Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Träger der Kulturen der Völkerwanderungszeit bis zu den Anfängen des frühen Mittelalters

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Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon Beate » 28.02.2011 15:32

Der „Mann von Bernuthsfeld“ http://de.wikipedia.org/wiki/Mann_von_Bernuthsfeld wurde im Computertomographen des Klinikum Emden vermessen.

Mit Hilfe der Daten soll das Aussehen des Mannes aus dem 8. Jahrhundert rekonstruiert werden. Erste Präsentation ist für die Ausstellung „Land der Entdeckungen – Die Archäologie des friesischen Küstenraumes“ (ab 2013) vorgesehen.

http://www.ndr.de/regional/niedersachse ... he127.html

http://www.welt.de/wissenschaft/article ... geben.html

http://www.focus.de/panorama/welt/musee ... 04185.html
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon Bullenwächter » 01.03.2011 10:14

Seit neuestem hat der Mann von Bernuthsfeld den kreativen Spitznamen Bernie

Aber ich frage mich, ob eine halbwegs realistische Gesichtsrekonstruktion aufgrund der umfanreichen Egänzungen im Gesichtsskelett und Schädelbereich überhaupt sinnvoll und möglich ist. Siehe Fotostrecke auf Welt-online.
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon Beate » 01.03.2011 11:47

Für die Presse braucht er natürlich einen Namen. :wink:

Hier noch ein kurzer Film: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/h ... s1873.html

Was mich irrtiert: "bunter Poncho" :?:
Und "Kleidung deute auf einen Reiter hin". Waran machen sie das denn fest?

Wir sollten unser Projekt nun wohl von "Frisia" auf "Friesen-Hippies" umbenennen. :lol:
Ich geh dann mal weiter Flicken sammeln...
:mammut2:
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon Bullenwächter » 01.03.2011 12:37

Die Artikel selbst hatte ich garnicht erst gelesen, da ich nicht viel davon erwartete. Es steht eh nur viel bla-bla drin....

Langsam beängstigt mich das Niveau der Presseberichterstattung, vor allem wenn man aufmerksam öffentlichrechtliche Nachrichtensender wie NDR-Info o. ä. verfolgt.
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon Beate » 01.03.2011 14:55

Och, immerhin findet man da den Hinweis auf die kommende Ausstellung, da habe ich dann gleich nach weiteren Infos gegooglet...

Also auch der blödsinnigste Artikel ist noch zu was gut. :wink:
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon Beate » 04.05.2011 09:44

Auf der HP des Museums in Emden gibt es jetzt eine Flash-Präsentation mit einer Menge Fotos u.a. auch von der Flicken-Tunika. :D

http://www.landesmuseum-emden.de/17-0-22

http://www.landesmuseum-emden.de/daten/ ... nieWeb.swf

Die Tunika habe ich zwar schon im Ostfriesischen Landesmuseum gesehen, aber leider darf man dort keine Fotos machen. :traurig:
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon Claudia » 04.05.2011 22:06

Möglich, daß sich die Reitergeschichte auf die Hüftschäden bezieht. Ich bin aber auch etwas mißtrauisch, wie wasserdicht das ist.
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon hugo » 04.05.2011 22:28

es ist doch auch ein Riemen zur Befestigung eines Sporns dabei.
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon Bullenwächter » 05.05.2011 09:15

Hahne interpretierte 1925 den Lederriemen, der nach seiner Ansicht unter dem Fuß entlang, auf dem Spann überkreuzt und oberhalb der Ferse herumlief als Riemen für einen Reitsporn. Auf der Flash-HP des Museum wird von einem Reitsport gesprochen die Möglichkeit besteht also der er geritten ist. Aber würde das zu der ansonsten recht ärmlich wirkenden, abgetrakenen Kleidung passen mit der er beigesetzt wurde?
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon hugo » 05.05.2011 10:21

Schlecht befundete Altfunde sind immer problematisch. Ist überhaupt erwiesen, dass die massiven Schädelverletzungen zu seinem Tod führten und sie nicht vom Torfspaten stammen?
Gesichert erscheint mir nur, dass es sich um eine Sonderbestattung handelt. Die fehlenden Schädelteile sprechen für eine unsachgemäße Bergung. Wenn es sich bei dem Riemen um einen Spornriemen handelt, fehlt der Sporn. Gab man an Bekleidung nur das Notwendigste und nicht die Prunkausstattung mit?

Seit dem Fund vom Similaun setzen sich für Bestattungsfunde die Verniedlichungen durch, wobei der Ötzi eigentlich Simili oder besser Smiley heissen müsste.
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon Bullenwächter » 05.05.2011 13:56

So weit ich mich erinnere waren wurden bei dem Mann keine Eisengeräte gefunden, vermutlich sind sie im sauren Moor vergangen. Es wurde eine Messerscheide gefunden, aber das Messer fehlte, ebenso wie die Gürtelschnalle oder ein möglicherweise einmal vorhandener Sporn. Hahne berichtete auch von ledernen Resten die zu einer Saxscheide gehört haben sollen.

Hahne geht, aufgrund von Dr. Grotjahns Untersuchung davon aus, dass der Gesichtsschädel von einem Spatenstich verletzt wurde.

