Jungtiere p.A. denkbar. Das sind 16 Hörner.Oder hat man erst, wenn das Trinkhorn einen Riss bekommen hat, etwas anderes daraus gemacht? :?:
Die blossen Hände hatte ich ja mit einbezogen.
@ Bathanatos
Die Story hatte eine Fremdenführerin erzählt und sie klang sehr überzeugend. Vorallem wenn man die damaligen Verhältnisse kennt und die Ernährung der normalen Soldaten um diese Zeit. Von der übrigen Bevölkerung ganz zu schweigen.
Hab hier übrigends ein schönes Rezept für Dich ( wenn ich ausnahmsweise mal ein bisschen Unsinn, in diese ansonsten ernst zu nehmende Diskussion
schreiben darf). Man lege ein schönes Stück (ca. 2 Kg) Rindfleisch in einen
Topf Wasser, lege einen etwa faustgrossen Stein hinzu. Dieses koche man , bis der Stein weich ist. Das Fleisch braucht dann noch etwa eine Stunde. Mit etwas Salz und Gewürzen (wenn zur Hand) abschmecken. Guten Appetit!
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Beitragvon Nika E.S. » 21.06.2008 11:00

@Ragnar:
Stimmt schon, Schweineknochen sind v.a. in Frühmittelalterlichen Siedlungen häufiger, allerdings nicht um so viel mehr als daß man eine reine 'Schweinefleischesser-Gesellschaft' folgern könnte. Hochgerechnet auf das Fleischgewicht hält es sich etwa die Waage... Es gibt natürlich noch regionale Unterschiede.
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Beitragvon Fredewulf » 22.06.2008 15:32

So jetzt spricht der Praktiker:
Also ich habe schon ein paar mal die Hörner zweijähriger, also schlachtreife, Rinder ausgekocht. Das dauert schon ein paar Stunden auch dem Elektroherd. Am Ende konnte ich die Hörner von ihrem merkwürdigen Innenleben trennen. Sie bieten Platz für 0,1 Liter Flüssigkeit. :roll:
Es handelte sich um Kreuzungstiere heute üblicher Fleisch- und Milchrinder.
Die Hörner wachsen zwar im Alter noch ein wenig, aber nur ein wenig. Bei einer alten Kuh können es dann schon 0,2 Liter werden.
Die meisten heutigen europäischen Rinderrassen haben relativ kleine Hörner, Ausnahmen sind natürlich das Highland-Rind und die ungarischen Steppenrinder.
Von Tacitus wissen wir ja, dass auch die Rinder der germanischen nicht nur kleiner als die römischen waren sondern auch deutlich kürzere Hörner hatten.
Für ein großes Horn musste der Germane also doch einen Auerochsen erlegen oder wenigstens ein Zebu. :twisted:
Es ist dann die Frage inwieweit Hörner in Hausrindgröße belegt sind. Über das Ziegenhorn aus Köln muss ich immer noch stauen. :razz:
Sternchenzwirn ist allmächtig. :nähen:
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