Der Schöninger Wurfstock

Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon Blattspitze » 21.04.2020 09:11

Neues aus Schöningen:
" ... ein Fund, der bereits 2016 im Braunkohletagebau Schöningen (Niedersachsen) gemacht wurde. Es handelt sich um ein Fichtenholz mit einer Länge von 64,5 Zentimetern, in der Mitte hat es einen Durchmesser von 2,9 Zentimetern und wiegt 264 Gramm. Wissenschaftler vom Senckenberg-Zentrum für menschliche Evolution und Paläoumwelt der Universität Tübingen und der Universität Liège (Belgien) haben darin ein Wurfholz erkannt, mit dem frühe Menschen Großwild wie Pferde trieben oder auf Vogeljagd gingen. Ihre Analyse stellen die Teams jetzt im Fachmagazin „Nature Ecology & Evolution“ vor."

https://www.welt.de/geschichte/article2 ... affen.html

"Durch die Bearbeitung rotierte sie wie ein Bumerang um ihren eigenen Schwerpunkt, kehrte allerdings nicht zum Werfer zurück. Sie erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 30 Metern pro Sekunde und war also eine Art rasender Rotor, der am Ufer des Sees, den es damals am Fundort gab, wohl in erster Linie bei der Jagd auf Enten und Schwäne zum Einsatz kam."
https://www.spiegel.de/wissenschaft/men ... 8e60eea69c
https://www.nature.com/articles/s41559-020-1139-0
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon Monolith » 21.05.2020 18:52

Ob die Teile dann schwimmen, so dass man sie nach dem Wurf wieder aus dem See fischen kann? Diese Geräte müssten sich doch einfach nachbauen lassen, um sie mal zu testen, oder?
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon ulfr » 22.05.2020 09:04

Monolith hat geschrieben:Ob die Teile dann schwimmen


Fichtenholz hat eine Rohdichte (walddrisch) von 750 - 850 kg/m3, schwimmt also so gerade eben. Lufttrocken wiegt es nur noch 450 kg, dann schwimmt es sicher.
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon Monolith » 22.05.2020 10:10

ulfr hat geschrieben:
Monolith hat geschrieben:Ob die Teile dann schwimmen


Fichtenholz hat eine Rohdichte (waldfrisch) von 750 - 850 kg/m3, schwimmt also so gerade eben. Lufttrocken wiegt es nur noch 450 kg, dann schwimmt es sicher.


Aha, danke ulfr, also damit war es möglich, sie wieder einzusammeln.
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon MartinH » 22.05.2020 18:39

Ich lese gerade im Wikipedia-Artikel dazu:

Zweifel an der Funktion des Holzartefakts als Wurfstock äußerte die Paläoarchäologin Sabine Gaudzinski-Windheuser vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, die nicht an den Untersuchungen beteiligt war. Sie erwartete signifikante Einschlagspuren an den Enden des Stocks und nicht im Mittelteil.


Das klingt doch eigentlich nach etwas, was sich experimentalarchäologisch recht gut testen lassen sollte?
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon Monolith » 22.05.2020 19:41

MartinH hat geschrieben:Ich lese gerade im Wikipedia-Artikel dazu:

Zweifel an der Funktion des Holzartefakts als Wurfstock äußerte die Paläoarchäologin Sabine Gaudzinski-Windheuser vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, die nicht an den Untersuchungen beteiligt war. Sie erwartete signifikante Einschlagspuren an den Enden des Stocks und nicht im Mittelteil.


Das klingt doch eigentlich nach etwas, was sich experimentalarchäologisch recht gut testen lassen sollte?


Das denke ich auch. Es klingt aber auch ein wenig so, als hätte sie den Wikipedia-Eintrag selbst verfasst. :razz:
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon ulfr » 23.05.2020 10:33

Sie erwartete signifikante Einschlagspuren an den Enden des Stocks und nicht im Mittelteil.


:mammut1:

Wenn ich einen solchen Stock an einem Ende fasse und werfe, dann dreht der sich, selbst wenn ich ihn in der Mitte fasse und wie einen Speer werfe. Für eine stabile geradlinige Flubahn ist er viel zu kurz. Wenn das Teil dann bei einem Fehlwurf einen Baum, einen Stein oder sonstwas trifft, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags und die damit verbundene Spurenerzeugung für alle Stockbereiche gleich groß, oder? (Mathegenies vor!)

Gut, wenn ich über genügend Erfahrung verfüge und die Rotation des Stocks berechne wie ein Messerwerfer im Zirkus, dann mag es sein, dass die Spitze trifft. Aber dann trifft sie auf Gewebe, bestenfalls Knochen, und Knochen von Vögeln und Kleinsäugern sind von Natur aus fragil. Da wären dann ja wohl keine massiven Spuren zu erwarten, eher dann, wenn der Wurf daneben geht ... (?)

