Die Heilkraft des Todes

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Die Heilkraft des Todes

Beitragvon Fridolin » 29.01.2009 18:08

Die Heilkraft des Todes
Waren die Europäer einst Kannibalen? Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war Menschenfleisch fester Bestandteil der Medizin.

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,604175,00.html

PS:
Ist zwar außerhalb des Zeitrahmens. Aber bei der Diskussion kannibalischer Riten (z.B. bei den Helvetiern) darf man solche historisch belegte Fakten nicht außer Acht lassen. Ich bin ziemlich geschockt, was da ablief...
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Beitragvon Nils B. » 29.01.2009 19:04

Die Diskussion um Kannibalismus ist immer schwer ethisch-moralisch aufgeladen, und es gibt hochgebildete Menschen, die sowas nicht mal in ihrer entferntesten Ahnenreihe dulden wollen und Hinweise auf rituelle, also nicht aus höchster Not geborene, Anthropophagie ignorieren, bzw. 'wegzudeuten' versuchen.

Zum anderen muß man aber auch immer vorsichtig sein, ist dieses Thema in den Medien doch stes ein Garant für Aufmerksamkeit und somit anfällig für Übertreibungen und makabere Ausschmückungen aller Art. Von Bilzingsleben bis zu Fritz Haarmann...
***
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Beitragvon Bullenwächter » 29.01.2009 20:03

Ich werfe mal eine Handvoll Mumia herein.
Der Tag wird kommen, da wir um zu bewahren, töten müssen!
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Ja! :)

Beitragvon Joze » 29.01.2009 20:51

DAS stimmt! Tabu Themen sind immer Massen-Projektionnen von indiwiduellen Nerwösen von einen 'selbst-erwünschten-XY-Charakter'
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Beitragvon Blattspitze » 29.01.2009 22:47

http://homepage.univie.ac.at/hermann.mu ... eckler.pdf

Dies ist ein sehr empfehlenswerter Artikel.

Die größtmögliche Schmach für den besiegten Gegner: Er wird gegessen und in etwas äußerst geringschätziges verwandelt ...

... ansonsten stelle ich mir eine Gruppe jungpaläolithischer Jäger/Sammlerinnen vor, deren Ausrüstung bei Sturm oder Furtüberquerung verlorenging, die Wanderrichtung der Rentiere hat sich geändert, die Gruppe sucht nur deshalb Unterschlupf in einer Höhle und muss unter diesen unglücklichen Umständen den Winter überstehen ...

...und dann war da noch der Flugzeugabsturz in den Anden in den siebzigern ...

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Beitragvon ulfr » 30.01.2009 00:37

Es gibt aber auch die Untersuchungen von

Heidi Peter-Röcher "Mythos Menschenfresser" Beck?sche Reihe, München 1998


und Jörg Orschiedt http://www.historisches-centrum.de/index.php?id=157

der sich öfters mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Wie Nils schreibt - Meldungen über Kannibalismus sind mit Vorsicht zu genießen :twisted:

Aber wenn nur die Hälfte der Stories im Spiegel wahr ist, dann reicht es schon für einen kleinen Schock, hast Recht, Fridolin.

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Beitragvon Blattspitze » 30.01.2009 00:59

Gerade auf die Arbeit von Heidi Peter-Röcher nimmt der von mir verlinkte Artikel kritisch Bezug. Siehe dort z.B. Anmerkung 6 und 7.
In Melanesien und Polynesien gab es Kannibalismus, auch in den eigenen Überlieferungen der entsprechenden genannten Ethnien ist das kein Geheimnis und es wird offen tradiert. Bei den Maori gibt es z.B. viele Ortsbezeichnungen, die konkret auf kannibalistische Ereignisse Bezug nehmen.
Bei uns Tabu, warum muss das in anderen Gesellschaften und in lange vergangenen Zeiträumen auch Tabu gewesen sein?
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Beitragvon Fridolin » 30.01.2009 02:17

Offen gestanden stört mich die Doppelmoral unserer Altvorderen bzw. der damaligen herrschenden Kreise: Ferne Länder wurden okkupiert, unter dem Vorwand natürlich, den schrecklichen Kannibalismus der Heiden ausrotten zu wollen. Astreiner Völkermord. Und moderne Politiker beschwören immer wieder die christlichen Werte...

Na ja, und in meinem Geburtshaus gab es eine uralte schnuckelige Apotheke, gegründet irgendwann um 1400.

Da kann es einem schon übel werden.

Nächtliche Grüße

Fridolin
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Beitragvon Turms Kreutzfeldt » 30.01.2009 07:52

Ich bin da ziemlich unempfindlich, macht wohl der Katholizismus ... ähem... zur Mumia: In einer alten Lübecker Apotheke fanden sich noch zwei vollständige ägyptische Mumien, die dann wohl ins Museum kamen, wenn meine Erinnerungen der altlübecker Legenden nicht trügt.

Turms,
der Menschenfleisch, weiblich, lieber frisch und knackig genießt... noch mal ähem...
Ich bin der Schleuderer, der stets aufschreit und das mit Recht, denn alles was nicht schleudert, ist wert das es auch untergeht, so ist denn alles, was ihr Schleudern nennt, mein eigentliches Element...
nach Hildegunst von Mythenmetz, Erinnerungen
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Beitragvon Fridolin » 30.01.2009 09:02

Turms,
ich hab' drüber geschlafen und - wie sagt man so schön? - die Sache verdaut...