Was die geplante Gesichtsrekonstruktion angeht bin ich sehr sehr skeptisch, und nach dem Durchblättern von Hahnes Bericht um so mehr. Er schreibt, dass ihm der Kastellan des Museums berichtet, dass der Schädel nach Auffindung zu einem etwa 2 Fäuste großem Klumpen zusammengeschrumpft war, der Klumpen soll in Kiel von Dr Grotjahn auseinandergenommen, die Schädelknochen in einer Wasserlösung wieder aufgeweicht und in ihrer ursprünglichen Form und Lage gebracht worden sein. Diese Teile wurden dann auf einen modelierten Torfklumpen befestigt um die Schädelfragmente zu fixieren. Im Tafelteil ist ein nahezu vollständiger Schädel (auch im Gesichtsbereich) abgebildet, was vermutlich auf Ergänzungen bei der Restaurierung/Konservierung zurückzuführen ist.
Leider wurde der Fund erstmals 1925, also fast 20 Jahre nach Auffindung, ausführlicher durch Hahne publiziert, der seine Informationen auch nur aus Briefwechseln und einigen wenigen Protokollen hatte.

Hier bin ich wirklich auf die neue Bearbeitung gespannt....
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon hugo » 05.05.2011 14:57

Da wir hier keine Moor- und nicht einmal Gletscherleichen haben, steh ich jetzt an. An Nydam und Thorsberg kann ich mich natürlich erinnern. Dort sind die Eisenwaffen aber gut erhalten. Ich dachte, dass Säure den Kalk der Knochen löst und nur Hautsäcke über bleiben. Das Skelett von Bernuthsfeld kommt mir aber ganz stabil vor. Vielleicht, gibt es einen Chemiker in der Runde, der eine Erklärung für das Verschwinden von Eisen hat.
Mit der Gesichtsrekonstruktion stimme ich Dir absolut zu. Man erzeugt damit zwar ein einducksvolles Exponat, aber authentisch wird es nicht. Seriöse Werkstätten werden das sicher ablehnen.
Die Patchworktunika ist aber ein schönes Stück.
Beim "Nähen mit den Kettfäden" war mir nicht klar, ob das Material des Nähfadens den Kettfäden entsprach, oder ob tatsächlich die Kettfäden verwendet wurden.

Gruß
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon Bullenwächter » 05.05.2011 19:11

Hallo Hugo!

Je nach Moortyp liegen die ph-Werte mehr im sauren, neutralen oder auch basischen Bereich, dementsprechend sich die Erhaltungsbedingungen für Eisen, Knochen oder Körpergewebe sehr unterschiedlich. Nydam war zur Zeit der Opferungen ein offener See der verlandete, hier war der ph-Wert wohl nicht so weit im sauren Bereich. Aber auch innerhalb eines Moores können die Verhältnisse sehr unterschiedlich sein wie in Windeby, wo der Junge (ehemals als Mädchen angesprochen) wesentlich besser erhalten war als der nur 5 m entfernt gelegene Mann.

Hier ist eine kurze aber übersichtliche Erklärung der verschiedenen Moortypen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Niedermoor ... _Moortypen

In sauren Mooren mit hohem Huminsäureanteilen vergehen Knochen schneller, da die Säure das Kalzium aus den Knochen löst, so dass nur noch die Kollagenstruktur vorliegt, bis die Knochen dann weich und biegsam sind, oder komplett vergehen. Dafür erhalten sich hier Haut, Gewebe, Leder, Wolle, Haare etc. besonders gut.
http://de.wikipedia.org/wiki/Erhaltungs ... _Moorboden

Da sich beim Mann von Bernuthsfeld Haare, Leder etc. und vor allem die Wolle gut erhalten haben ist davon auszugehen, dass das Moor an dieser Stelle im sauren Bereich war, zumindest so sauer, dass Eisen verging.

Bei der Naht mit Kettfaden gibt es die Möglichkeit die zum Nähen benötigten Kettfäden aus dem Stoffstück zu trennen, würde bei dem Kittel von Bernuthsfeld Sinn machen.
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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon Gerald der Uhl zu Wilhaim » 13.05.2011 10:11

Dem unterschiedlichen Microklima im Moor, kann ich zustimmen.

Laut Fr. Dr. Haas-Gebhardt beruht der Erhaltungszustand der Moorleiche "Rosalind" im gegensatz zu den Behauptungen Schlabows, ausschließlich von diesem Microklima.
Unterarme und Kopf skeletiert, aber Wollkleidung vollständig erhalten, Ebenso die sagenumwobenen Lederstiefel.
Und ich hab die Gute Rosalind schon mit eigenen Augen im Staatsarchiv im Keller betrachtet.
Gerald Uhl de Canehan

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Re: Moorleiche von Bernuthsfeld: neue Untersuchung

Beitragvon hugo » 13.05.2011 12:48

Danke Andi und Gerald,

die sauren Bedingungen im Moor unterscheiden sich also doch stark von denen in sauren Böden. Ich habe schon FMA-Gräber gegraben, deren Skelette völlig vergangen waren, das Eisen aber erhalten. In Bernuthsfeld ist es ja umgekehrt. Das irritierte mich. Ich kann mir vorstellen, dass die Feuchtigkeit im Moor auch eine Rolle spielt und es zu Elektrolyse kommt.

:idea: :idea: :idea: :idea:

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