Meine zwei Stöckchen :3:
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon Monolith » 23.05.2020 10:58

Guter Einwand. Das klingt logisch.
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon MartinH » 23.05.2020 11:00

Ein geübter Axtwerfer wirft die Axt so, dass sie bis zum Ziel eine definierte Anzahl von Rotationen durchläuft und das Ziel dann genau mit der Schneide trifft. Es wäre dann nur eine Frage der Übung (und der guten 3D-Wahrnehmung für das Abschätzen des Abstands) um den Stock so zu werfen, dass er mit der gewünschten Stelle das Ziel trifft. Und wenn das die Mitte ist (was Sinn machen würde, denn die ist am robustesten ausgeführt), dann klingt es für mich vernünftig, wenn da auch die meisten Einschlagspuren sind. Das spräche dann einfach für einen geübten Jäger.

Experimentell interessant wäre aber vielleicht das Einschlagsmuster, das sich beim weniger kontrollierten Wurf ergibt, wenn man also nicht auf die Rotation achtet (oder wenn man das Kaninchen verfehlt hat und der Stock ein paar Meter dahinter einen Baum trifft). Intuitiv würde man da ja erstmal eine gleichmäßige Verteilung erwarten, aber darauf wetten würde ich nicht.
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon ulfr » 23.05.2020 12:49

Na, auf jeden Fall sehe ich uns schon nächstes Jahr in Ergersheim Stöckchen werfen. Ich komme gut an Fichte ran und werde da mal was vorbereiten :mammut2:
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon Monolith » 23.05.2020 14:02

Super, ulfr! Brauchen wir also nur noch ein paar Enten... :twisted:
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon Blattspitze » 25.05.2020 15:06

ulfr hat geschrieben:Wenn das Teil dann bei einem Fehlwurf einen Baum, einen Stein oder sonstwas trifft, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags und die damit verbundene Spurenerzeugung für alle Stockbereiche gleich groß, oder?

Dürfte auf verschiedene Faktoren ankommen, Wald und Gerölloberflächen und horizontal zum Boden geworfen vs Wiese, Tundra und vertikal zum Boden?
Hier kann man das Objekt genauer angucken (die Enden scheinen auch beschädigt zu sein):
https://www.researchgate.net/publicatio ... of-the.png
https://www.researchgate.net/publicatio ... an_hunting
Das Stück soll stark den tasmanischen Wurfstöcken gleichen

Und hier Prof. N. Conard dicht am (Be-)Fund:
https://www.youtube.com/watch?v=8nM3KZ1yZDM
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon MartinH » 28.06.2020 23:15

Frage eines lernwilligen Greenhorns in Sachen experimentelle Archäologie: So einen Wurfstock herzustellen klingt ja zunächst nach einer lösbaren Aufgabe für einen Anfänger, deshalb würde ich das gerne probieren. Wie würdet ihr das angehen bzw. wie müsste ich das machen, damit es nicht wieder eine "bezuglosen Bastelei" ;-) wird?

Mein Ansatz wäre, erst einmal ein Homo-heidelbergensis-gemäßes Steinwerkzeug herzustellen und dann einen passenden Fichtenast damit in Form zu bringen. Parallel dazu würde ich mir für ballistische Versuche ein paar Exemplare mit modernen Werkzeugen bauen. Klingt das vernünftig?
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon ulfr » 29.06.2020 10:23

FIDO: go!
CAPCOM: go!
:D
Das klingt sehr gut, genauso würde ich es auch angehen. Wichtig: Formuliere eine konkrete Fragestellung und alle Deine Schritte zur Beantwortung. Dokumentation ist alles! Auch wenn das Ganze erstmal kein naturwissenschaftliches Experiment im strengen Sinne ist - alles, was im Vorfeld geschieht, gehört schon dazu.

Als grundlegende Lektüre empfehle ich:

Wagner, G.A. e.a. (Hrgs.)2007: Homo Heidelbergensis. Stuttgart: Theiss Verlag

mit Abbildungen von Steinwerkzeugen, einer Kulturgeschichte des Werfens u.v.m.

Sicherlich spannend wären high-speed-Aufnahmen der ballistischen Versuche.

Gutes Gelingen!
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Re: Der Schöninger Wurfstock

Beitragvon Blattspitze » 06.07.2020 13:29

MartinH hat geschrieben:... damit es nicht wieder eine "bezuglosen Bastelei" ;-) wird?

Mein Ansatz wäre, erst einmal ein Homo-heidelbergensis-gemäßes Steinwerkzeug herzustellen und dann einen passenden Fichtenast damit in Form zu bringen. Parallel dazu würde ich mir für ballistische Versuche ein paar Exemplare mit modernen Werkzeugen bauen. Klingt das vernünftig?

Das klingt ganz ausgezeichnet, kann man Dich mit Abschlägen unterstützen? :18:
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