Sonnige Grüße

Fridolin
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Beitragvon Wandalstouring » 30.01.2009 09:33

Einen gewissen Grad von Wirkung dürften diese Rezepte schon haben. Siehe Placebo-Effekt.
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Beitragvon ulfr » 30.01.2009 10:49

Blattspitze hat geschrieben:der von mir verlinkte Artikel kritisch Bezug. Siehe dort z.B. Anmerkung 6 und 7.


Konnte ich leider gestern abend nicht lesen, sorry, Server war unten. Wirklich interessant.

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Beitragvon Thomas Trauner » 30.01.2009 13:58

Ich habe da keine abschließende Meinung. Mir gebricht es da einer durchgängig logischen Definition des Begriffes.

Die im Spiegel beschriebenen Vorgänge würde ich nicht als Kannibalismus sehen, sondern einfach als Aberglaube.
Die reine Verwendung menschlicher Teile im "Medizinischen Bereich" genügt als Definition sicher nicht.
Urea ist in fast allen Hautcremes, Organverpflanzungen sind gang und gäbe, von der ganzen Stammzellenproblematik red ich erst mal gar nicht.

Ich denke, es wird uns bei den beschriebenen Praktiken vor allem deshalb schlecht, weil es gegessen wurde. Ein verpflanztes Menschenteil wird da sicher eher aktzeptiert.

Hört sich jetzt "cool" an. Ist es nicht. So ein Quatsch ist natürlich erschütternd.
Ich bin mir jedoch verdammt sicher, dass die Mediziner damals mit der gleich Inbrunst davon überzeugt waren, wie die, die heute "Schönheitsoperationen" für medizinisch sinnvoll halten....
:roll:

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Beitragvon Joze » 30.01.2009 14:33

Tja, so wie schon oben steht: "doppelte Moral" kann wirklich sehr süss und nett "scheinen" - aber in Wirklichkeit mördert tausende von einheimischen Naturvölker, oder heutzutage: kann sehr rasistisch und moralproblematisch wirken.
"Sag mir, was/wer du bist?" ist falsch; richtig ist: "zeig mir deine Arbeit-Produkte, dann sehe ich, wer du bist!"

Also: jede Kultur ist aus Blickwinkel von Kulturanthropologie relativistisch und begrenzt in ihre selbsterfindene und selbsterwünschte Moral-Regeln und Dogmen, was ihren Verhalten angeht.

Und jeder Mensch prädigt von Moral, wenn ihm nicht schlecht geht und wenn er in seiner Umgebung gut integriert ist oder wenn er auf Seite des "Mehrheit" ist und zeigt an andere "Marginall/Rand-Gruppen" an Gesellschafts-Rand. Was wird, wenn er selber einmal in so eine ähnliche Extreme - "Rand-Situation" kommt und wo muss er sich für sein Leben mit allen Mitteln kämpfen?

Alles das sind gute Beispiele für eine soziologische Analyse auf Ebene gesellschaftlichen "Gruppen-Leben" und auf micro Ebene für eine "tief-psychoanalythische" Analyse von konkretten Leuten oder Gruppen.
Habe einiges noch vor kurzem selber erlebt, bevor ich hier ins AF gekommen bin.

Eben in solchen Tabu-Themen spiegelt sich unsere moralische, selbsterfinderliche "Wert-Shema" die aber nur innerhalb des konkreten Gesellschaft/ oder eine Gruppe existieren kann und auch existiert nur so. Für Aussen-Betrachter ist die "nur" ein stereothypisches Verhalten, oder fremdes Verhalten - so wie hier Kanybalismus ist.
Kanybalismus ist also für uns, "Aussen-Betrachter" etwas unvorstellbares, grausames, etc .... Hier sollen wir aber mindestens zwei verschiedene Kanibalismus-Arten unterscheiden:
- Kanibalismus im Not (Krieg, Hunger, Unfall, etc .....) - also, profanen K. und anderen:
- Rituall-Institutionalisierten, sakralen Kanibalismus. Und dabei nicht vergessen:
genauso wie es noch heute ist, dass unsere selbsterfinderliche gesellschaftliche Normen, Institutionen, und Tabus, unsere Gesellschaft regieren, ordnen und "führen," ... auch einmal bei Natur-Völkern alles gleich (natürlich mit "anderer" aussen-Form) "geregelt" war - und so haben alle gesellschaft-geregelte Normen und Praktiken, also auch Kanibalismus, ihren gemeinsamen "Uberleben" mitgeholfen.

... und dann kamen andere, "bessere" Leute mit "Doppelte-Moral" und wollen Welt nach "ihren" Art mit "ihren" Mitteln führen und regieren... und .... die schmieren sich auf Haut chemisch verarbeitete Tierisch-Menschliche Produkte als eine "Anti-Age" Nacht-Chreme....

Gruss!

Joze
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Beitragvon Trebron » 30.01.2009 14:45

Sehr gut Thomas !

Wenn eine Hyäne eine verendete Gazelle verspeist, ist sie ein Aasfresser,
unser Schnitzel ist auch nicht immer ganz frisch :D

Hat zwar nix mit Kannibalen zu tun, aber der (moderne) Mensch redet sich es so, wie er es braucht.

Ich geh mal ein Mettbrötchen essen :D

Trebron


@ Thomas, was ist mit den Steinchen ?
Wer nur zurück schaut, sieht nicht was auf ihn zu kommt
Uff pälzisch: wä blos zurigg guggt, sieht net was uff`ne zukummd
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