Fränkische Wurfaxt in Gmunden, OÖ???

Träger der Kulturen der Völkerwanderungszeit bis zu den Anfängen des frühen Mittelalters

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Fränkische Wurfaxt in Gmunden, OÖ???

Beitragvon MartinFasching » 29.12.2011 19:10

Hallo Forumskollegen,

nach meinem eben erfolgten Debüt erlaube ich mir auch gleich einen ersten Beitrag.
Beim Besuch des Weihnachtsmarkte im Schloss Orth am Traunsee anfang dieses Monats habe ich in einer Vitrine eine äußerst interessante Endeckung gemacht (s. Bilder):
Unter vielen Funden die offenbar aus früheren Epochen stammen (Bronzezeit und Römerzeit) liegt auch ein Axtblatt, dass mich eindeutig an eine Franziska erinnert. Kennt jemand ähnliche Formen aus früheren Epochen, oder kann es sich tatsächlich um eine fränkische Wurfaxt handeln?
Mir ist bisher kein zweiter Fund in Österreich bekannt. Leider ist bei der Vitrine überhaupt kein Hinweis auf irgendwelche Hintergründe zu finden.

Grüße,
Martin
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Re: Fränkische Wurfaxt in Gmunden, OÖ???

Beitragvon hugo » 29.12.2011 20:46

:hallo: aus NÖ
Das Haus wäre passend, das Blatt aber weniger. Frag doch am BDA in Wien Frau Dr. Pollak . Sie hat OÖ aufgenommen. Vielleicht kennt sie die Herkunft des Stücks und Fundumdtände.

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Re: Fränkische Wurfaxt in Gmunden, OÖ???

Beitragvon ulfr » 30.12.2011 11:15

Bestimmungen per Foto sind immer sehr schwierig ... bronzezeitlich ist das Teil aber meines Wissens nicht, solche Axttypen waren nicht gebräuchlich. Auch aus römischen Zusammenhängen kenne ich die diese Form nicht. L.S., Du bist doch "Franziskaner" :D , was meinst Du?
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Re: Fränkische Wurfaxt in Gmunden, OÖ???

Beitragvon Bullenwächter » 30.12.2011 12:59

Meiner Meinung nach handelt es sich bei der abgebildeten Axt um eine Wurfaxt fränkischen Typs. Die Form des Kopfes zeigt alle Merkmale fränkischer Franzisken, oben einen S-förmigen Schwung unten einen einfachen Bogen. Die Schneide scheint sehr verwittert zu sein. Das ausgeprägt recheckige Auge (Axtloch) kommen zwar nicht sehr häufig vor, hier dominieren runde oder rundovale Löcher, doch gibt es sie in den Befunden.
Guck mal hierzu den Wikipedia Artikel, dort sind einige weiterführende Infos verlinkt, unter anderem einem Artikel von Ulrich Dahmlos und den Eintrag im RGA.

Die Präsentation ohne Informationen halte ich für mehr als unglücklich, da in der Vitrine Artefakte aus mehreren Jahrtausenden gezeigt werden.
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Re: Fränkische Wurfaxt in Gmunden, OÖ???

Beitragvon hugo » 30.12.2011 14:17

Hallo Bullenwächter, wir sind weitgehend einer Meinung, nur der Schwung des Axtblattes macht mich stutzig. Ohne genaue Fundumstände wäre ich im Umgang mit diesem Stück extrem vorsichtig. Gerade obskure Privatsammlungen bergen Unmengen an Fälschungen, die aber auch an rennomierten Museen nicht auszuschließen sind. Entweder sind zwei differierende Stücke miteinander verschweisst worden oder es war das Produkt eines unbegabten Lehrlings. Gelegentlich werd ich mir das Original ansehen.
Ein Kommentar von Xorx wär natürlich hilfreich.

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Re: Fränkische Wurfaxt in Gmunden, OÖ???

Beitragvon XorX » 30.12.2011 22:26

servus!

Ich würde dem Augenschein nach sagen: das is eine Franzi.
Das Blatt liegt von den Konturen her absolut im Rahmen der "Unförmigkeitsmöglichkeiten", wenn ich das so formulieren kann. Bis auf das Haus ist die eigentlich Standard. Ne absolute Größenangabe wär interessant dazu.
Ein Axtblatt aus 2 Altstücken zu schweißen wäre möglich. So eine Naht sollte am Stück zu sehen sein.
Aber wie gesagt: die Gesamtform liegt im Rahmen der Definition: S-Kurve oben, C-Bogen unten, Trapezrücken, Winkel zwischen Stiel und der Senkrechten zur Schneide über 100°
Zum Fundort: Im bajuwarischen sind die Franzis zwar selten, aber es gibt sie regelmäßig, von NW nach SO abnehmend

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Re: Fränkische Wurfaxt in Gmunden, OÖ???

Beitragvon hugo » 31.12.2011 00:17

Danke Xorx,
für mich ist das Ding extrem exotisch. Allerdings wohne ich östlich der Enns, wo man sich schon freut, wenn ein Aware einen bairischen Sax ins Grab mitbekam. Direkt an der Enns schon auf der NÖ-Seite gibt es sogar Spathenfunde und damit wahrscheinlich doch Baiern.

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Re: Fränkische Wurfaxt in Gmunden, OÖ???

Beitragvon MartinFasching » 31.12.2011 11:10

Fr. Leskovar aus dem OÖ Landesmuseum (Landesarcäologie) konnt mir auch noch nichts dazu sagen. Eine Wurfaxt bei Bajuwaren kannte ich bisher aus Straubing. Typisch fränkische Funde in Österreich kenne ich sonst nur im Zusammenhang mit der Wanderung der Langobarden (Fund von Ango und Perlrandbecken in Tulln bzw. Freundorf).

Ach ja: wo gibt es entlang der Enns auf NÖ-Seite Spatha-Funde. Ich kenne schon einen, aber dieser ist wohl karolingerzeitlich...
...den einzigen mir bekannten Hinweis auf eine Spatha aus der Zeit in relativer Nähe zum Siedlungsraum der östlichen Baiern kenne ich von W. Menghin aus seinem Buch "das Schwert im frühen MA", in dem er bei der Auflistung der Spathagehänge auf einen beinernen Pyramidenknopf (ich glaube horizontal durchbohrt) aus Mauer an der Url verweist. Auch dazu konnte mir noch kein Archäologe etwas sagen.
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Re: Fränkische Wurfaxt in Gmunden, OÖ???

Beitragvon hugo » 31.12.2011 14:42

@ Martin Fasching: Zu Jutta hab ich Dich natürlich automatisch verlinkt. Ich sah Deinen Beitrag eher ethnisch und nicht chronologisch, daher auch der Hinweis auf die karolingerzeitlichen Baiern östlich der Enns, bei Erik Szameit noch aktuell.
Brachtest Du in Gmunden etwas über die Genese der Sammlung heraus?
Da ich einmal wöchentlich Leonding aufsuche, um Spass mit meinen Enkeln zu haben, werde ich Jutta auch nochmals darauf ansprechen.

Gruß
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